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„Es ist keine Schande, arbeitslos zu sein“

Kleiderstube „Es ist keine Schande, arbeitslos zu sein“

Kleiderkreisel, Tauschbörse oder Kleiderkorb: Was auf diesen Internetplattformen bereits zum Trend avanciert ist, gilt in anderen Situationen als Schande: das Auftragen von gebrauchter Kleidung.

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Willi Bösser (von links), André Steinmetzger und Herbert Berghöfer unterstützen „Arche Wetter“-Gründerin Ursula Steinmetzger tatkräftig in ihrer Kleiderstube.

Quelle: Carolin Wedler

Ernsthausen. Die Kleiderstube, die „Arche Wetter“-Initiatorin Ursula Steinmetzger vor kurzem in Ernsthausen eröffnete, richtet sich an Menschen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Auch Rentner, Zeitbeschäftigte und Alleinerziehende sind willkommen.

Doch gerade diese Beschreibung scheint viele Leute abzuschrecken. Als finanziell eingeschränkt möchte niemand gerne gelten. „Schon gar nicht auf den Dörfern“, erzählt Ursula Steinmetzger. „In den Städten werden solche Projekte viel besser angenommen, da sind die Menschen offener. Hier haben viele Angst, man könnte schlecht über sie reden.“

Da habe sie schon einige Sachen erlebt, die sie sehr beschäftigen. „Eine Dame sagte mir mal, sie könne sich keine Tasche hier kaufen, die könnte ja jemand anderes aus dem Dorf hergebracht haben“, erinnert sie sich.

Das Verkaufen von gebrauchter Kleidung zu einer symbolischen Summe ist in Ursula Steinmetzgers Lädchen das Konzept. Neben Herren- und Damenkleidung gibt es aber auch Geschirr, Kinderspielzeug, Sofas und Schränke - eben „Alles unter einem Dach“, wie sie ihren Laden genannt hat.

Auch Schnäppchen für einen Euro gibt es: einen schicken Pullover oder warmen Schal. Sie wolle die Menschen so gut es ginge unterstützen, deshalb habe sie in ihrem Laden zusätzlich eine Treffecke eingerichtet, in der sie den Menschen auch zuhören und sie beraten wolle.

„Ich weiß, wie es ist, wenn man wenig Geld hat“, erläutert sie ihre Bemühungen. „Auch ich musste zwei Jahre lang mit Hartz IV auskommen.“ Steinmetzger gründete daraufhin 2005 eine Selbsthilfegruppe für Arbeitslose und 2006 die „Arche Wetter“.

Leben mit Hartz IV

Nachdem sie ihren Job als Altenpflegerin verlor, habe sie sich sehr wohl geschämt. „Die erste Zeit habe ich wie jeden Morgen meine weiße Arbeitskleidung angezogen und bin aus dem Haus gegangen, damit keiner sah, dass ich arbeitslos war“, denkt sie an die Zeit zurück. Doch irgendwann habe sie gemerkt, dass es keine Schande ist, ohne Beruf zu sein. Niemand sei damit alleine und es gebe immer Menschen, die einen unterstützen.

Auch bei ihrer Arbeit in der Kleiderstube bekommt sie tatkräftige Unterstützung, wenn auch nur von einigen wenigen. „Mein Sohn André ist immer für mich da und unterstützt mich auch nach der Arbeit, wo er kann“, erzählt sie. Auch Willi Bösser und Herbert Berghöfer packen tatkräftig mit an. Berghöfer stieß rein zufällig auf das Hilfsprojekt und bot sogleich seine Hilfe an. Er übt sich hauptsächlich als Elektriker, springt aber auch im Verkauf ein oder betreut das Geschäft. „Das hier ist natürlich kein gehobenes Secondhand-Lädchen, das wäre auch nicht Sinn des gemeinnützigen Projektes, aber dennoch ein normales Lädchen, keiner muss sich schämen, hier zu kaufen“, betont er.

Auch Willi Bösser sieht das so: „Viele haben kein Geld in der Tasche und trauen sich doch nicht, bei uns reinzuschauen.“ Mehr freiwillige Helfer könne sie wirklich gut gebrauchen, betont Steinmetzger. „Wir stürzen uns so schon in immense Unkosten: die Pacht, das Benzin“, auf Helfer sei sie deshalb angewiesen. Und auf Käufer. Es ist eben doch ein Unterschied, ob jemand Kleidung anderer auftragen kann oder muss. So bleibt nur zu hoffen, dass sich das positive Bild von Secondhandkleidung auch hier durchsetzt. „Die Menschen gehen ja auch auf den Flohmarkt, um Geld zu sparen“, sagt Ursula Steinmetzger. „Bei uns gibt es nur günstige Kleidung. Hübsche Sachen, die man sehr gut tragen kann.“

Das Lädchen in Ernsthausen ist mittwochs und samstags von 10 bis 14 Uhr und freitags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

von Carolin Wedler

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