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„Er ist betrunken, flippt aus, schlägt zu“

Gericht „Er ist betrunken, flippt aus, schlägt zu“

Nachdem er seine Lebensgefährtin jahrelang misshandelt und angegriffen hatte, muss ein sucht­kranker Gewalttäter nun zur Langzeittherapie.

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Marburg. Wie ein sich immer schneller drehender Strudel der Gewalt erscheint die lange Liste an Vorwürfen, die die jahrelangen Übergriffe eines heute 26 Jahre alten Mannes gegen seine Lebensgefährtin dokumentiert. Insgesamt 13 Taten warf die Marburger Staatsanwaltschaft dem jungen Vater vor, darunter zahlreiche Gewalttaten während der Beziehung zwischen 2013 und 2016. Diese war geprägt von Streit, Drohungen und Übergriffen. Das Paar lebte anfangs noch bei den Eltern des Mannes im Nordkreis, später in einer eigenen Wohnung. Mehrmals soll der Angeklagte seine Lebensgefährtin gewürgt und mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben.

Auch als die Geschädigte 2014 schwanger wurde, habe das den aggressiven Freund nicht davon abgehalten, ihr mehrmals den Ellenbogen in den Bauch zu rammen. Im Jahr darauf wurde der gemeinsame Sohn ge­boren. Das Kind war krank, die Eltern lebten zeitweise in einer Elternwohnung in der Klinik. Auch dort flippte der junge Vater aus, soll die Geschädigte gepackt und gegen eine Wand ­geworfen haben.

Angeklagter gibt die zahlreichen Vorwürfe zu

In den folgenden Monaten soll der Mann einmal ein Handy, ein anderes mal zwei gefüllte Wäschekörbe nach seiner Freundin geworfen haben, während sie den sechs Monate alten Sohn auf dem Arm trug. Laut Anklage warf er sie eine Treppe hinunter und schlug mit den Fäusten zu, wodurch die Frau Hämatome, Schürfwunden und Schwellungen davontrug. Auch während Autofahrten soll er handgreiflich geworden sein, schlug angeblich zu, während die Frau am Steuer saß, und griff ins Lenkrad, während das Kind auf dem Rücksitz mitfuhr. Auch den Hund der Geschädigten soll er mehrmals gequält und etwa mit den Scherben eines zerstörten Bilderrahmens verletzt haben.

„Es gab immer wieder Streit und Gewalt, aus völlig nichtigem Anlass“, fasste Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier zusammen. Die lange Beziehung war ein Auf und Ab aus ruhigen Phasen und gewalttätigen Exzessen, so die Zeugin. Dennoch hielt anscheinend die Liebe die junge Frau jahrelang bei ihrem gewalttätigen Partner.

Er lebte Anfang dieses ­Jahres alleine in einer Wohnung im Ostkreis. Auch dort soll er ­eine zweite Geschädigte angegriffen, zu Boden geschlagen und schwer malträtiert haben. Seit Monaten sitzt der Mann in Untersuchungshaft. Er ist bereits vorbestraft, unter anderem wegen Körperverletzung und Waffenbesitz. Die Polizei hatte bei ihm ein verbotenes Nunchaku gefunden, ein sogenanntes Würgeholz.

Während des mehrtägigen Prozesses gab der Angeklagte die Vorwürfe zu. Erinnern könne er sich allerdings an keinen der Gewaltexzesse, so seine Aussage. Der Grund: Hinter nahezu allen Taten stand anscheinend ein massives Drogenproblem des jungen Mannes. Der konsumierte im Tatzeitraum regelmäßig Alkohol, Amphetamine, Kokain oder Cannabis, wie er zugab. War er im Rausch, brannten ihm die Sicherungen durch. „Er ist betrunken, er flippt aus, er schlägt zu“, beschrieb die Staatsanwältin. Ein psychiatrischer Sachverständiger stellte bei dem Mann eine Mehrfachabhängigkeit fest und schlug eine Langzeittherapie vor. Darauf einigten sich alle Prozessbeteiligten, auch der Angeklagte stimmte zu. „Er will sich helfen lassen und an sich zu arbeiten. Letztlich war er völlig überfordert mit seiner kleinen Familie und funktionierte nur mit Alkohol und Drogen“, erklärte Verteidiger Thomas Strecker.

Der Angeklagte wurde wegen dreifacher gefährlicher Körperverletzung, einfacher Körperverletzung in neun Fällen, mehrfacher Nötigung, Misshandlung eines Tieres, Sachbeschädigung, Beleidigung, Waffenbesitz und gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr verurteilt. Das Strafmaß legte das Schöffengericht auf drei Jahre und sechs Monate fest und verurteilte ihn zur Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Darüber hinaus hat er ein Schmerzensgeld von 2000 Euro an seine ­Ex-Freundin zu zahlen.

von Ina Tannert

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