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Energiewende leidet unter Verunsicherungen

Klimakonferenz Energiewende leidet unter Verunsicherungen

Im Nordkreis wird in Sachen erneuerbare Energien und Klimaschutz richtig viel getan. Bei der lokalen Klimakonferenz hagelte es Kritik an den Änderungen der Förderung durch die Bundesregierung.

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Wolfgang Strack (links), Geschäftsführer der Firma Teläst in Caldern, stellte unter anderem das vom Aussehen wie den Fahrleistungen her mehr einem Kleinkraftrad als einem Fahrrad ähnelnde eRockit vor.

Quelle: Manfred Schubert

Sterzhausen. „Viele Projekte wird es nicht mehr geben, weil die Fördersätze ab 2014 drastisch verringert werden“, befürchtet Markus Klockmann. Der Prokurist und Projektleiter des Ingenieurbüros Seeger Engineering in Hessisch Lichtenau referierte über die Änderung der Förderung von Biomassenanlagen und fasste den jetzigen Stand der Planungen zur Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) zusammen.

Er sprach vor der AG der heimischen Bioenergiedörfer, die in der Maschinenhalle an der Biogasanlage des Hofs Geißel tagte. Im Moment gehe es bei Fristen und Prozentsätzen noch hoch und runter, er sei gespannt, was bei der Verabschiedung im Juli herauskommen werde und appellierte an alle, die Kontakt zur Politik und Einfluss haben, auf diese einzuwirken.

So, wie es jetzt stehe, würden die Erlöse bei Biomassenanlagen, je nach eingesetztem Rohstoff, um 30 bis 40 Prozent sinken, ein Projekt wie das Nahwärmenetz in Schönstadt wäre damit wirtschaftlich nicht mehr umsetzbar, meinte Klockmann. Er sah Korrekturbedarf am geplanten EEG: Die Boni müssten wieder eingeführt werden. Die geplante Marktprämie schaffe zwar Flexibilität, Strom werde dann produziert, wenn er gebraucht werde, aber die Mehrerlöse daraus kompensierten jedoch nicht die entfallenden Boni.

Die geplante Deckelung von Biomassenanlagen auf 100 Megawattstunden pro Jahr müsse auf 300 erhöht oder ganz abgeschafft werden. Und schließlich sei es ganz wichtig, den Vertrauensschutz weiter zu gewährleisten. Viele Anlagen wurden unter dem EEG 2012 geplant und konnten den Stichtag 23. Januar, unter anderem wegen langer Lieferzeiten der Technik, nicht einhalten, daher sollte der 1. September Stichtag werden. Mit Grafiken hatte er zuvor die Zielrichtung des neuen EEG verdeutlicht: künftig sollen Offshore-Windkraftanlagen massiv gefördert werden.

Hans-Jochen Henkel, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft Bioenergiedorf Oberrosphe, fragte, wie der Landkreis angesichts dieser Gesetzeslage mit dem Ziel, bis 2040 energieautark zu werden, umgehen wolle. Dr. Norbert Clement, Fachdienstleiter Erneuerbare Energien beim Landkreis Marburg-Biedenkopf und Moderator der Veranstaltung, sagte vor den etwa 30 Zuhörern: „Das ist natürlich ein Schlag ins Kontor“. Auch den Photovoltaikausbau werde man längst nicht mehr so hinkriegen wie in der Vergangenheit. Bei der Energieeffizienz wurde noch zu wenig getan, in den kommenden Jahren müsse der Energieverbrauch insgesamt drastisch reduziert werden. So wolle man in diesem Jahr speziell auf Möglichkeiten der Dämmung hinweisen. Clement kritisierte die „gebetsmühlenartig“ über die Medien wiederholte Aussage, Strom würde durch die EEG-Umlage zu teuer.

Wetters Bürgermeister Kai-Uwe Spanka wettert

Michael Meinel, Klimaschutzmanager des Nordkreises, wies darauf hin, dass in der Zeit, in der der Strompreis um ein Drittel gestiegen sei, der Wärmepreis sich verdreifacht habe.

Wetters Bürgermeister Kai-Uwe Spanka fragte in Richtung des Bundestagsabgeordneten Sören Bartol (SPD), warum die Bevölkerung mit angeblich immens steigenden Stromkosten verunsichert werde. Die lägen im Durchschnittshaushalt bei 93 Euro im Monat, wenn eine Familie das nicht bezahlen könne, habe sie ganz andere Probleme. Die Energiewende sei auch mit den Vergütungssätzen bezahlbar, die vor zwei bis drei Jahren galten, betonte Spanka und wies auf die „Profiteure der Atomkraft“ hin, die sich von ihrer Verantwortung zurzeit „freikaufen“ und die „Nachhaltigkeit“ der Atomkraft an die Steuerzahler weitergeben wollten. „Wenn es so weitergeht, finden sie keinen Bauer und keine Genossenschaft mehr, die sich engagieren wollen, dann ist die Energiewende am Ende“, befürchtete Spanka und forderte Sören Bartol auf, im Gespräch mit den Menschen zu bleiben.

Bartol hatte zuvor um Verständnis für das EEG 2014 geworben, eine Änderung sei seit vier Jahren überfällig gewesen, es habe Überförderungstatbestände gegeben. Es sei ein sehr kompliziertes Gesetz mit ganz vielen Stellschrauben, die sich gegenseitig beeinflussen.

Eröffnet hatte die zweitägige Klimakonferenz eine gemeinsame Konferenz der Nordkreisparlamente mit etwa 80 Teilnehmern am gleichen Ort. Die Biogasanlage Geißel versorgt über das Blockheizkraftwerk an der Wollenbergschule das Nahwärmenetz von Wetter und veranschaulicht somit auch die interkommunale Zusammenarbeit. Die Hallendächer sind vollständig mit PV-Modulen bestückt, seit kurzem dreht sich dort eine Miniwindkraftanlage. Bernd Geißel bot Führungen durch die Anlage an, die laut Michael Meinel eine der effizientesten im Landkreis sei.

Am Samstagnachmittag war dann das Zukunftsziel „Klimaschonende Mobilität“ in der Region Burgwald-Ederbergland für die LEADER-Förderperiode 2014 bis 2017 Thema. Dazu und zu den anderen Themen passende Informationsstände hatte Dienstleister, Energieinitiativen, Handwerker und Anlagenhersteller aus der Region aufgebaut.

von Manfred Schubert

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