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Einsatzstärke am Tag wird zum Problem

Cölbe Einsatzstärke am Tag wird zum Problem

Zwischen 85 und 90 Prozent können Welten liegen. Wenn es um einen so genannten „Schutzerreichungsgrad“ geht, offenbar sogar Galaxien.

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Verkehrsunfall auf der B 3 zwischen dem Chausseehaus und Schönstadt. Nicht zuletzt die vielbefahrene Bundesstraße sorgt für häufige Einsätze der Feuerwehren aus Cölbe.

Quelle: Nadine Weigel

Cölbe. Der Feuerwehrbedarfs- und Entwicklungsplan wird in einer jeden Gemeinde regelmäßig fortgeschrieben. Wenn nicht gerade irgendwelche Streitereien am Köcheln sind, geschieht dies normalerweise geräuschlos.

In Cölbe kam nun ein Beschlussvorschlag ins Parlament, der nur aus zwei Sätzen bestand. Um es gleich zu sagen, der erste Satz wurde ohne Probleme beschlossen, der zweite hingegen wurde schlichtweg abgelehnt - und das aus gutem Grund. Also, worum geht es?

Vorwurf des Organisationsverschuldens könnte kommen

Der erste Satz lautet: „Die Gemeindevertretung beschließt, dem Vorschlag des Gemeindevorstandes zuzustimmen und das Schutzziel gemäß der Variante A nach Empfehlung des Gemeindebrandinspektors festzulegen.“ Das klingt gut, schließlich vertraut man auch dem Expertenwissen des obersten Feuerwehrmannes der Gemeinde.

Satz zwei heißt hingegen: „In diesem Zusammenhang beschließt die Gemeindevertretung gemäß der Empfehlung des Gemeindevorstandes einen Schutzzielerreichungsgrad von 85 Prozent festzulegen und nimmt die Stellungnahme des Herrn Gemeindebrandinspektors zur Kenntnis.“ Das klingt irgendwie nach Differenzen. Und ja, Gemeindebrandinspektor Volker Vincon hatte den Gemeindevorstand darüber informiert, „dass eine Festlegung des Schutzzielerreichungsgrades unter 90 Prozent in rechtlicher Hinsicht als äußerst problematisch zu werten ist, da der Vorwurf des Organisationsverschuldens zutreffen könnte“. Es sei selbstverständlich, dass die Feuerwehr keinen hundertprozentigen Schutz bieten kann, doch sei dies unrealistisch. Der Erreichungsgrad spiegelt den prozentualen Anteil der Einsätze wider, bei denen die beiden Parameter „Hilfsfrist“ und „Funktionsstärke“ eingehalten werden. Die Hilfsfrist ist im Landkreis Marburg-Biedenkopf mit zehn Minuten festgelegt. Bleibt die Funktionsstärke. Und da sieht Cölbes Bürgermeister Volker Carle den Kern des Problems. „Nach Feierabend bis zum nächsten Morgen sowie an den Wochenenden sehe ich keine Probleme, doch wenn die berufstätigen Feuerwehrleute nicht in ihren Orten sind, also bei der Tagesbereitschaft, wird es wirklich eng“, sagte er den Cölber Parlamentariern. Hinzu käme, dass die, die wohnortnah arbeiten, manchmal nicht einfach ihren Arbeitsplatz verlassen dürften.

Tagbereitschaft ist Thema

„Wir haben hier zwar Betriebe, die den Feuerwehrleuten gestatten, direkt zum Einsatz zu fahren, aber ob das immer ausreicht, wage ich zu bezweifeln.“ Deshalb, und nur um auf diese Gefahr aufmerksam zu machen, wollte der Bürgermeister den Erreichungsgrad von 90 auf 85 Prozent nach unten korrigieren. Denn: „Was, wenn ein Feuer entsteht, und es ist keiner da, der hilft?“. Die dünne Decke an Feuerwehreinsatzkräften während der Tagstunden müsse zum Thema gemacht werden, so Carle entschieden.

Es gab durchaus Verständnis für das Anliegen des Bürgermeisters, doch es hier anzubringen sei das falsche Signal, denn: „Wir haben alle davon Kenntnis genommen, dass, wenn wir hier einen Erreichungsgrad von 85 Prozent beschließen, wir diesen nicht genehmigt bekommen und die Sache nur zur Neuabstimmung zurückbekommen“, so Gisela Nagel-Rotarius von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Heinz Wilhelm Wasmuth sagte: „Wir können ja unsere Bedenken an den Kreisbrandinspektor herantragen und dafür auch ein Bewusstsein im Kreistag schaffen.“ Carle versprach, dass er das Thema bei der nächsten Bürgermeister-Dienstversammlung ansprechen wolle. Ohne konkret zu werden, welche „Mittel“ er im Kopf hat, sagte er: „Wenn wir diesen Standard nicht erreichen können, müssen wir Mittel ergreifen, um ihn zu erreichen.“ Das sei es wert, diskutiert zu werden. Gemeindebrandinspektor Volker Vincon hatte sich die Mühe gemacht und in Stellungnahmen geschildert, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit Einsätze bei bei einem „kritischen Verkehrsunfall“ und einem „kritischen Wohnungsbrand“ bestmöglich ablaufen können.

Zu einem kritischen Wohnungsbrand, bei dem es auch noch um die Rettung von Menschen geht, muss beispielsweise zur Einleitung wirksamer Maßnahmen in der ersten Einsatzphase ein Löschfahrzeug mit sechs Einsatzkräften, davon vier Atemschutzträger, und nach weiteren fünf Minuten weitere neun Einsatzkräfte zur Bewältigung des kritischen Wohnungsbrandes erscheinen. Vincon schreibt: „Für die Ausübung der technischen Einsatzleitung ist eine qualifizierte Führungskraft einzusetzen, somit ergeben sich insgesamt 16 Funktionen, nach der Alarmierung in 15 Minuten.“ Nicht anders verhält es sich bei einem kritischen Verkehrsunfall.

Vincon weist in seinen Ausarbeitungen darauf hin, dass bei Zielerreichungsgrad von 80 Prozent keinesfalls mehr von einer leistungsfähigen Feuerwehr gesprochen werden könne. Dies könne letztendlich bei einem möglichen Schadensfall mit anschließender Rechtsstreitigkeit als „Organisationsverschulden“ gewertet werden. Die Parlamentarier sprachen sich wie erwähnt gegen die freiwillige Herabsenkung auf 85 Prozent aus und strichen den Satz komplett aus dem Beschluss.

von Götz Schaub

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