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Einheit im Dorf lässt Coup gelingen

Oberasphe 1974 Einheit im Dorf lässt Coup gelingen

Heinrich Lölkes, Hermann Hallenberger und Hermann Koch waren dabei, 1974, als es um alles oder nichts ging. Als alle Oberaspher einen beeindruckenden und leidenschaftlichen Kampf für die Wahrung ihrer Interessen führten.

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Hermann Hallenberger (von links) war 1974 als 43-Jähriger mit dabei, Hermann Koch war damals 24 und Heinrich Lölkes 45. Vor dem siebten Straßenfest, das seither alle sieben Jahre stattfindet, erinnern sie sich an die heiße Phase der Entscheidung.

Quelle: Götz Schaub

Oberasphe. „Nein, es ging uns damals nicht darum, nicht mit den Battenbergern zusammenkommen zu wollen“, macht Hermann Koch deutlich. Mit den Nachbardörfern diesseits und jenseits der Kreisgrenze pflegte und pflegt Oberasphe gleichermaßen freundschaftliche Beziehungen. Nein, es war ein anderer Grund, der das Dorf von heute auf morgen rebellisch werden ließ. „Obgleich wir deutlich mehr Ver­bindungen nach Niederasphe hatten, das zum Landkreis Marburg-Biedenkopf kommen sollte, hieß es für uns, dass wir zu Battenberg, also zum Landkreis Waldeck-Frankenberg kommen sollten“, erinnert sich Hermann Hallenberger.

Als dann durchsickerte, dass alle Ämter, die in Frankenberg ansässig waren, nach Korbach verlegt werden sollten, „war für uns klar, dass wir dass nicht mitmachen wollen.“ Nach Frankenberg hatte man schon gute 25 Kilometer zu fahren, aber nach Korbach? Gerade noch mal so weit? Nein, dann lieber nach Biedenkopf (21 Kilometer) oder Marburg (27 Kilometer). Allein die Verbindung nach Frankenberg war alles andere als bequem. Busse gab es keine, man musste erst einmal zum Bahnhaltepunkt nach Simtshausen kommen, um dann per Bahn nach Frankenberg zu fahren.

Kurz vor der Jahreswende 73/74 wurde es den Oberasphern dann wirklich ernst. Sie spürten völliges Unbehagen darüber, dass sie ab 1. Januar 1974 zur Stadt Battenberg gehören sollten. Es formierte sich ein Widerstand, der in ganz Hessen einzigartig war, schließlich war Oberasphe der einzige Ort, der sich erfolgreich gegen einen Beschluss des Hessischen Landtages im Zuge der Gebietsrefom zur Wehr gesetzt hat. „Ja, es war mitunter schon sehr hart“, meint Hermann Koch, der damals als 24-Jähriger als Sohn des damaligen Bürgermeisters in der Bürgerinitiative das Amt des Schriftführers übernahm. Es gab schon einige „harte“ Aktionen und auch verbal habe man sich nicht zurückgehalten, aber niemals, und das war für alle eine rote Grenze, wurde körperliche Gewalt angewendet.

Strohpuppen rufen sogar Polizei auf den Plan

Sonst blieb vieles der Fantasie der Oberaspher Bürger überlassen. „Es waren spannende Nächte. Irgendwo wurde immer etwas ausgeheckt für Protestaktionen. Die Ergebnisse gab es dann am nächsten Tag zu sehen, viele Plakate und andere Dinge“, sagt Koch. Andre Dinge waren beispielsweise aufgehängte Strohpuppen, die die verantwortlichen Politiker darstellen sollten. Daran hatte Koch großen Anteil, er hatte sie schließlich mit einem Freund angefertigt und in der Neujahrsnacht unbemerkt an die Fahnenstange am Dorfgemeinschaftshaus gehängt. Die Wirkung war gewaltig, Oberasphe rückte ins Blickfeld der Medien, was wiederum dazu führte, dass die Polizei die Puppen wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ beschlagnahmte. - Nun, in Oberasphe hatte sich an diesen Puppen sicher niemand gestört.

Dann, nur wenige Tage später, fand eine weitere denkwürdige Aktion statt. Nämlich als am 10. Januar die Akten aus Oberasphe nach Battenberg wechseln sollten. „Nun, gebracht haben wir sie ihnen schon mal nicht“, sagt Heinrich Lölkes. „Nein, die mussten sie sich schon selbst holen“, ergänzt Hallenberger.

Und genau darauf hatten die Oberaspher gesetzt. Als am 10. Januar Verwaltungsbeamte aus Battenberg nach Oberasphe kamen, wurden sie schon von einer Menschenmenge erwartet, aber doch zu einem Gespräch in das Bürgermeisterzimmer geleitet. Der Raum wurde daraufhin von außen zugeschlossen.

„Dann ging die Sirene und die Kirchenglocken wurden geläutet. Die Menschen strömten da von überall herbei“, erinnert sich Koch. Und ja, die Stimmung war aufgeheizt. Sprechchöre und Knallfrösche beeindruckten die Gäste aus Battenberg nachhaltig. Die durften dann gute zwei Stunden später wieder in ihr Auto steigen, mussten aber umringt von den Oberasphern bis zum Ortsschild Schritttempo fahren, ehe sie wieder entlassen wurden. Das war schon eine Aktion hart an der Grenze.

Deutliche Abfuhr: Wahlkarten zu 100 Prozent zurückgeschickt

„Es wurde aber keiner handgreiflich. Wir wussten, wenn das passiert, haben wir ganz sicher verloren“, sagt Lölkes.

Nachfolgenden Generationen mag es befremdlich vorkommen, dass tagsüber so viele Bürger in ihrem Heimatort waren. „Das waren einfach noch andere Zeiten, viele arbeiteten damals noch direkt im Ort, konnten also schnell her­beikommen“, erläutert Koch.

Eine andere Aktion war durchaus friedvoller, aber in ihrer Wirkung vielleicht noch nachhaltiger. So sollten im März die ersten Kommunalwahlen in den neuen Landkreisen stattfinden. Die Oberaspher Bewohner schickten „zu hundert Prozent“, wie Hermann Koch herausstellt, „die Wahlkarten wieder zurück nach Battenberg“. Eine deutlichere Abfuhr konnte man dem Gesetz aus Wiesbaden nun nicht mehr erteilen. Ja, die Oberaspher waren entschlossen, zu kämpfen. Und sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel.

Den Rest erledigte dann tatsächlich die Politik in Wiesbaden. „Davon bekamen wir natürlich damals wenig mit, Schnelle Informationswege wie Internet oder Handy standen uns nicht zur Verfügung“, sagt Koch. Aber dafür waren die Oberaspher sehr rege und ließen keine Möglichkeit aus, Politikern gleich welcher Ausrichtung ihre Meinung kund zu tun. Und so saßen auch viele Oberaspher am 6. März bei einer FDP-Versammlung in Battenberg unter den Gästen, bei der der damalige Staatssekretär den Battenbergern eine „trau­rige Nachricht“ überbrachte, die dann aber viel umjubelt aufgenommen wurde. Er teilte mit, dass Battenberg Oberasphe verlieren wird, dass das Gesetz tatsächlich dahingehend geändert wird.

Die Bürgerinitiative beschloss dann die Gesetzesänderung, die am 1. Juli in Kraft trat, zu feiern. Und so kam es zur ersten Auflage des „Straßenfestes“, das in der Tat auf der Straße gefeiert wurde, weil auf die Schnelle kein Festzelt mehr organisiert werden konnte.

von Götz Schaub

Hintergrund: Drei Monate bürgerlicher Ungehorsam

21. Dezember 1973 : Bürgerversammlung in Oberasphe: einstimmiger Beschluss, dass man zum Kreis Marburg will.

29. Dezember 1973: Rücktritt der Oberaspher Gemeindevertretung und des Oberaspher Gemeindevorstandes.

Januar 1974: Gründung der Bürgerinitiative.

10. Januar 1974: Abholung der Gemeindeakten, tumultartige Szenen in Oberasphe.

Februar 1974: Der MGV Oberasphe wechselt zum Wetschaftstal-Sängerbund. Die Landwirte wechseln zum Bauernverband Marburg. Die Mitglieder der SPD schließen sich dem Ortsverband Simtshausen an. Rücksendung aller Wahlbenachrichtigungskarten.

6. März 1974: Informationsabend der FDP in Battenberg. Oberasphe ist in großer Zahl anwesend. Staatssekretär Kohl verkündet, dass das Gesetz betreffend Oberasphe geändert werden soll. Unter den Oberasphern bricht großer Jubel aus.

12. März. 1974: Gesetzesänderung wird in Wiesbaden beschlossen: Oberasphe kommt zur Gemeinde Münchhausen im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

1. Juli 1974: Oberasphe gehört ab jetzt zu Münchhausen und somit zum Kreis Marburg-Biedenkopf.

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