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Eine neue Heimat für 200 Flüchtlinge

Wohnungsbauprojekt Eine neue Heimat für 200 Flüchtlinge

Es ist der vorläufige Startschuss für ein Großprojekt: Die Gemeinde Cölbe wird rund fünf Millionen Euro investieren, um Wohnungen für Flüchtlinge zu schaffen.

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Dörfliches Idyll, Gemeinde vor den Toren Marburgs – und künftig Heimat für 200 Neuankömmlinge. Cölbe steigt ins Wohnungsbaugeschäft ein und schafft Wohnraum für Flüchtlinge.

Quelle: Archivfoto

Schwarzenborn. Es war eine der letzten Sitzungen des Cölber Gemeindeparlaments in dieser Zusammensetzung. Die Gemeindevertreter kommen nur zwei Mal zusammen, bevor im März 2016 neue Abgeordnete gewählt werden. Und doch hatten sie noch einmal eine sehr wichtige Entscheidung für die Entwicklung Cölbes zu treffen, die dann eine neue Gemeindevertretung weiter wird vorantreiben müssen.

So fiel nach gut einstündiger Vorstellung und Diskussion des Wohnungsbauprojekts die Entscheidung: Bürgermeister Volker Carle (parteilos) darf die von ihm mit der Gemeindeverwaltung entwickelte vorläufige Planung für Flüchtlingswohnungen weiter vorantreiben und Platz für 200 Menschen in der Kommune schaffen. Das Votum war einstimmig. Doch zog sich die CDU-Fraktion, wie schon bei der Beratung im Ausschuss, etwas aus der Affäre, indem sie sich in dem konkreten Punkt des Planungsauftrags enthielt. „Wir haben in den Details andere Ansichten, nicht aber im Grundsatz. Deshalb stellen wir uns der Sache auch nicht entgegen“, betonte Dr. Jens Ried (CDU).

Zuvor führte Bürgermeister Carle aus, dass es sich um eine Notwendigkeit handele. „Menschen werden zu uns kommen“, erklärte er und verwies zum einen darauf, dass bereits 70 Flüchtlinge in Cölbe untergekommen seien und es aktuell keinen freien Wohnraum für weitere Zuwanderer gebe. Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow habe ihm vor rund vier Wochen mitgeteilt, dass die Gemeinde sich auf die Aufnahme weiterer 150 bis 200 Personen einstellen müsse. Das war für Carle der Startschuss. Seither arbeitete die Gemeindeverwaltung an einem vorläufigen Konzept: Es sieht in den Ortsteilen Cölbe, Bürgeln und Schönstadt Wohnkomplexe für Flüchtlinge vor - solche, die für einen Zeitraum von zehn Jahren geschaffen werden sollen, und solche, die dauerhaften Bestand haben und später zu Senioren- oder Studentenwohnungen werden können.

Der Dialog mit den Bürgern steht noch aus

Mit dem Auftrag an die Gemeindeverwaltung, das Projekt voranzutreiben, geht die Arbeit in Cölbe erst los. Viele Fragen bleiben offen - und vor allem steht der Dialog mit den Bürgern noch aus. „Alle sollen sich beteiligen können und ihre Ideen einbringen, wir wollen die Dorfgemeinschaften befragen“, betonte Carle hinsichtlich der Standortfragen und auch der Integration. „Wo genau etwas gebaut wird und was wir vor Ort tun können, um die Flüchtlinge in die Dörfer einzubinden, das steht jetzt noch nicht fest - die Standorte, die wir vorgestellt haben, beispielsweise hinter der Gemeindehalle in Cölbe, das sind zunächst nur Ideen.“ Über das Konzept diskutieren, den Bürgermeister und den Ersten Kreisbeigeordneten befragen - das können die Bürger schon am kommenden Dienstag, 17. November, ab 20 Uhr in der Gemeindehalle Cölbe. Gemeindevertretungsvorsitzender Christian Hölting kündigte diesen Termin für die Bürgerversammlung an - und Carle verwies darauf, dass sich Arbeitsgruppen in den Ortsteilen anschließen werden. Bei der Bürgerversammlung werden auch der Arbeitskreis für Flüchtlinge mit dabei sein und die Cölber Pfarrer, sagte Hölting.

Zur Finanzierung des Projekts verkündete Carle noch eine Rückmeldung aus dem Kreishaus: Der Erste Kreisbeigeordnete habe zugesagt, dass der Landkreis seinen Pro-Kopf-Tagessatz für die Unterbringung von Flüchtlingen im Zuge des Wohnungsbauprojekts erhöhen werde - von 8 auf 9,50 Euro pro Kopf. Bei Auslastung der Wohungen würde dies sogar einen Überschuss von gut 17.000 Euro im Jahr ergeben.

Somit würde sich der Landkreis indirekt an der Refinanzierung von fünf Millionen Euro beteiligen. Ausgegangen von 200 Wohnplätzen, so rechnete Carle in einer Modellkalkulation vor, könnte die Gemeinde die fünf Millionen Euro binnen zehn Jahren abzahlen bei einer Null-Prozent-Finanzierung durch ein Bundesprogramm. Bei dem 8-Euro-Tagessatz wäre eine Lücke von 100.000 Euro im Jahr geblieben, diese ist durch die Erhöhung des Tagessatzes geschlossen.

Chance und „Mehrwert“ durch die Zuwanderung

Bürgermeister Carle und Grünen-Fraktionsvorsitzende Ute Hoppe warben in der Sitzung immer wieder dafür, die Zuwanderung als Chance und Bereicherung fürs Zusammenleben zu begreifen. So kämen junge Menschen nach Cölbe, was helfe, den prognostizierten demografischen Wandel umzudrehen, sagte Hoppe und Carle verwies darauf, dass auch der Wohnungsbau durch die hohen Investitionen vor Ort einen „Mehrwert“ bringen werde.

Im Parlament wurde deutlich, dass die Zeit in Cölbe drängt: Die Gemeinschaftshallen in den Dörfern könnten als Notquartiere benötigt werden, wenn zeitnah Flüchtlinge in der Gemeinde untergebracht werden müssten. Dann würden die Hallen und Dorfgemeinschaftshäuser für die Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung stehen. Deshalb soll der Wohnungsbau, wenn es nach Carle geht, noch in diesem Jahr beginnen. Carle stellte unmissverständlich klar, dass die Gemeindeverwaltung in ihrer jetzigen Aufstellung nicht als Projektentwickler auftreten könne. „Dafür haben wir keine Kapazitäten.“ Somit gab das Parlament auch grünes Licht für den Einkauf von externen Fachkräften - und für die mögliche Gründung einer eigenen Wohnungsbaugesellschaft.

Auf Antrag der Grünen werden sich die Fachausschüsse in der kommenden Zeit ein weiteres Mal mit einem Aspekt der Flüchtlingsbetreuung in der Gemeinde auseinandersetzen. Die grüne Fraktion regt an, dafür eine Fachkraft einzustellen - in der bisherigen Diskussion wurde dafür noch keine Lösungz gefunden. Die Parlamentsvertreter standen einer solchen Einstellung kritisch gegenüber, da die Gemeinde dafür nicht zahlen dürfe - die Flüchtlingsbetreuung liege in der Zuständigkeit des Kreises.

von Carina Becker

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