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Ein fast aussichtsloser Kampf

Entwicklungshilfe Ein fast aussichtsloser Kampf

Es ist ein düsteres Bild, das Jochen Kempf von seiner Arbeit im ostafrikanischen Kenia zeichnet. Der Ingenieur sieht auch in absehbarer Zeit keine Besserung für das arme Land.

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Jochen Kempf arbeitete eine Zeit lang in Afrika. Im Gespräch mit unserem Redakteur zeichnet er ein düsteres Bild.

Quelle: Privatfoto

Goßfelden. Er wollte helfen, sein Fachwissen einsetzen, um etwas Gutes zu tun. Nun sitzt er in seiner neuen Wohnung und spricht von seiner Zeit in Kenia. Immer wieder fallen Worte wie Bestechung und Korruption. Jochen Kempf  wirkt ernüchtert, aber keinesfalls gebrochen. Dennoch fühlt sich seine Zeit in Afrika ein bisschen nach einer persönlichen Niederlage an: „Ich  hätte dort gerne etwas erreicht“, sagt er.

Jochen Kempf erzählt von seiner Zeit in Afrika.

Quelle: Privatfoto

Vom Urlauber zum Entwicklungshelfer

Von 2011 an verbrachte Kempf fast drei Jahre in Kenia. Er arbeitete dort als technischer Berater für die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die Ausschreibung für die Stelle bei einem Wasserversorgungsunternehmen hatte seine Frau Pamela Lutonia entdeckt, die unweit des kenianischen Einsatzortes geboren wurde. Für Jochen Kempf war es die Möglichkeit, die Heimat seiner Frau noch besser kennenzulernen. Bislang kannte er das ostafrikanische Land nur als Urlauber. Den Unterschied zu einem touristischen Aufenthalt in einem Sterne-Hotel bekam Kempf an seinem neuen Arbeitsplatz dann aber deutlich zu spüren.
Eigentlich sollte sich der Diplomingenieur vor Ort als städtischer Berater für Wasserwirtschaft um ein Gebiet mit 20 000 Einwohnern kümmern – am Ende umfasste der Aufgabenbereich fünf Städte zwischen Kitale und Malaba mit etwa 400 000 Einwohnern. An sich wäre das noch nicht mal das Problem gewesen, sagt Kempf. Vielmehr bereiteten dem Familienvater die mangelnden Strukturen Schwierigkeiten. „Es gab zum Beispiel keinerlei Lagepläne. Niemand wusste, wo die Wasserleitungen eigentlich langliefen“, sagt Kempf (Privatfoto). Dringend notwendige Reparaturen seien zumeist mit billigen Materialien angegangen worden. „Man hätte Leitungen so bauen  können, dass sie Jahrzehnte halten. Das verwendete PVC hielt manchmal nur Tage“, beschreibt Kempf eine Situation. Der Deutsche schrieb fleißig seine Berichte und reichte sie bei der zuständigen Stelle in der kenianischen Hauptstadt in Nairobi ein. Die Vorgesetzten, die dort über die Projekte wachten, bekam Kempf in seiner ganzen Zeit jedoch kein einziges Mal zu Gesicht.
Zu den technischen Problemen, die durch gute Planung vielleicht noch zu beheben gewesen wären, gesellte sich jedoch ein viel schwerwiegenderes. „Kenia ist die Nummer vier in der Welt, wenn es um Korruption geht“, sagt Kempf. Wie korrupt der Machtapparat tatsächlich ist, musste Kempf bereits in den ersten Wochen seiner Tätigkeit feststellen.

Hier sind Straßenarbeiter mit der Verlegung einer Wasserleitung zur Kibabii-Universität in Bungoma beschäftigt.

Quelle: Privatfoto

Aufsichtsrat füllte die eigenen Taschen

Die halbstaatliche Firma, in der er aktiv werden sollte, wurde von einer Aufsichtsbehörde überwacht, die laut Kempf jedoch nur darauf bedacht schien, ihre eigenen Taschen zu füllen. Gelder flossen, kamen jedoch nie an den Stellen an, an denen sie gebraucht wurden, erklärt Kempf: „Bestechung ist an der Tagesordnung, vor allem im Polizeiapparat“.
Besonders in Erinnerung ist dem Deutschen der sogenannte „Managing Director“ seiner Firma geblieben. Dieser habe die Kontrolle über fast alle Bereiche gehabt, sich aber stets selbst bereichert, indem er Aufträge an andere Unternehmen vergab, die ihm ebenfalls gehörten. Allgemein habe man in dem Unternehmen darauf gehofft, dass der Deutsche noch mehr Gelder der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) mitbringe, sagt Kempf. Etwa 700 000 Euro aus Deutschland seien im Gespräch gewesen. „Vor Ort war man aber nicht bereit, das Geld auch für die Zwecke einzusetzen, für die sie ursprünglich gedacht waren.“

Erfolgserlebnis blieb aus

Ein wirkliches Erfolgserlebnis blieb Kempf verwehrt. „Meine Frau wollte dann wieder zurück nach Deutschland. Sie hätte auch gerne gearbeitet, aber es gab einfach keine Jobs“, sagt Kempf. Die Hälfte der Bevölkerung sei arbeitslos und diejenigen, „die Arbeit haben, bekommen dafür umgerechnet zwei Euro am Tag. Fachkräfte vielleicht drei Euro“, erklärt der Goßfeldener. Da die Lebenshaltungskosten dennoch hoch seien, leide der Großteil der Bevölkerung an bitterer Armut. Die Lage wird immer prekärer: Die USA und England haben beispielsweise längst Reisewarnungen für das Land herausgegeben. Aufgeben will Jochen Kempf jedoch nicht: „Ich muss unter Leute und was tun“ – irgendwo wartet eine Aufgabe.

von Dennis Siepmann

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