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Ein Zuhause für Heimatlose

WG für unbegleitete Flüchtlinge Ein Zuhause für Heimatlose

Die Wohngemeinschaft des Kinderheims Schwieder in Wetter bietet jungen Menschen, die ohne ihre Familien nach Deutschland geflohen sind, seit drei Jahren ein neues Zuhause.

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Babacar Fall (links) mit Bewohnern und Mitarbeitern der Wohngruppe des Kinderheims Schwieder in Wetter.

Quelle: Ruth Korte

Wetter. Einen festen Händedruck, ein freundliches „Willkommen“ und ein warmes Getränk ist das Erste, was man bekommt, wenn man das Haus in der Gebrüder-Plitt-Straße betritt. Der Flur ist bunt gestrichen. Von der Wand lächeln einem 13 junge Männer von Bildern entgegen – die Bewohner. Sie kommen aus Afghanistan, Somalia und Eritrea. Im Haus duftet es nach Essen, das gerade von ein paar Bewohnern in der Küche zubereitet wird.

Andere sitzen im Wohnzimmer oder spielen Tischtennis im Garten. Gesprochen wird Deutsch. „Die Sprache ist der erste Schritt zur Integration. Ohne sie kann man nicht vertrauen“, weiß Babacar Fall, Leiter der Wohngruppe, aus eigener Erfahrung.

Traumatisierte Jugendliche finden in den Alltag zurück

Er ist 2004 aus dem Senegal nach Deutschland gekommen. Er belegte mehrere Deutschkurse und schrieb sich schließlich an der Universität Marburg für das Fach Pädagogik ein. „Die Arbeit mit Flüchtlingen spiegelt mein Leben wider“, so der inzwischen diplomierte Pädagoge. Er weiß wie es ist, bei null anzufangen und sich in einem fremden Land zurechtfinden zu müssen. In seinem Büro im Kellergeschoss des Hauses hängt ein übergroßer Stundenplan.

5 Uhr Aufstehen, Waschen, Frühstück. 6 Uhr Abfahrt zur Schule oder zur Ausbildungsstätte. 13 Uhr Mittagessen. 14.30 bis 17 Uhr Lernen. Ein straffes Programm.

„Wir sind quasi wie eine große Familie“

„Feste Strukturen sind für die Jugendlichen wichtig“, erklärt Fall. So etwas wie Alltagsstrukturen seien den meisten der jungen Männer irgendwo zwischen der oft langen und traumatisierenden Flucht und dem drei- bis sechsmonatigen Aufenthalt in einer Ersteinrichtung abhanden gekommen – wenn sie vorher überhaupt existiert haben. „Manche sind in ihren Heimatländern nicht zur Schule gegangen, weil es einfach zu gefährlich war. Sie haben von Tag zu Tag gelebt“, so Fall. „Die Jugendlichen haben Schlimmes erlebt und müssen erst einmal wieder Vertrauen lernen und Freude aufbauen. All das versuchen wir ihnen zu geben. Wir sind quasi wie eine große Familie – ohne diese aber jemals ersetzen zu können.“

Es sind nicht nur die Sprache und die Struktur, die er und sein Team den Bewohnern mitgeben möchten. „Ich möchte, dass die Jungs lebenspraktische Dinge wie Putzen, Waschen und Aufräumen lernen. Viele von ihnen kommen aus Ländern, in denen Frauen diese Aufgaben übernehmen.“

Jubiläumsfest findet am 3. September statt  

Umso stolzer sei er, dass fünf Jugendliche in diesem Sommer ihren Schulabschluss gemacht haben. „Die Jugendlichen sind sehr fokussiert. Schule ist das A und O“, sagt Fall stolz. Unter dem Motto „Einigkeit, Recht und Freiheit – und Vielfalt“ feiert die WG am Samstag, 3. September, ihr dreijähriges Bestehen. Das Motto haben sie bewusst gewählt: „Vielfalt ist keine Ausnahme mehr in Deutschland. Die Probleme, die damit verbunden sind, muss man erst einmal akzeptieren – und feiern“, findet Fall.

Los geht‘s um 15 Uhr in der Gebrüder-Plitt-Straße 66. Neben einer Podiumsdiskussion und Vorträgen mit den Jugendlichen gibt es außerdem ein Trommelprojekt, Live-Musik, Kinderschminken sowie eine Hüpfburg und Clownshow für Kinder. Essen und Trinken sind kostenlos.

von Ruth Korte

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