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Ein Windpark und die möglichen Risiken

Wollenberg Ein Windpark und die möglichen Risiken

Die Befürchtung, dass der geplante Windpark Wollenberg möglicherweise nicht wirtschaftlich sein könne, wenn er erst nach Jahresende 2014 in Betrieb geht, ruft Kritiker auf den Plan. Die Projekt-Beteiligten reagieren gelassen.

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Die Windräder bei Speckswinkel drehen sich bereits. Der Windpark Wollenberg muss noch einige Hürden nehmen.Foto: Richter

Quelle: Thorsten Richter

Wetter. Die Bürgerinitiative (BI) Windkraft Wetter fordert mehr Transparenz, die Wetteraner Linke sogar einen Planungsstopp. Und heute Abend ist das Windparkprojekt und die mögliche Beteiligung der Stadt Wetter durch ihre Stadtwerke Wetter Thema einer gemeinsamen Sitzung von Hauptausschuss und Bauausschuss (20 Uhr, Stadthalle).

Der Windpark Wollenberg oberhalb von Sterzhausen könnte eins der Vorzeigeprojekte innerhalb der Bemühungen um die Energiewende im Kreis sein. Doch die Pläne, im Wald des Landesbetriebs Hessen-Forst mit dem Energieversorger Stadtwerke Marburg, der der Gemeinde Lahntal und der Stadt Wetter sowie einer möglichen Bürgerbeteiligung auf die Beine zu stellen, wird nicht nur positiv gesehen.

Grund dafür sind Zweifel an der Rentabilität des Windparks und die Frage, ob naturschutzrechtliche Bedenken das Vorhaben noch kippen oder unrentabel machen könnten. Die Linken glauben, dass das Vorhaben im FFH-Gebiet von der europäischen Rechtsprechung nicht gedeckt sein könnte.

Allein dass der Wollenberg mit seinem strengen europäischen Schutzstatus als Flora-Fauna-Habitat-(FFH)-Gebiet vom Regierungspräsidium Gießen als Vorrangfläche für Windenergieanlagen vorgeschlagen wurde, überraschte viele. Vor wenigen Jahren wäre es noch gänzlich undenkbar gewesen, leben im Wollenberg doch zum Beispiel streng geschützte Fledermausarten und der Rotmilan, denen Windräder unter Umständen gefährlich werden können.

Entsprechende Untersuchungen über die Tierwelt und die möglichen Auswirkungen durch einen Windpark laufen allerdings schon seit dem vergangenen Jahr und sollen in Kürze vorliegen. Bis zur Sommerpause wollen die Stadtwerke Marburg, die Stadt Wetter und die Gemeinde Lahntal gemeinsam die Genehmigungsunterlagen nach dem Bundesimmissionschutzgesetz (Bimsch) beim Regierungspräsidium Gießen einreichen. Das müsste dann innerhalb drei Monaten über eine Genehmigung entscheiden. Auf die Verabschiedung des neuen, dann verbindlichen Teilregionalplans Energie, der nicht vor Mitte nächsten Jahres vorliegen wird, müssten die Investoren dann nicht mehr warten.

„Zeitplan ist einzuhalten“

Dass der Zeitplan einzuhalten ist, glauben sowohl der Marburger Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Schüren als auch Wetters Bürgermeister Kai-Uwe Spanka. Sie gehen auch nach jetzigem Stand davon aus, dass der Windpark genehmigt werden kann. Wenn sich herausstellen sollte, dass dem aus Naturschutzgründen nicht so ist, oder die Wirtschaftlichkeit nicht gegeben wäre, dann werde „man auch den Mut haben, zu sagen: Das rechnet sich nicht und müsste das Projekt einstampfen“, so Spanka. Dafür gebe es aber keine Anhaltspunkte: „Wir haben Vertrauen zu unseren Planern.“

Dass eine möglichst frühe Inbetriebnahme angepeilt wird, liegt auf der Hand, nicht nur, weil allein die Produktion der Anlagen und der Bau des Windparks jeweils ein halbes Jahr in Anspruch nehmen wird. Es geht auch um mögliche Einnahmen.

In einer Bürgerversammlung am 17. April hatte Stadtwerke-Geschäftsführer Rainer Kühne davon gesprochen, dass die Windkraftanlagen möglichst bis 31. Dezember 2014 am Netz sein müssten, da sonst mit dem „Systemdienstleistungszuschlag“ ein Einnahmeposten wegfiele, der in „unserer Kalkulation schon einen nicht unerheblichen Faktor darstellt“.

Der „Systemdienstleistungszuschlag“ wird für Windturbinen gezahlt, „die zur Netzstabilisierung beitragen“. Er beträgt nach Angaben der Wetteraner Linken in den ersten fünf Betriebsjahren 0,48 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Bezahlt wird er von den Stromkunden.

Auf die Nachfrage, ob das Projekt gefährdet sei, wenn es erst nach 2014 fertig werde, räumte Kühne damals ein, dass man dann „schon neu rechnen und sich überlegen“ müsse, „ob es auch ohne gehen kann“. Er versicherte aber, dass die entsprechenden Vorarbeiten und Gutachten die Rentabilität stützten. Die Ertragsprognosen seien sehr positiv.

Die Bürgerinitiative Windkraft Wetter argwöhnt dagegen, dass das Risiko für die kommunalen Investoren größer ist. Sie fordert deshalb zumindest von den Gremien der Stadt Wetter, dass kein Vertrag ohne eine Windmessung abgeschlossen werden soll. Diese sollte laut der BI Windkraft mindestens sechs Monate lang durchgeführt werden, aus Kostengründen gegebenenfalls „auch mit mietbaren mobilen Messlösungen“. Der Bau der Windkraftanlagen bis Ende 2014 werde dadurch nicht gefährdet. Die entstehenden Kosten von rund 40000 Euro stünden „in einem guten Verhältnis zum Investment von voraussichtlich etwa zwei Millionen Euro öffentlicher Gelder“.

Ausstiegsklausel gefordert

Weiter fordert die BI „die vollständige Offenlegung der Kalkulation zum Geschäftsbetrieb der Betreibergesellschaft - sofern diese mit öffentlichen Geldern finanziert werden sollte“ - über den Zeitraum von 20 Jahren. Außerdem will die BI wissen, welche Verpflichtungen die Kommunen im Falle einer Insolvenz oder einer Kapitalerhöhung der Betreibergesellschaft eingehen, ob es Sperrminoritäten für Gesellschafter und eine Ausstiegsklausel für die Stadt gibt.

Linke und BI Windkraft stören sich auch an unterschiedlichen Angaben zu den geplanten Baukosten. In Caldern seien die Investitionskosten für den Windpark Wollenberg mit „rund 24 Millionen“ angegeben worden. Ein Magistratsantrag der Stadt Marburg sprach Ende April von 27 Millionen Euro. Eine Kostensteigerung von 12,5 Prozent würde für die Stadt Wetter in der Finanzierung umgerechnet eine Mehrbelastung von 250000 Euro bedeuten, rechnet die BI Windkraft vor, die Linke sieht dadurch das Risiko erhöht.

Ganz einfach, erklärt Stadtwerke-Chef Schüren. Die ursprünglichen Planungen gingen von Investitionskosten von rund 27 Millionen Euro aus. Im Laufe der Verhandlungen mit dem Windparkplaner Juwi habe man die Investitionskosten auf derzeit rund 24 Millionen Euro senken können. Natürlich trage dazu auch der Verzicht auf einen Messmast im Wollenberg bei, der mit rund 200000 Euro zu Buche schlagen würde.

Dass darin ein Risiko für die späteren Anteilseigner bestehe, sieht Norbert Schüren nicht. Zwei Windgutachten hätten die Eignung des Standorts bestätigt, zudem sammele man mit dem neuen Windmessmast auf dem Lichten Küppel auf den Lahnbergen in Marburg (die OP berichtete) Daten in einem vergleichbaren Gebiet.

Dort könne man über den Vergleich der berechneten Daten aus den Windgutachten mit den realen Messwerten auch Rückschlüsse auf die Verhältnisse am Wollenberg ziehen. Deshalb sei es unnötig, auch dort mit dem gleichen Aufwand zu messen.

Schüren verweist darauf, dass man kurz vor dem Abschluss der Finanzierung mit zwei Kreditinstituten stehe, die die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens geprüft hätten. „Es gibt uns doch keine Bank Geld für ein Projekt, das sich nicht rechnet.“

von Michael Agricola

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