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Ein Tag, wie er schöner nicht sein könnte

Grenzgang Wollmar Ein Tag, wie er schöner nicht sein könnte

Nur alle sieben Jahre kehrt der Grenzgang wieder. Und wenn es so weit ist, schweißt dieses Traditionsfest das ganze Dorf zusammen – und bringt viele Gäste nach Wollmar.

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Der 15-jährige Jost Trusheim fegte den Grenzstein Nummer 44, der die Grenze zu Berghofen markiert, mit einer Drahtbürste sauber. Grenzgangvereins-Vorsitzender Klaus-Peter Fett schaute zu.

Quelle: Nadine Weigel

Wollmar. Im Sonnenaufgang machen sich die Wollmarer auf den Weg. Drei Stunden später werden sie den ersten Frühstücksplatz bei Münchhausen erreichen nach rund 8 von insgesamt 17 Kilometern Wegstrecke.

In einer Schlange von mehreren hundert Metern Länge ziehen die Grenzgänger durch Feld und Wald, angeführt von den Grenzgangs-Burschen mit ihren schwarzen Hüten und den lila geblümten Tüchern daran. Die Grenzgangsreiter eilen voraus – sie machen in den umliegenden Ortschaften Station, um zum Grenzgangsfest einzuladen.

Landrat Fischbach aufm Grenzstein. Foto: Nadine Weigel

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Den größten Anstieg des Tages, den Lichtenberg hinauf auf die Ernsthäuser Höhe, bewältigten die Grenzgänger in aller Ruhe. Jeder in seinem Tempo. Die Burschen brauchen eine Weile, bis sie die richtige Geschwindigkeit gefunden haben. Dann laufen die Wanderer dicht an dicht, es gibt kaum mehr Lücken in der langen Schlange.

Wenn‘s rund um ein Feld geht, werden auch die Ecken ausgelaufen. Abkürzen ist verpönt – es geht immer schön entlang der alten Grenzen. Erst einige Kilometer lang durchs freie Feld, dann durch den kühlen Wald und schließlich zwischen Äckern hindurch und einige steile Böschungen hinab.

 

Menschen aller Altersgruppen sind mit am Start, die Kinder bewältigen den langen Fußweg ebenso wie viele Senioren. Für alle, denen die Tour zu anstrengend wird, stehen Traktoren mit Anhängern bereit. Sie treffen an verschiedenen Stationen wieder auf die Wanderer.

Für Heinrich Rees kommt es nicht infrage, auf den Traktor umzusteigen. Er will laufen. Es ist der zehnte Grenzgang für den sportlichen Wollmarer. Er läuft mit seinen Walkingstöcken, „das ist fast so wie Ski-Langlauf, und das mache ich schon seit Jahren“, erzählt er. Zwischendurch hält er oft an und fotografiert, dann schließt er zügigen Schritts wieder auf.

Auch Emilie Seipp will die ganze Strecke laufen. Die Fünfjährige, die mit Mutter Eva Seipp (37 Jahre) dabei ist, meint: „Das schaffe ich, will nicht auf den Bulldog.“ Am ersten Rastplatz bei Münchhausen, den die Wanderer nach drei Stunden Fußmarsch erreichen, ist etwa die Hälfte der Strecke schon geschafft. Und die Grenzgänger freuen sich auf Bratwurst und kühles Bier, bevor es weiter geht über Niederasphe zurück nach Wollmar. „Es läuft so gut, es könnte gar nicht besser laufen“, freut sich Klaus-Peter Fett, Vorsitzender des Grenzgangvereins.

Drei Grenzsteine haben die Wanderer nun schon besichtigt. Der älteste davon markiert die Grenze zwischen Wollmar und Ernsthausen – er stammt aus dem Jahr 1650. Grenzstein Nummer 44 steht mitten im Wald und markiert, wo die Gemarkungen Wollmar und Berghofen aufeinanderstoßen. Der 15-jährige Jost Trusheim folgt der Aufforderung von Klaus-Peter Fett und fegt den Stein an der alten Darmstädter Grenze mit einer Drahtbürste gründlich sauber. Jetzt können alle die Ziffer auf dem Stein erkennen.

Später, auf dem Frühstücksplatz Münchhausen, erholen sich die Grenzgänger ein wenig, bevor es weitergeht in Richtung Niederasphe und schließlich zurück nach Wollmar, wo sie ausgiebig feiern wollen.

Die Ehrengäste sprechen ihre Grußworte – und Robert Fischbach, der an diesem Tag letztmalig als amtierender Landrat auf einen Grenzstein gehoben wird, wiederholt das, was ein Grenzgänger unterwegs zu ihm gesagt hat in Anbetracht des herrlich sommerlichen Grenzgangtags: „Der liebe Gott muss ein Wollmarer sein.“

Die zweite Etappe entlang der alten Gemarkungsgrenzen mit zwölf Kilometern Länge steht am Samstag bevor. Und ein Wochenende, an dem noch ausgiebig gefeiert wird. Am Sonntag gibt‘s ab 10.30 Uhr einen stehenden Festzug.

von Carina Becker

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