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Ein Stück Mittelalter im Hier und Jetzt

Freye Ritterschaft Mellnau Ein Stück Mittelalter im Hier und Jetzt

Das späte Mittelalter ist eine Zeit, die bis heute die Fantasie der Menschen beflügelt.

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Falknerin Monika Klaus präsentiert ihre Uhu-Dame „Arminia“.

Quelle: Martina Koelschtzky

Mellnau. Es ist die Zeit des künstlerischen und wissenschaftlichen Fortschritts: Der Buchdruck wird erfunden, die ersten Universitäten gegründet, Kolumbus entdeckt Amerika, neue Handelsrouten entstehen, die Städte werden größer, die Bürger wohlhabender.

Doch das Spätmittelalter hatte auch seine Schattenseiten: Hungersnöte und Seuchen löschen fast die Hälfte aller Europäer aus, durch den Bevölkerungsrückgang veröden ganze Landstriche, die soziale Lage der Bauern verschlechterte sich, Bürgerkriege führen in Frankreich und England zu schweren Volksaufständen und schließlich zum Hundertjährigen Krieg.

In genau dieser Zeit hat sich die „Freye Ritterschaft Mellnau“ angesiedelt. „Für uns ist das Spätmittelalter in jeder Hinsicht sehr spannend, da es eine Zeit der großen Umbrüche war“, erklärt Alexandra Becker, die, vom „Mittelaltervirus“ gepackt, mit ihrem Mann Stefan und ihren Freunden Holger Neumann und Tina Osterland 2007 die „Freye Ritterschaft Mellnau“ ins Leben rief.

Inzwischen hat die Gruppe vierzehn Mitglieder, die an diesem Abend gemeinsam in Holger Neumanns Schrebergarten in Mellnau sitzen, um ihren Einsatz auf dem nächsten Mittelaltermarkt zu planen.

„Als würde man in eine andere Welt eintauchen“

In der Gruppe gibt es inzwischen eine ganze Reihe unterschiedlicher Charaktäre: „Ritter, Mägde, Falkner, Handwerker, Musiker“, zählt Becker auf, die sich selbst als „Magdmutter“ der Gruppe bezeichnet und viele der Gewänder selber näht, die die Mitglieder tragen.

„Es herrscht dort immer ein ganz anderes Feeling“, schwärmt Abiturientin Jana Frauenrath (19), die während der Märkte in die Rolle einer Magd schlüpft. „Hier und da wird einem etwas zugerufen. Alle sind freundlich. Keiner siezt sich, alle duzen sich. Das Handy bleibt im Zelt. Es ist, als würde man in eine andere Welt eintauchen“, erzählt sie und ihre Augen funkeln aufgeregt in dem Licht des Lagerfeuers, das Holger Neumann in seinem Garten angezündet hat.

Gesprochen wird Hochdeutsch. Aus Prinzip. Denn das, was häufig auf Mittelaltermärkten gesprochen wird, sei in Wirklichkeit eine Art moderne Kunstsprache. „Richtiges Mittelhochdeutsch ist viel zu schwer und für die meisten nicht verständlich“, sagt Becker.

Besonders beeindruckend seien jedes Mal die Schwertkämpfe. „Wenn die Jungs kämpfen, bildet sich ganz schnell eine Traube um unser Lager“, so Jana Frauenrath. Beigebracht haben sich „die Jungs“ das Kämpfen in Fechtschulen, aber auch gegenseitig. „Man spricht vor jedem Kampf mit seinem Gegner ab, wie wild es sein darf und an welchen Stellen man sehr empfindlich ist“, erklärt Jonas Kasza.

Jonas Kasza ist seit seinem zwölften Lebensjahr Mitglied der Mellnauer Ritterschaft und wurde für sein jahrelanges Engagement als Knappe in der Gruppe, seiner Kampferfahrung und anderer ritterlicher Tugenden unlängst zum Ritter geschlagen. Eine besondere Erfahrung für den 20-Jährigen: „Ich musste unter einem Schwertspalier entlang laufen, Alexandra hat Dudelsack gespielt.“

Zur Erinnerung an diesen besonderen Tag hat er aus der Gruppe eine Kette mit einer kleinen Sonnenuhr geschenkt bekommen, die nun an seinem Hals baumelt.

In die mittelalterliche Welt einzutauchen fällt ihm leicht. „Danach brauche ich immer ein paar Tage, um klar zu kommen“, sagt er und die anderen Mitglieder nicken zustimmend. Alexandra Becker greift zum Stift. „Dann lasst uns mal planen. Wer kümmert sich um was?“

Wer die Freye Ritterschaft Mellnau live erleben möchte, sollte zwischen dem 26. und 28. August 2016 auf dem „Spektakulum“ in Braunfels mit dabei sein.

von Ruth Korte

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