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Ein Leben an der Schranke lehrt das Warten

Nur auf Anruf frei Ein Leben an der Schranke lehrt das Warten

Noch knapp 50 Meter bis zum Haus von Gisela Heller. Die Fahrt nimmt ein jähes Ende. Jeder, der die Straße Im Semt passieren will, muss erst über den Anrufkasten zum Bahnstellwerk Kirchhain Kontakt aufnehmen.

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Gisela Heller drückt den Anrufschalter an der Bahnstrecke in Cölbe. Das Signal kommt im Stellwerk in Kirchhain an – von dort aus wird die Schranke geöffnet, wenn Autos, Fußgänger oder Radfahrer den Übergang an der vielbefahrenen Bahnstrecke nutzen wollen.

Quelle: Nadine Weigel

Bürgeln. Gisela Heller drückt auf den grauen Anrufknopf, der an dem gelben Kasten sitzt. Es knarzt im Lautsprecher. „Bitte öffnen Sie die Schranke“, sagt sie und eine freundliche Frauenstimme antwortet: „Vorsicht, die Schranke öffnet.“ Gisela Heller kann jetzt mit ihrem Auto den Weg über die Gleise befahren - die Schranken senken sich wieder, sobald sie auf der anderen Seite angekommen ist.

„Früher hat hier der Bahnwärter in seinem Häuschen gehockt und die Schranke mit einer Handkurbel bedient“, erzählt die 71-Jährige und lacht. Anfang der 70er Jahre zog Gisela Heller mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann in das Haus in der Straße Im Semt - ein Leben hinter der Schranke begann. „Ich bin es nicht anders gewöhnt“, sagt die Bürgelnerin über die Umstände, die der Bahnübergang direkt vor der Haustür bereitet, „aber es ist mit jedem einzelnen Schritt der Modernisierung eigentlich schlechter geworden“, findet sie.

Man weiß nie, ob das Signal in Kirchhain ankommt

Auf den Bahnwärter mit der Handkurbel folgte eine Anrufverbindung zum Bahnhof Bürgeln und dann wechselte die Zuständigkeit irgendwann ins Stellwerk nach Kirchhain. Von dort aus wird der Bürgelner Übergang heutzutage bedient. „Wenn die Technik nur immer funktionieren würde“, sagt Gisela Heller und berichtet vom abendlichen Heimweg nach der Singstunde: „Eine halbe Stunde Wartezeit an der Schranke kommt da schon mal vor. Eigentlich muss in Kirchhain im Stellwerk eine Lampe angehen und es gibt auch ein Signal, wenn der Knopf hier gedrückt wird - aber man weiß ja nie, ob das Signal in Kirchhain überhaupt angekommen ist oder nicht.“ Irgendwann hat sich Gisela Heller die Telefonnummer vom Stellwerk organisiert und behilft sich jetzt mit einem Handy-Anruf dort, falls die Schranke ungewöhnlich lange geschlossen bleibt. „Wenn ich hier langfahren will, achte ich darauf, dass ich mein Mobiltelefon dabei habe, damit ich notfalls anrufen kann.“

Für die Anwohner der Straße Im Semt - neben Gisela Hellers Haus gibt es dort noch einige weitere - besteht eine Ausweichmöglichkeit. Der Radweg R 2, der von Marburg und Cölbe kommend an Bürgeln vorbeiführt, ist für die Anwohner als Zufahrtsweg freigegeben. „Doch das kommt nicht immer in Frage - wenn ich aus dem Dorf zurückkomme beispielsweise wäre die Zufahrt über den Radweg ein großer Umweg.“

Neben den direkten Anwohnern nutzen noch viele andere Menschen den Bahnübergang. Radfahrer und etliche Spaziergänger mit ihren Hunden sind dort unterwegs vom Dorf ins Feld. Die OP hat sich in dieser Woche angeschaut, wie es an der Anrufschranke zugeht. Kaum ist der graue Anrufknopf gedrückt, öffnet sich der Übergang zumeist schnell. In einem Einzelfall dauert es an diesem Tag einige Minuten und die Reaktion übers Schrankentelefon erfolgt auch erst nach mehrmaligem Läuten - jedoch kommt in der Zwischenzeit auch ein Zug vorbei.




 
 
 
 
 
 
 
 
 


Fürs Öffnen der Anrufschranke ist der Fahrdienstleiter am Bahnhof in Kirchhain zuständig, erklärt die Bahn auf Anfrage der OP. Der Anrufschranke habe er sich erst zuzuwenden, wenn er seine „betrieblichen und sicherheitsrelevanten Aufgaben“ erledigt habe.

„Je nach Zugverkehr und Arbeitsaufkommen wie etwa bei Bauarbeiten kann es vorkommen, dass sich der Anrufschranke nicht umgehend nach Eingang der Aufforderung zugewandt wird. Die Mitarbeiter auf dem Stellwerk in Kirchhain sind allerdings angehalten, den Anrufern an der Anrufschranke umgehend Auskunft über das weitere Vorgehen zu geben“, teilt die Bahn mit. Der Fahrdienstleiter dürfe die Schranke nur öffnen, wenn im Streckenabschnitt Kirchhain-Cölbe gerade keine Züge unterwegs sind, erklärt die Bahn und verweist auf die hohe Zugdichte auf der Main-Weser-Bahn.

Gisela Heller muss mit den Wartezeiten leben - auch, wenn es einmal länger dauert. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie gelernt, sich mit den Umständen zu arrangieren. „Das ist halt so, wenn man direkt an der Bahn wohnt“, sagt sie und hält ihr Mobiltelefon in der Hand - allzeit bereit, im Stellwerk anzurufen, wenn es ihr wieder einmal gar zu lange dauert, bis die Schranke hochgeht und den Überweg freigibt.

von Carina Becker

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