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Dorfmuseum akut einsturzgefährdet

Sperrzone in Caldern Dorfmuseum akut einsturzgefährdet

Seit mehr als zehn Jahren läuft zwischen der Gemeinde Lahntal und dem Heimatverein Caldern ein Streit über die Zukunft des Dorfmuseums. Das Gebäude darf nun nicht mehr betreten werden – eine neue Eskalations­stufe ist erreicht.

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Zutritt verboten – Front oder Giebel des Dorfmuseums könnten jederzeit einstürzen, ergab ein aktuelles Gutachten, das die Gemeinde in Auftrag gegeben hatte.

Quelle: Tobias Hirsch

Caldern. „Damit hätte ich auf keinen Fall gerechnet“, sagt Manfred Apell. Nach einer Bürgerversammlung in Caldern im Juli dieses Jahres, in der es um den Zustand des Dorfmuseums ging, gab der Lahntaler Bürgermeister ein Gutachten über den Zustand des Gebäudes in Auftrag – denn während der Versammlung wurden viele Diskussionen über die Standsicherheit des Gebäudes geführt, die Einschätzungen gingen weit auseinander. Und Apell wollte Sicherheit. Die hat er nun.

In der vergangenen Woche ergab eine neue Analyse zur Gebäudesubstanz, dass das Haus akut einsturzgefährdet sei. „Die Konstruktion ist so geschwächt, dass Giebel oder Front auf einen Schlag herausbrechen könnten“, fasst der Bürgermeister zusammen, was das Gutachten ergeben hat. Die geschätzten Sanierungskosten: mindestens ­eine halbe Million Euro.  

So ganz neu ist die Kunde von der instabilen Gebäudesubstanz des Dorfmuseums nun nicht – zu dieser Einschätzung kam bereits 2004 eine Architektin. Damals hieß es, die Decke im Obergeschoss sei nicht mehr tragfähig, es wurde daraufhin abgesperrt. Nun hat sich die ­Lage erheblich zugespitzt.

Das Gebäude muss zuerst abgesichert werden

Niemand darf das Haus mehr betreten, die Exponate von heimathistorischem Wert dürfen erst gesichert werden, wenn das Gebäude zuvor abgestützt wurde. Wie all dies vonstatten gehen soll, ist derzeit noch offen. Viele Fragen gilt es zu klären, wie Bürgermeister Manfred Apell im Gespräch mit der OP erklärt – so beispielsweise, wo die Exponate dann gelagert werden und wo sie künftig ausgestellt werden könnten. Und was dann aus dem alten Fachwerkhaus wird, steht ebenfalls in den Sternen. So wird die Gemeindepolitik auch zu diskutieren haben, ob sie rund 500.000 Euro für eine Sanierung zur Verfügung stellen will.

„Darauf hat die Gemeinde zehn Jahre lang hingearbeitet“, schimpft Volker Heine. Der Vorsitzende des Heimatvereins ist stinksauer, denn seit 2004 versucht er bei der Kommune, die das Museum in dem historischen Gebäude unterhält, auf eine Sanierung hinzuwirken.

Für 43.000 Euro könnten dringlichste Arbeiten am Dorfmuseum Caldern erledigt werden, schätzte Heine im Mai dieses Jahres. Nun hält er fest, dass das Haus immer noch gerettet werden könne, wenn die Gemeinde nur wolle. „Das Dachgeschoss muss ja nicht unbedingt saniert werden, ohne würde es erheblich günstiger werden.“  

In Lahntal gab es über die Kosten einer Sanierung bereits viel Streit – untermauert wurden die sehr konträren Positionen von beiden Seiten jeweils mit Gutachten. Die Analysen des Heimatvereins liefen dabei darauf hinaus, dass das Gebäude mit einem finanziellen Aufwand von gut 100.000 Euro komplett erneuert werden könne. Diese Summe wäre 2004 durch Zuschüsse gedeckt gewesen, hält Heine fest. Hingegen kamen die von der Gemeinde beauftragten Gutachter schon damals auf Sanierungskosten von deutlich mehr als 300.000 Euro.

Heine: „Es ist ein Piratenakt, Freibeuterei.“

Heine meint, es sei das Ziel der Gemeinde gewesen, das Haus, das ihr einst durch eine Schenkung übertragen wurde, so lange dem Verfall preiszugeben, bis nur noch ein Abriss in Frage komme. Mit dem Ziel, das freiwerdende Grundstück dann gewinnbringend zu veräußern, mutmaßt der Heimatvereinsvorsitzende und regt sich über einen Brief von der Kommune auf, den der Verein erhalten habe. „Jetzt dürfen wir unser Zeug dort herausräumen, so als ob es irgendein Plunder wäre. Es ist ein Piratenakt, es ist Freibeuterei“, wirft er der Gemeinde vor und teilt mit, dass der Heimatverein zunächst gar nichts unternehmen werde.„Warum sollten wir?“, fragt Heine, „es ist doch das Museum der Gemeinde“.

Auf eine solch passive Position kann die Kommune sich freilich nicht zurückziehen – und will sie auch gar nicht. „Wir suchen gerade nach einem Platz, wo wir unseren Teil der Exponate einlagern können“, sagt Manfred Apell. „Und wir müssen klären, ob einer der beiden Erben des Fachwerkhauses dieses vielleicht übernehmen will.“

Das Fachwerkgebäude wurde Anfang der 1980er-Jahre von seinem ursprünglichen Standort auf das heutige Grundstück versetzt, einmal komplett ab- und wiederaufgebaut. Der frühere Besitzer übergab das Gebäude an die Gemeinde – mit der Auflage, darin ein Heimatmuseum zu betreiben. Und wenn dieser Zweck einmal nicht mehr erfüllt werde, es wieder an die Erben zurückzugeben.

Die Erben kümmern sich nicht um das Gebäude

Einer von zwei in Frage kommenden Erben schlug es bereits einmal aus, das Gebäude zu übernehmen, berichtet Apell und kündigt an, dass die Gemeinde nun noch einmal Kontakt aufnehmen werde. Der andere Erbe, so berichtet Heine, wäre dazu bereit gewesen, dass Fachwerkhaus zu übernehmen, sei aber vor einigen Jahren verstorben. „Diese Chance ist jetzt vorbei.“

Ob das Dorfmuseum so einfach abgerissen werden darf, ist ebenfalls ungewiss. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, heißt es – obwohl Apell anzweifelt, dass das Haus die Kriterien für denkmalgeschütztes Fachwerk erfüllt. „Es wurde in die Denkmalrolle eingetragen, als es noch seinen ursprünglichen Standort hatte“, erklärt er und verweist darauf, dass damals beim Wiederaufbau unter Einsatz ehrenamtlicher Helfer viel Pfusch betrieben worden sei. Schon angefangen damit, dass die Fachwerkbalken nach dem Abbau monatelang unabgedeckt auf einer Wiese gelagert worden seien. 

Heine hält dem entgegen, dass das Haus damals unter Anleitung der Bezirkskonservatorin wiedererrichtet worden sei und auf jeden Fall unter Denkmalschutz stehe. Der zuständige Fachmann beim Landesamt für Denkmalpflege in Marburg, Dr. Bernhard Buchstab, war für eine Einschätzung dazu gestern leider nicht erreichbar.

von Carina Becker

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