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Die große Angst vor dem Provisorium

Eklat beim B-252-Spatenstich Die große Angst vor dem Provisorium

Dem lang ersehnten Spatenstich für die neue B 252 zur Entlastung der Ortslagen Göttingen, Niederwetter, Wetter, Todenhausen, Simtshausen und Münchhausen haftet nun der Makel eines „Schnellschusses“ an.

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Rund 100 Meter vom Spatenstich entfernt protestierten Landwirte und Naturschützer mit ihren Traktoren und Plakaten, kamen dann aber auch rüber, um die Reden zu hören und mitunter mit Buh-Rufen zu quittieren.

Quelle: Nadine Weigel

Wetter. Der gestrige B-252-Spatenstich geht ganz sicher in die Geschichte des Landkreises ein. Immerhin mussten die Anwohner gute 50 Jahre darauf warten. Doch das Warten auf Entlastung wird für viele erst einmal weitergehen, denn der erste Bauabschnitt zwischen Wetter und Goßfelden sorgt allenfalls für Entlastung in Wetter und Niederwetter. Wann die Todenhäuser, Simtshäuser, Münchhäuser und Göttinger sich freuen dürfen, steht nach wie vor in den Sternen. Der hessische Verkehrsminister Florian Rentsch zeigte sich zwar entschieden, die weiteren Bauabschnitte so schnell wie möglich folgen zu lassen, doch konnte er nicht konkreter werden als „zeitnah“ zu sagen. Und: „So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben.“

Den Kritikern der sogenannten Westtrasse rief er entgegen: „Die Menschen, die für die Ortsumgehung gekämpft haben, sind auch Teil der Umwelt, die Rechte haben.“ Zahlreiche Landwirte und Naturschützer hatten sich rund 100 Meter entfernt versammelt, um gegen den „massiven Landverbrauch“ zu demonstrieren. Die Aktionsgemeinschaft B252n/Wetschaftstal und der Nabu-Kreisverband unterstützen die Klage eines Landwirts, der sich nach wie vor durch die Zerstückelung seiner Ackerflächen in seiner Existenz bedroht fühlt. Ein weiterer Landwirt, Harald Fett, stellte unmissverständlich klar, dass er noch immer im Besitz von Flächen ist, die für den Straßenbau benötigt werden (die OP berichtete).

Gutachter Wulf Hahn aus Marburg stellte zudem heraus, dass man einen Baustopp erwirken werde, sobald diese Flächen von Baggern befahren werden. „Das wird wohl schon sehr bald sein, denn die Flächen befinden sich nur 100 Meter von der Stelle des Spatenstichs entfernt“, so Hahn gegenüber der OP.

Weder Rentsch noch Burkhard Vieth, Präsident von Hessen Mobil Straßen- und Verkehrsmanagement, gingen auf mögliche Probleme dieser Art in ihren Redebeiträgen ein. Auch Jan Mücke, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, stellte die Entlastung der Bürger in den Vordergrund, ohne allerdings einen Plan für die Gesamtumsetzung zu präsentieren.

Dr. Karsten McGovern ging in seiner Rede als Vertreter des Landkreises aber gerade auf die Zeitplanung ein. Er erinnerte daran, dass auch er Kritiker der Westtrasse war und für die nicht berücksichtigte Mittellinie mit Tunnellösung gewesen sei. Nun müsse er feststellen, dass man mit dem Bau des Teilstücks zwischen Wetter und Goßfelden nur einen kleinen Teil Entlastung bringe, aber für andere Orte gar mehr und dies unter einem großen Flächenverbrauch. „Dass die grundsätzliche Kritik an der Trassenführung hier in Wetter jetzt nochmals aufgekommen ist, hat auch damit zu tun, dass nun ausgerechnet an diesem sensiblen Punkt der Trasse, wo die negativen Auswirkungen auf Natur, Landschaft und Landwirtschaft besonders groß und die Entlastungswirkung für die Menschen relativ schwach ist, begonnen werden soll. Das wirkt so als ob hier jetzt schnell Fakten geschaffen werden sollen.“ Mit dem Wissen, dass noch eine Klage anhängig ist und nicht alle benötigten Flächen verkauft wurden, sei dies ein fragwürdiger Schnellschuss.

Straßenbefürworter setzen auf das Prinzip Hoffnung

„Besonders ärgerlich aber muss die Ungewissheit über die Weiterführung der Maßnahme für die Bürger in Münchhausen, Todenhausen, Simtshausen und im Hinblick auf die B 62 in Göttingen sein. Für sie bringt der heutige Spatenstich nur Symbolik und sonst erst einmal gar nichts.“

Das gaben Ralf Funk, Ortsvorsteher von Todenhausen, sowie sein Kollege Michael Haubrok-Terörde aus Simtshausen im Gespräch mit der OP zu. „Natürlich müssen wir hoffen, dass es zügig weitergeht“, sagt Funk. Haubrok-Terörde ergänzt: „Wir wissen doch alle um die finanzielle Situation. Wir haben Hoffnung, aber nicht mehr.“ Funk findet es aber „traurig“ dass es weiterhin Kräfte gibt, die gegen die Ortsumgehung arbeiten. „Es gibt doch eine Flurbereinigung. Dabei werden alle Probleme benannt und gelöst.“

Mücke beschränkte sich darauf, den Tag feiern zu wollen. Dass der Startschuss überhaupt möglich wurde, dafür machte er in erster Linie die Steuerzahler verantwortlich, die „fleißig gearbeitet haben“ und die Mitglieder der Koalition aus CDU und FDP im Bundestag, die die Mittel bewilligt haben für das „Transitland schlechthin“ – Hessen.

Warnschilder mit "Radar-Abzocke"

Rentsch, der sich bemühte, dem Spatenstich die Feierlichkeit einzuhauchen, die Spatenstichen normalerweise anhaftet, sah sich noch einer weiteren Verbalattacke des Vize-Landrats ausgesetzt. Dieser fand es gar nicht lustig. dass der Minister öffentlich verlautbarte, er wolle mit Warnschildern für Autofahrer vor „Radar-Abzocke“ warnen. Schließlich habe man die Überwachung der Geschwindigkeitsbeschränkungen ganz bewusst den Kommunen überlassen. Er nannte dies einen schlechten Stil und erhielt auch Unterstützung von Wetters Bürgermeister Kai-Uwe Spanka, der sich wie er selbst derzeit um das Amt des Landrats bewirbt. Spanka verweigerte jedoch nicht den Spatenstich, sagte aber, dass Kommunen zur Überwachung der Einhaltungen der Geschwindigkeitsbegrenzungen, insbesondere bei 30 Stundenkilometern in den Nachtstunden auf „Blitzer“ angewiesen seien und keinesfalls damit Geld verdienen wollten. „Die Polizei hat dafür kein Personal heißt es immer wieder, wir setzten deshalb nur das um, was uns aus dem Ministerium empfohlen wurde.“

Manfred Apell, Bürgermeister der Gemeinde Lahntal, hat großes Verständnis für die Angst der Bürger aus Goßfelden, dass sie Leidtragende des „Provisoriums“ werden. Denn die kürzeste Strecke nach Marburg führt dann von Wetter direkt über Goßfelden. „Wir werden sicher alles dafür tun, dass diese Möglichkeit für Autofahrer unattraktiv bleibt.“ Er setzt aber auf die Worte des hessischen Verkehrsministers, der die Notwendigkeit der gesamten Ortsumgehung mehrfach betont hatte.

HINTERGRUND:

  • Der Bauabschnitt verläuft von der Bundesstraße 62 bei Goßfelden im Süden kommend um Wetter herum und schließt nördlich der Stadt an die bereits vorhandene L 3091 und über die derzeit in Bau befindliche Kreisstraße 123 an die vorhandene B 252 vor der Wohnbebauung in Wetter an. Begonnen werden soll mit dem Bau einer Baustellenumfahrung für ein Brückenbauwerk bei Wetter, das künftig die L 3091 über die neue Ortsumgehung führen wird. Ein Kreisverkehr wird die L 3091 sowie die K 123 an die neue B 252 anbinden. Daran anschließend, so heißt es aus dem hessischen Verkehrsministerium weiter, soll voraussichtlich ab Frühjahr 2014 die Brücke der L 3091 hergestellt werden. 2016 sollen dann die Arbeiten für den rund 5,25 Kilometer langen Streckenbau beginnen. Die einsetzbaren Investitionsmittel für 2013 und 2014 wurden vom Bund auf zunächst zehn Millionen Euro begrenzt. Insgesamt soll der erste Teilabschnitt 32,3 Millionen Euro kosten.

von Götz Schaub

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