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Die brotlose Zeit ist bald überstanden

Backhaus-Sanierung Die brotlose Zeit ist bald überstanden

Gisela Müller kann sich nicht daran erinnern, jemals im Leben so lange auf selbstgebackenes Brot verzichtet zu haben. Seit Januar sanieren die Oberaspher ihr Backhaus. Ab September kann es wieder genutzt werden.

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Gebacken wird derzeit nicht im Backhaus Oberasphe – die Sanierung läuft noch bis September. Aber probehalber haben (von links) die Brotbäcker Helmut Müller und seine Frau Gisela, Bürgermeister Peter Funk sowie Ortsvorsteher Gerd Hallenberger den neuen Ofen schon einmal angeheizt.

Quelle: Carina Becker

Oberasphe. Selbstgebackenes Brot gehört in Oberasphe für mehr als zehn Familien ganz selbstverständlich zum Alltag. Die Rezepte für das traditionelle Sauerteigbrot wird von Generation zu Generation weitergegeben – Kinder, Eltern und Großeltern stehen in dem Dörfchen in der Gemeinde Münchhausen gemeinsam am Ofen, wenn der allmonatliche Backtag gekommen ist.

Gisela Müller (68) organisiert das gemeinsame Backen. „Wer den Ofen anheizt und was es sonst noch zu erledigen gibt, das schreibe ich alles auf“, erklärt sie. So ein Backtag will gut vorbereitet sein – schließlich sollen alle genügend Laibe bekommen, um sich für die nächsten Wochen zu bevorraten. Gisela Müller und ihr Schwiegertochter backen für drei Familien – 30 bis 35 Brote müssen es dann schon sein.

Im Backhaus wird alles zeitgleich in den riesigen Ofen geschoben. „Die Hitze kann man nur einmal nutzen – wenn wir mit Buchenholz bis auf rund 275 Grad angeheizt haben, muss die Glut raus aus dem Ofen und die Hitze hält dann rund eine Stunde.“ Diese Zeit reicht gerade fürs Backen der Sauerteigbrote, „wenn sie nach einer Stunde fertig sind, kann man mit der Resthitze noch Kuchen backen“, weiß Gisela Müller.

Die Vorbereitungen für den großen Backtag trifft jede Familie selbst. Der Sauerteig muss schon am Vortag zubereitet werden, er braucht sieben Stunden, bis er weiterverarbeitet werden kann. „Dann wird er morgens durchgeknetet und muss noch einmal eine Stunde gehen“, erklärt Gisela Müller. Die Brotvorräte der Oberaspher sind längst aufgebraucht, die Gefriertruhen leer. Seit Januar steht das Backhaus still – der alte Ofen taugte nicht mehr und sollte aus Mitteln der Dorferneuerung ersetzt werden. Doch es kam anders als geplant, wie Ortsvorsteher Gerhard Hallenberger berichtet.

 

Beim Abriss den alten Backofens drohte der Schornstein einzustürzen und musste dann ganz abgetragen werden. „Das war nicht vorgesehen – und dafür hätte das Geld auch nicht gereicht“, erklärt Hallenberger und verweist auf den Dorferneuerungszuschuss von 23000 Euro für die komplette Backhaus-Innensanierung, die mit 36000 Euro veranschlagt war. Und dann auch noch ein neuer Schornstein! Doch in Oberasphe weiß man sich zu helfen. „Was wären wir ohne Ortsvorsteher Gerhard Hallenberger und seine Leute?“, fragt Münchhausens Bürgermeister Peter Funk augenzwinkernd und sagt: „Die Oberaspher kriegen das hin.“ Und damit behält er Recht.

Ab September soll‘s wieder Brot aus dem eigenen Backhaus geben – es hat inzwischen einen neuen Ofen und einen neuen Schornstein.

Bauunternehmer errichtet Schornstein ehrenamtlich

Dass der Bau des Schornsteins in Eigenleistung gelang, ist nicht nur dem Oberaspher Zusammenhalt und der tatkräfitigen Hilfe vieler Menschen aus dem Dorf zu verdanken, sondern auch der Unterstützung aus Wollmar. Bauunternehmer Hans-Martin Seipp aus dem Nachbarort errichtete den Schornstein gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Helmut Wengler in ehrenamtlicher Arbeit. „Wir mussten nur die Materialkosten von 7500 Euro aufbringen“, berichtet Hallenberger und Bürgermeister Funk ergänzt: „Das hätte die Gemeinde sonst das doppelte gekostet.“ „Die starken sieben“, so nennt Hallenberger die maßgeblichen Helfer bei der Backhaussanierung. Neben dem Ortsvorsteher selbst sind es Helmut Müller, Karl-Heinz Schüßler, Stefan Groß, Achim Müller, Jürgen Ronzheimer und Horst Wagner.

Bis zum Herbst bleibt noch einiges zu tun für den Trupp von der Backhausbaustelle. Der Ofen, ein schickes gemauertes Modell mit einer 2 Meter breiten und 2,2 Meter tiefen Backkammer sowie drei Zügen für die Luftzufuhr und Schamott-Steinen, die die Hitze gut halten, muss noch von außen verfugt werden. Errichtet wurde er vom Familienunternehmen Heuft aus der Eifel. Kostenpunkt: Rund 18000 Euro.

Rings um das gute neue Stück sollen dann noch die Wände frisch verputzt werden. Ein Teil des Backhauses wollen die Oberraspher kacheln und mit einer Spüle sowie Sitzgelegenheiten ausstatten. „Das passt dann auch, wenn wir an Himmelfahrt unser traditionelles Pizzabacken im Dorf machen oder wenn der Kindergarten das Backhaus einmal nutzen will“, sagt Helmut Müller.

Das Gebäude ist alt. „So zwischen 17. und 18. Jahrhundert muss es errichtet worden sein“, sagt Gerhard Hallenberger. Der Bau muss eine mühevolle Angelegenheit gewesen sei, davon zeugen die Wände, an denen der Putz bröckelt und die alten Feldsteine, die verbaut worden sind, freigibt.

Das Oberaspher Backhaus hat manche Zeiten überdauert. Es beherbergte nach dem Krieg Flüchtlinge im Obergeschoss, bot zuletzt der Kirchengemeinde einen Raum für die Jugendarbeit und ist der Treffpunkt der Burschenschaft. Auch in Zukunft kann es rege genutzt werden, dafür legen die Oberaspher sich in Zeug. „Wir können es kaum abwarten, endlich wieder unser eigenes Brot zu backen“, sagt Gisela Müller und lacht.

von Carina Becker

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