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Die Wurzeln des Bösen

Serie: Saisongarten Die Wurzeln des Bösen

Wenn Sisyphos Unkraut hätte jäten müssen, wäre Giersch in seinem Garten erblüht. Wer das essbare Horrorunkraut einmal hat, wird es erst durch einen Umzug wieder los.

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Storchschnabel liefert sich in diesem Rosenbeet ein Wettrennen mit den langen Trieben der Zaunwicke.

Quelle: Frank Rademacher

Sterzhausen. Aegopodium podagraria heißt das Kraut mit lateinischem Namen. Der weiß blühende Doldenblütler hat das Potenzial, Hobbygärtner zum Verzweifeln zu bringen. Versuche, die Ausläufer seiner unterirdischen Rhizome unter Kontrolle zu bringen, sind zum Scheitern verurteilt, sofern der Gärtner nicht bereit ist, die besiedelten Flächen metertief und großflächig abzutragen.

Was also tun, wenn der Giersch sich mitten im Garten aus­breitet, wohin wir auch den befreundeten Bauunternehmer mit seinem Bagger nicht schicken mögen?

Unkraut kann man einfach essen

Einfach aufessen! Der Giersch hat den Vorteil, dass er schon zeitig im Frühjahr sein Unwesen treibt. Sobald sich die zunächst lindgrünen, in ihrer Form an einen Ziegenfuß erinnernden Blättchen Ende März zeigen, ist die Zeit für einen ersten Kräuterquark gekommen. Ernten Sie reichlich! Die Gefahr, dass sich die Pflanze von dem radikalen Eingriff nicht erholt, liegt im unteren Promillebe­reich. Der Wechsel vom Garten in den Kräuterquark lohnt sich doppelt, denn der Giersch ist eine Vitaminbombe und steckt voller Mineralstoffe; er ist gewissermaßen gewachsen, um gegessen zu werden. In der Volksmedizin soll er zudem die Schmerzen von Rheumatismus und Gicht lindern. Mit jedem Kräuterquark und jedem Pesto aber verliert das Unkraut etwas von seinem Schrecken.

Die Strategie der friedlichen Koexistenz empfiehlt sich auch im Umgang mit der Brennnessel, deren gesunde Inhaltsstoffe die des Gierschs sogar noch übertreffen. Die ganz jungen, fast dunkelvioletten Triebe kann man bedenkenlos anfassen, die Namen gebende Reizwirkung setzt erst später ein. Kulinarisch gesehen ist die Brennnessel vielseitiger einsetzbar als der Giersch, in getrockneter Form dient er zum Würzen und für einen Teeaufguss.

Mit Brennnesseln gegen beißende und saugende Insekten

Auch im Garten lässt sich die Brennnessel nutzbringend einsetzen. Ein 24 Stunden lang angesetzter Kaltwasserauszug enthält viel Kieselsäure und kann deshalb als Pflanzenstärkungs­mittel gegen beißende und saugende Insekten eingesetzt werden, verrät Irene Becker, Vorsitzende der Regionalgruppe Mittelhessen in der Gesellschaft der Staudenfreunde.

Lässt man die Brennnesseln dagegen eine Woche oder länger im Wasser vergären, gewinnt man eine stickstoff- und mineralstoffhaltige Jauche, die zwar penetrant stinkt - was sich mit Gesteinsmehl eindämmen lässt -, aber verdünnt ein hervorragender Flüssigdünger ist. Der Rest landet auf dem Komposthaufen. Tagpfauenauge, Admiral, Kleiner Fuchs und das Landkärtchen gehören zu den rund 50 Schmetterlingen, deren Raupen die Brennnesseln zum Fressen gern haben.

Wer die Brennnessel gewähren lässt, wird sie für viele Jahre behalten. Ihre Ausläufer setzen sich auch gerne in Staudenhorsten fest. Im jungen Stadium aber lassen sich die Nesseln vor allem nach einem ordentlichen Landregen, wenn der Boden angefeuchtet ist, gut jäten.

Bleiben die Wurzeln der Brennnesseln vergleichsweise dicht unter der Erdoberfläche, wo sie in alle Himmelsrichtungen Ausläufer bilden, kennt die Wurzel der Distel nur eine Richtung, die zum Erdmittelpunkt. Sicher beseitigt aber hat sie nur, wer die Pfahlwurzel auch ganz entfernt. Im weichen Rasen geht das noch ganz passabel mit einem Ausstecher, auf dem steinigen, stark verdichteten Fußweg zwischen den Beeten aber hilft nur stärkeres Werkzeug ab Kreuz­hacke aufwärts.

Zwar finden an den blühenden Disteln auch zahlreiche Insekten Gefallen; das könnten sie aber auch außerhalb unserer Gärten tun. Und für den menschlichen Verzehr ist das stachelige Unkraut gänzlich ungeeignet. Deshalb gilt bei der Distel der Grundsatz: Wehret den Anfängen. Ist die Pfahlwurzel erst zwei Zentimeter lang, kann sie den Gärtner nicht schrecken.

Leckerer Löwenzahn-Gelee

Das gilt auch für den Löwenzahn, dessen junge Blätter sich gut in einem Frühlingssalat machen oder Eingang in den Kräuterquark finden könnten. Etwas später, wenn seine gelben Blüten im April und Mai leuchten, sollten wir die einsammeln und in ein Ansatzgefäß mit Apfelsaft geben. Darin dürfen sie 24 Stunden ihr Aroma abgeben, ehe wir aus dem Saft dann den ersten Gelee des Jahres kochen. So verhindern wir auch, dass sich die Samen der Pusteblume in unseren Beeten niederlassen.

Das Maßlose und nahezu Unumkehrbare des Gierschs beschränkt sich indes keineswegs auf die Unkräuter. Wer einmal der Pfefferminze Zugang zu seinem Kräuterbeet gewährt hat, weiß ein Klagelied davon zu singen. Auch hier reichen kleinste Wurzelreste im Boden, um eine neue Kultur ungeahnten Ausmaßes zu starten. Deshalb ist es angeraten, der Pfefferminze, die wir ja im Garten gerne haben wollen, klare Grenzen zu setzen. Ein alter Traktorreifen könnte hier gute Dienste leisten. Mit Erde befüllt, steckt er exakt den Rahmen ab, innerhalb dessen die Pfefferminze sich ausbreiten darf. Und wenn Schmetterlinge, Schwebfliegen und andere Insekten ihre Blüten umschwirren, können wir uns im Sommer auf den Rand des Reifens setzen und das feine Minzaroma bequem genießen.

Storchenschnäbel gegen Quecken

Brombeerlikör ist etwas sehr Feines - er kann aber nur teilweise über den Ärger hinwegtrösten, der entsteht, wenn anderthalb Meter neben dem Beerenbeet, mitten in der Blumenrabatte, eine neue Brombeerkolonie gegründet wird. Die unterirdische Verbindung wird erst sichtbar, wenn man versucht, den neuen Gast samt Wurzel zu entfernen.

Storchschnäbel sehen blühend auch ganz schick aus. Dass ein Pflänzchen ausreicht, um innerhalb weniger Jahre auch größere Verkehrsinseln zu begrünen, deutet das einnehmende Wesen dieser Blumen nur unzureichend an. Irene Becker hat eine Storchschnabel-Art schon erfolgreich gegen Quecken, ein anderes Schreckensunkraut, eingesetzt. Mit der Blume ließe sich vermutlich sogar der Giersch aus dem Garten verdrängen - aber den brauchen wir ja für den Kräuterquark.

Toleranz und Gelassenheit - so viel lässt sich mit Gewissheit sagen - sind die besten Mittel im Umgang mit Giersch, Pfefferminze und Storchschnabel. Sisyphos-Arbeiten sind nichts für den Garten.

von Frank Rademacher

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