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Der König muss das Geld fürs Bier mitbringen

Schießwettbewerb Der König muss das Geld fürs Bier mitbringen

Was das Königsschießen in Treisbach wohl einzigartig macht, ist der Ort, an dem es stattfindet. Welcher Schützenverein kann sonst von sich behaupten, in einem stillgelegten Steinbruch den Schützenkönig zu krönen.

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Erfolgereiche Schützen beim Treisbacher Könisschießen: (von links) Hermann Belz (Dritter Ritter), Schützenkönig Jörg Bornemann, Willi Noll (Zweiter Ritter) und Gerhard Mann (Erster Ritter).

Quelle: Verena Pophanken

Treisbach. „Eigentlich will keiner wirklich König werden“, geben die Männer vom Treisbacher Schützenverein auf Nachfrage schmunzelnd zu. Der Schützenkönig hat im Laufe des Jahres Verpflichtungen gegenüber dem Verein zu erfüllen, er muss die eine oder andere Runde zahlen beim Schützenfest. Und das kann teuer werden.

Um den besonderen Ort des Treisbacher Königsschießens zu besuchen, hat sich die OP auf den Weg dorthin gemacht. Ein Waldweg schlängelt sich vorbei an Baumreihen bis hin zu einer freien Fläche. Das Ziel: der Steinbruch von Treisbach. Eine Absperrung verwehrt den Zugang zu der verwitterten Steinbruchwand. Drei Pavillons stehen als Schutz vor der Sonne nur wenige Meter neben der Absperrung.

Dieser idyllisch gelegene Ort oberhalb des beschaulichen Dorfes Treisbach ist an diesem Samstag der Schauplatz des alljährlichen Königsschießens des Schützenvereins. Der seit 1970 bestehende Verein organisiert die Veranstaltung in Eigenregie.

Der bis in die 60er Jahre hinein in Betrieb gewesene Steinbruch darf außerhalb des Königsschießens nicht betreten werden. Grund dafür ist das verwitterte Gestein, das jederzeit ins Rutschen geraten kann. „Der Steinbruch bietet einen geeigneten Ort für eine solche Veranstaltung“, sagt Vorsitzender Gerhard Mann, während er ein Kleinkalibergewehr auf einem Eisengestell unter einem der Pavillons befestigt.

Die Männer schießen, die Frauen schauen zu

„Wir müssen jährlich eine Genehmigung für die Veranstaltung einholen“, erklärt Konrad Moog, langjähriges Mitglied des Schützenvereins Treisbach. Es müssen Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden. Daher kommt einmal im Jahr ein unabhängiger Schießstandsachverständiger, um die Schussanlage auf die waffenrechtlichen Bestimmungen zu überprüfen. Der Bericht dieses Sachverständigen geht an das Landratsamt Marburg.

So sind die Strohballen vor der Steinbruchwand dazu da, die Kugeln abzufangen. „Das Gestell dient nicht nur zur Befestigung des Gewehrs. Es schützt auch davor, dass jemand aus versehen einen Schuss in Richtung Zuschauer abgeben kann“, erklärt Moog. Beim heutigen Königsschießen nehmen nicht alle der 35 Mitglieder teil. Rund 15 Männer gehen an den Start, die Frauen sind in Treisbach nur als Zuschauerinnen beteiligt.

Dort hängt er, der hölzerne Adler, mit Schrauben befestigt an einem Holzpfahl. Dahinter die Strohballen, damit die Kugeln nicht auf die Steinwand prallen und zurückgeschleudert werden. Der Abstand der Schützen zu ihrem Zielobjekt beträgt etwa 50 Meter. Abzuschießen sind: Krone, Zepter, Apfel und Schwanzfedern des Adlers - alles ist mit weißen Linien markiert. Zum Schluss muss der ganze Vogel fallen, doch dazu später mehr.

Das große Schießen beginnt. Und minutenlang tut sich nicht viel. Die Schützen geben unaufhörlich ihre Schüsse auf den hölzernen Vogel ab. Vorstandsmitglied Willi Noll hat den Adler, wie jedes Jahr, in liebevoller Handarbeit gefertigt und bemalt. Jetzt geht es dem Holzvogel an den Kragen. Die Spannung steigt. Die Schützen drängen sich um die aufgestellten Fernrohre, um keinen Treffer zu verpassen.

Nach 88 Schüssen ist es soweit - der Kopf fällt. Gerhard Mann holt die Krone samt Kopf vom Hals des Adlers - und ist somit erster Ritter. Schon nach kurzer Zeit fällt auch der Apfel zu Boden. Mit nur elf Schüssen wird Willi Noll der Zweite. Dritter erfolgreicher Schütze ist Hermann Belz, der nach 31 Schüssen das Zepter vom Bein des Adlers schießt.

Etwas länger dauert es, bis feststeht, wer der König wird. Ob niemand wirklich treffen will? Man denke an die Kosten... Doch dann passiert es. Die Schwanzfedern des Adlers fallen. Die Ehre gebührt Jörg Bornemann, der nach 35 Schüssen der Schützenkönig ist. Erleichterung bei den anderen Schützen macht sich breit.

In diesem Jahr soll jedoch nicht nur der König „gekrönt“ werden, sondern auch der Kaiser. Alle fünf Jahre ist das Königsschießen in Treisbach zugleich ein Kaiserschießen. „Die Würden des Kaisers werden unter den ehemaligen Königen ausgeschossen“, erklärt Gerhard Mann. Konrad Moog löst die spannende Frage um die „Kaiserwürde“ nach dem 64. Schuss auf - und ist somit neuer Kaiser von Treisbach.

Im Laufe der Jahre hat es sich im Verein eingespielt, dass jeder erfolgreiche Schütze eine Kiste Freigetränke spendiert. In den letzten Jahren hat der Zulauf abgenommen - immer weniger Mitglieder nehmen am Königsschießen teil. Neue Mitglieder können frühestens mit dem 12. Lebensjahr aktiv am Training des Schützenvereins teilnehmen und beitreten.

Im Laufe der Jahre hat sich eine weitere Tradition entwickelt. Um die Mittagszeit gibt es warme Fleischwurst mit Senf und Brötchen. Die Schützen wollen noch etwas Zeit miteinander verbringen, auch, wenn der Vogel längst abgeschossen ist. Die Atmosphäre ist entspannt, die Treisbacher sitzen gut gelaunt beisammen.

von Verena Pophanken

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