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Der Dorfpfarrer und die Marburger Romantiker

Bang-Tage Der Dorfpfarrer und die Marburger Romantiker

Zwei „Bang-Tage“ veranstaltete der Förderverein Gemeinschafts- und Kulturzentrum Rossweg anlässlich des 240. Geburtstags des ehemaligen Goßfeldener Pfarrers Johann Heinrich Christian Bang.

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In den Trachten, die auch beim Grenzgangfestzug benutzt werden, stellten sich Pfarrer Johann Heinrich Christian Bang (Sechster von links), dessen Familie und Marburger Romantiker vor. Rechts: Professor Siegfried Becker hielt den Abschlussvortrag.Fotos: Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Goßfelden. Wissenschaft und Forschung soll der Wahrheit dienen und kann es daher manchmal nicht vermeiden, Illusionen zu zerstören. So kam Professor Siegfried Becker in seinem Abschlussvortrag „Marburg und Goßfelden, Pfarrer Bang und die Märchen der Brüder Grimm“, in dem er nach deren Anteil in den Grimmschen Märchen fragte, nicht umhin, ein „literarisch bewusst inszeniertes Klischee“ zu entlarven.

Viele nähmen an, dass aus diesem Dorf das Grimm‘sche Märchen „Der arme Müllersbursch und das Kätzchen“ stammt. Dies beruht auf einer Geschichte, die tatsächlich in Goßfelden erfunden wurde, erklärte Professor Becker: „Pfarrer Hans Theodor Siebert schrieb um 1950 seine Novelle ,Die Märchenlinde‘ und ließ darin die ,Müllerin von Goßfelden‘ den Brüdern Grimm dieses Märchen erzählen.“

Das sei literarische Ausschmückung gewesen, schriftstellerische Freiheit in der Absicht, die Märchensammlung der Brüder als fleißiges Aufzeichnen aus der unmittelbaren mündlichen Überlieferung der Landleute erscheinen zu lassen, wie man es über Generationen gerne hatte sehen wollen. Inzwischen aber sei dieses „romantische Bild vom Märchensammeln in den heimeligen Bauernstuben des kurhessischen Berglandes gründlich revidiert“.

Schon in den Kommentaren zur Erstausgabe des zweiten Bandes 1815 stehe als Herkunftsnachweis zu jenem Märchen eindeutig: Aus Zwehrn. Damit machten die Brüder Grimm ihre Gewährsfrau Catharina Dorothea Viehmann aus Niederzwehren bei Kassel als Erzählerin kenntlich.

In seinem detailreichen, über einstündigen Vortrag ging Becker weiter den eher „spärlichen Spuren“ aus dem Marburger Land und dem südlichen Burgwald in den Grimm‘schen Märchen nach. Ganz enttäuscht müsse man jedoch nicht sein, denn Goßfelden zur Zeit von Pfarrer Bang habe doch „leichtfüßige“ Spuren in und um die Grimm‘schen Märchen hinterlassen - in den berühmten Illustrationen, die Otto Ubbelohde in Goßfelden dafür schuf. In diesen klinge auch die Reverenz an einen zeitgenössischen Vorgänger an, den „Malerbruder“ Ludwig Emil Grimm, der Trachten tragende Mädchen aus Goßfelden zeichnete. Zudem habe Bang den Grimms für ihre „Deutschen Sagen“ vier Sagen vermittelt und übertrug für ihr Wörterbuch Bibelstellen in den Dialekt der Marburger Gegend.

Professor Beckers Vortrag ist in dem neuen Buch „Johann Heinrich Christian Bang, die Marburger Romantiker und die Märchen der Brüder Grimm“ enthalten, das Karl Heinz Görmar, der Vorsitzende des Fördervereins Gemeinschafts- und Kulturzentrum Rossweg, der durch die Bang-Tage führte, vorstellte. Es hat 172 Seiten, kostet 10 Euro und kann unter Kultur-bei-Bang@web.de bestellt werden.

Darin findet man außerdem den Vortrag „Geschwisterbegabungen in der Romantik“ von Maria Sporrer, mit dem am Freitagabend die Bang-Tage eröffnet wurden, sowie früher im Bang-Haus neben der Kirche gehaltene Vorträge.

Der Samstag hatte mit einem „Romantischen Nachmittag“ begonnen. Nach einführenden Worten Görmars zur Zeit der Romantik wechselten Liedbeiträge der Chorgemeinschaft Lahnfels, von Mitgliedern des Posaunenchores begleitete gemeinsame Lieder, Gedichtvorträge, Märchen und Sagen in Goßfeldener Platt von Dagmar Becker einander ab. Musikalische „Sahnestücke“ bot die Flötistin Monica Spiga aus Sardinien, zurzeit Jurastudentin in Marburg. Sie spielte unter anderem Werke von Nicolò Paganini, Saverio Mercadante und Friedrich Kuhlau.

Ein Höhepunkt war das „leibhaftige“ Auftreten von Pfarrer Bang, weiteren Bewohnern des Pfarrhauses und Marburger Romantikern des Kreises um Friedrich Carl von Savigny, wie Clemens Brentano, Bettina Brentano, Achim von Arnim sowie Jacob und Wilhelm Grimm, die sich in historischer Kleidung vorstellten. Die abwechslungsreich und aufwändig gestalteten Bang-Tage kamen bei den mehr als hundert Gästen, die an beiden Tagen teilnahmen, gut an.

Internet: http://kulturfoerderverein.lahntal.de

von Manfred Schubert

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