Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Der Blick richtet sich nach Gießen

Windkraft im Wollenberg Der Blick richtet sich nach Gießen

Der Windpark Wollenberg ist zunächst gescheitert. Doch die Bürgerinitiative (BI) „Rettet den Wollenberg“ glaubt nicht, dass dies das letzte Wort ist. Vor allem richtet sich der Blick nun nach Gießen zum Regierungspräsidium (RP).

Der Wollenberg von Caldern aus gesehen. Dass er frei von Windrädern bleibt, dafür kämpft die Bürgerinitiative.

Quelle: Michael Agricola

Wetter. Der Vorstand der Bürgerinitiative um den Vorsitzenden Dr. Jürgen Scheele (Wetter) kämpft gegen den Eindruck vieler Bürger an, der Windpark sei bereits abgewendet. Misstrauisch macht die BI-Mitglieder die Unklarheit, wie die Planungsbehörde in Gießen die Fläche im Regionalplan einstufen wird.

Als die Stadtwerke Marburg im vergangenen Jahr ihren Genehmigungsantrag für den Windpark mit bis zu sechs Anlagen zurückzogen, ließen sie sich ein Hintertürchen offen. Falls sich die Rechtslage ändere oder der in Arbeit befindliche Teilregionalplan Energie des RP Gießen eine Vorrangfläche im Wollenberg vorsehen sollte, könnte man das Projekt später wieder aufnehmen, so Stadtwerke-Geschäftsführer Rainer Kühne.

Genau dieser Teilregionalplan könnte nun darüber entscheiden, wie es mit dem Wollenberg weitergeht. In der aktuellen Karte ist die Fläche weder grün (als Vorrangfläche geeignet) noch rot dargestellt (ungeeignet). Über sie muss erst noch abschließend beraten werden.

Behörde hält sich bedeckt

Das RP plant, den überarbeiteten Teilregionalplan am 23. Juli von der Regionalversammlung beschließen zu lassen und im Anschluss, nach den Sommerferien in die zweite Offenlage zu geben. Zuvor wird es aber noch Ausschusssitzungen der Regionalversammlung geben, in denen über die noch strittigen Windvorranggebiete endgültig entschieden werden muss. Neben dem Wollenberg ist das im Landkreis die Vorrangfläche bei Mellnau und Todenhausen, gegen die unter anderem die dortige Bürgerinitiative Windkraft Wetter kämpft.

In beiden Fällen sehen die Bürgerinitiativen gute Argumente, warum diese Flächen nicht mit Windrädern bebaut werden dürften. Auffällig ist aber, dass über den aktuellen Stand bei der Bewertung dieser beiden Flächen vom RP auch auf Anfrage derzeit keine konkreten Antworten gegeben werden - weder der BI noch gegenüber der OP.

RP-Sprecherin Gabriele Fischer verweist gegenüber der OP auf den Termin der Beschlussfassung im Juli und teilt ansonsten nur mit, dass sich „die Kollegen der Regionalplanung derzeit in der Endabstimmung befinden“.

Der Versuch der BI, dann eben mithilfe des Hessischen Umweltinformationsgesetzes Gutachten und Zwischenberichte zum Genehmigungsverfahren des Windparks Wollenberg zu erhalten, blieben bislang ohne Erfolg, sagt Dr. Scheele.

Weder das Regierungspräsidium noch die Stadtwerke Marburg als Projektbetreiber gaben die angeforderten Unterlagen heraus. Das Regierungspräsidium begründete die Ablehnung damit, dass ihm die Unterlagen nicht vorlägen, die Stadtwerke teilten mit, dass sie aus Kostengründen auf ein abschließendes Gutachten verzichtet hätten. Dass der Zugang zu aktuellen und planungsrelevanten Umweltinformationen von öffentlichen Stellen verwehrt werde, bewertet die BI als skandalös.

Eigene Untersuchung der BI

Die Wollenberg-Schützer kritisieren insbesondere, dass die Ergebnisse aus den naturschutzfachlichen Nachuntersuchungen im Wollenberg, die letztlich zum Ende des von den Stadtwerken beantragten Genehmigungsverfahrens geführt hatten, bislang offenbar keinen Niederschlag bei der Beurteilung der Vorrangflächen gefunden haben. An fünf von sechs der geplanten Anlagenstandorte waren seltene Mopsfledermäuse nachgewiesen worden - das war der Hauptgrund für den Planungsstopp der Stadtwerke.

„Mit dem negativen Ergebnis der Nachuntersuchungen bestätigt sich im konkreten Einzelfall, dass der Wollenberg kein genehmigungsfähiger Standort für Windkraft ist“, so die Argumentation der BI. Um das zu untermauern, hat die BI nun eine eigene 41-seitige Stellungnahme zu rechtlichen, arten- und naturschutzfachlichen Restriktionen verfasst und an das RP Gießen geschickt.

Darin legt sie eigene Erfassungen der Vogelvorkommen und Bestände im Wollenberg aus dem Jahr 2014 vor. Für den Rotmilan heißt es dort, dass sich „die Annahme, die Art baue ihren Horst in der Waldrandzone, nutze aber als Nahrungs- und Lebensraumhabitat das Offenland“ nicht bestätige. Die BI folgert, dass die Annahme, dass sich daher das Gefährdungsrisiko für die Vögel durch Windkraftanlagen im Waldesinneren reduziere, am Wollenberg nicht zutreffe.

BI: Wollenberg als Ausschlussgebiet

Knapp zwei Drittel aller vom BI-Vorsitzenden Jürgen Scheele beobachteten Flugbewegungen erfolgten in weniger als „1000 Metern Entfernung zu den ursprünglich vorgesehenen Anlagenstandorten“. Aussagen wie „die Art kommt an den Standorten nicht vor“ oder sei von den Lebensraumveränderungen infolge der Eingriffe nur unerheblich betroffen, seien „ganz offenkundig falsch“.

Ähnlich deutlich bewertet die BI ihre Beobachtungsergebnisse für Schwarzstorch, Uhu, Kranich sowie andere Großvogel- und Eulenarten. Insbesondere Schwarzstorch und Uhu überflögen die potenziellen Anlagenstandorte regelmäßig, so Scheeles Beobachtungen. Dies bestärkt die Bürgerinitiative in der Überzeugung, dass der Wollenberg als Ausschlussgebiet für die Windenergienutzung behandelt werden müsste. Das sei bislang vom RP Gießen aber nicht zur Kenntnis genommen worden.

Ob die Stellungnahme der Initiative in die Entscheidungsfindung über die Vorrangflächen einbezogen wird, blieb auf OP-Anfrage in Gießen bis gestern ebenso unbeantwortet wie die Frage, welche Gutachten dazu herangezogen werden.

Am morgigen Freitag, 17. April, findet im Dorfgemeinschaftshaus Kernbach ab 20 Uhr ein Lichtbildervortrag des Marburger Experten Matthias Simon über die Lebensweise der Fledermausarten und deren Gefährdung, insbesondere bei der Errichtung von Windkraftanlagen statt. Der Vortrag schließt sich an die Jahreshauptversammlung der BI „Rettet den Wollenberg“ (ab 19 Uhr) an und ist öffentlich.

Die BI im Internet: www.bi-wollenberg.de

von Michael Agricola

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr