Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
Cölber Sorgen sind in Wiesbaden angekommen

Weltkriegsbomben im Wald Cölber Sorgen sind in Wiesbaden angekommen

Der Wald zwischen Cölbe und Sarnau ist für Spaziergänger derzeit überwiegend „verbotene Zone“. Er müsste auf Bomben und Munition aus dem Zweiten Weltkrieg abgesucht werden. Doch wer soll das bezahlen?

Voriger Artikel
Zahlen wie im vorigen Jahrhundert
Nächster Artikel
Wetters Kernstadt soll einen Ortsbeirat erhalten

Mit selbstgemalten Plakaten und Bannern protestierten Kinder, Eltern und Lehrer für die Räumung des Waldes um Cölbe von Kampfmittelresten.Privatfoto

Cölbe. Bis 1997 war die Situation klar: Das Land Hessen und der Bund bezahlten die Suche nach gefährlichen Weltkriegshinterlassenschaften und übernahmen die Entschärfung und Vernichtung von Weltkriegsmunition auch auf privaten Grundstücken. Seitdem gilt eine Regelung, die das Land finanziell entlastet und dafür die Besitzer der Flächen stärker in die Pflicht nimmt.

Die Kosten für Suche, Auffinden, Bergen und Zwischenlagern müssen die Eigentümer bezahlen, die Entschärfung, den Abtransport und die Vernichtung von Kampfmitteln bezahlt das Land Hessen. Werden auf einem Grundstück deutsche Munitionsreste gefunden, übernimmt der Bund als Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs alle Kosten, bei alliierter Munition bleibt der Grundstückseigentümer auf den Kosten für die Suche und die Bergung sitzen. In anderen Bundesländern werden dagegen auch die Kosten für ausländische Kampfmittel weiterhin vom Land übernommen. Das fordern die Waldinteressenten auch für ihre Flächen. Denn von den 78 Wäldern in Hessen, in denen die Experten noch Bomben und andere Munition vermuten, sind nur sechs in Privatbesitz - der Rest ist Staatsforst und Gemeindewald. Wenn dort geräumt wird, geschieht dies auf Kosten aller.

Bis zu 10000 Euro pro Hektar

Für die Suche und Freilegung von Kampfmitteln fallen zwischen 5000 und 10000 Euro pro Hektar an - im Wald liegen sie oft eher bei 10000 Euro. Das sind Summen, die im Privatwald durch den Holzverkauf kaum so schnell zu erzielen sind. Und ob die privaten Eigentümer ihre Kosten am Ende vom Staat ersetzt bekommen, wissen sie erst nach der Suche.

Dazu kommt, dass der Wald nicht nur dem Eigentümer „gehört“. Denn anders als bei anderen Grundstücken hat jeder Bürger das Recht, den Wald zu betreten. Er ist somit prinzipiell öffentlich zugänglich zu halten.

Die Besitzer des Waldes, die Waldinteressenten aus beiden Orten, haben ihre Waldflächen allerdings bis auf weiteres für Erholungssuchende und für die wirtschaftliche Nutzung gesperrt, weil dort nach Auswertung von Luftbildern die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass dort noch Bomben und Munition aus dem zweiten Weltkrieg liegen. Nach Auskunft der Experten vom Kampfmittelräumdienst können solche Munitionsreste jederzeit explodieren, zum Beispiel, wenn sie bewegt werden. Schilder warnen nun vor dem Betreten wegen Explosionsgefahr.

Ärgerlich ist das für Spaziergänger, ebenso für Schule und Kindergarten, die mit den Gruppen den Wald gern aufsuchen, um naturnahes Lernen zu ermöglichen. Genauso ärgerlich ist es aber für die Besitzer der Waldflächen. Denn sie müssen finanziell in Vorleistung gehen, ohne zu wissen, ob sie Geld erstattet bekommen. Und Holz ernten können sie auch nur auf eigene Gefahr. Auch die Einnahmen durch Jagdpacht drohen verloren zu gehen, wenn der Wald nicht uneingeschränkt zugänglich ist. Das kann dazu führen, dass die Wege nicht mehr im gleichen Maße wie bisher instandgehalten werden können, sagt Manfred Ebert von den Waldinteressenten Sarnau. Denn mit den Erlösen aus der Jagdpacht würden zum Beispiel ausgefahrene Wege geschottert.

Noch keine Lösung in Sicht

Inzwischen beschäftigt das Thema die Landespolitik in Wiesbaden auf mehreren Ebenen. Eltern der Grundschul- und Kitakinder sammelten im Sommer Unterschriften für eine Petition, die dem zuständigen Ausschuss in Wiesbaden inzwischen vorliegt (siehe obenstehenden Text).

Der Bundestagsabgeordnete Stefan Heck (CDU) bemühte sich in einem Brief an seinen Parteifreund, Innenminister Peter Beuth, um eine Lösung. Die SPD-Landtagsabgeordnete Angelika Löber machte die Bombenräumungsfrage gemeinsam mit anderen Abgeordneten ihrer Fraktion zum Thema im Umweltausschuss des Landtages.

Und auch Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) schaltete sich jüngst vor Ort ein, als er sich im Gespräch mit den Waldinteressenten aus Sarnau und Cölbe über das Thema informierte, das Waldbesitzer aus seinem und Löbers Wahlkreis betrifft. Es seien „weitere Aktivitäten verabredet“ worden, teilte ein Ministeriumssprecher auf OP-Anfrage mit - „auch im Zuge mit den zuständigen Stellen“. Konkrete Ergebnisse lägen jedoch noch nicht vor. Auch Angelika Löber hatte aufgrund der Diskussion im Ausschuss des Landtages den Eindruck, dass die Problematik ernstgenommen und Sensibilität dafür geschaffen wurde, dass man die Waldbauern an dieser Stelle nicht alleinlassen dürfe. „Waldflächen müssen einfach anders bewertet werden als ein privater Garten“, so Löber.

Es ist also etwas in Bewegung, auch wenn die zuständigen Ministerien (Umwelt und Inneres) sich nach wie vor bedeckt halten, was eine Kostenübernahme angeht.

von Michael Agricola

Protestaktion und Petition der Elternbeiräte von Schule und Kindergärten

„Wir wollen unseren Wald zurück“, „Ohne Wald geht es nicht!“, „Wir wollen wieder im Wald spielen“, „Ohne Wald ist alles doof“ stand auf Plakaten und Bannern zu lesen. Hintergrund: Große Teile des Waldes und der Waldwege zwischen Cölbe und Lahntal sind wegen vermuteter Bombenblindgänger und Munition aus dem Zweiten Weltkrieg gesperrt.

Zu Beginn ihres Herbstfestes veranstaltete die Lindenschule im einzigen von der Gemeinde bereits gesicherten Waldstück oberhalb des Friedhofes eine Schatzsuche für die etwa 60 teilnehmenden Schüler und verband diese mit einer Protestaktion. Damit wollten sie die Petition unterstützen, mit der die Elternbeiräte der Lindenschule und der Kindergärten Löwenzahn und Vogelnest sowie weitere Unterstützer das Land Hessen auffordern, die finanzielle Verantwortung für die Überprüfung und Räumung der betroffenen Waldgebiete zu übernehmen und diese schnellstmöglich zu veranlassen. Sowohl die Lindenschule, erläuterten Schulleiter Wilhelm Hüls und Elternbeiratsvorsitzende Nadine Theis, als auch die Kindergärten hatten Unterrichts- und Erziehungskonzepte entwickelt, zu denen die Begegnung mit der Natur und das Lernen in und von ihr gehören. Dazu zählen auch Waldbesuche, die im Moment leider vor Ort nicht möglich sind. Ebenso das Spielen im Wald.

Etwa 850 Unterschriften sind zusammengekommen. Zunächst wollte man diese, gemeinsam mit dem Bürgermeister und der Gemeindevertretung, persönlich in Wiesbaden an Innenminister Peter Beuth übergeben. Allerdings habe niemand dort dafür zuständig sein wollen, das Innenministerium habe dies an das Umweltministerium abgegeben. Zwei Wochen vor dem Fest der Schule sind die Listen an den Petitionsausschuss des Hessischen Landtags geschickt worden. Dabei wollen es Eltern und Lehrkräfte aber nicht belassen, das Thema soll weiter in der Öffentlichkeit präsent bleiben.

von Manfred Schubert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nordkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr