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Profis zeigen die Welt von oben

Internet-Portal "Wingly" Profis zeigen die Welt von oben

Begleiter über eine Mitfahrzentrale im Internet finden und sich die Kosten teilen – dieses Konzept funktioniert nicht nur auf der Straße, sondern auch in der Luft.

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Mitflieger willkommen: Gesellschaft im Cockpit findet Pilot Niklas Becker vom Kurhessischen Verein für Luftfahrt (KVFL) mittlerweile über eine Internet-Plattform.

Quelle: Ina Tannert

Schönstadt. Ein Rundflug über der Region, ein Kurztrip an die Nordsee oder ein Tag in Venedig, alles ohne Ticket und allzu lange Planung. Diese Gelegenheit können Mitflieger mittlerweile auch von Schönstadt aus nutzen. Regelmäßig drehen die Piloten des Kurhessischen Vereins für Luftfahrt (KVFL), der den Flugplatz im Nordkreis betreibt, ihre Runden über der ­Region und darüber hinaus. Mal solo, mal mit interessierten Fluggästen. Die findet so mancher Himmelsstürmer mittlerweile über das Internet.

Kontakt zwischen Piloten und Passagieren kommt etwa durch die Online-Plattform „Wingly“ zustande. Das Konzept der Mitfliegerbörse ist denkbar einfach wie praktisch: Piloten inserieren auf der Plattform Flugtag und Flugziel und laden willige Mitflieger ein. Mit diesen teilen sie sich die Kosten für den Flug.

„Tolles und teures Hobby“

Bei Wingly ist auch Niklas Becker registriert. Der Marburger ist einer von zwei Piloten des Vereins, die über die Plattform Flugfans die Gelegenheit bieten, die Welt einmal aus der Vogel­perspektive zu betrachten. Der 25-Jährige ist Pilot aus Leidenschaft. Er fliegt seit seinem 15. Lebensjahr, hat mittlerweile die Berufspilotenausbildung bei der Lufthansa abgeschlossen und sein Hobby damit zum Beruf gemacht.

Auch privat fliegt er als Teil der KVFL-Crew regelmäßig, einfach aus Spaß. Er muss auch per Gesetz regelmäßig hinter den Steuerknüppel: Jeder Pilot muss im Training bleiben, um seinen auf jeweils zwei Jahre begrenzten Flugschein behalten zu dürfen. Im zweiten Jahr dieser Frist muss Niklas mindestens zwölf Flugstunden nachweisen können. Das kann ganz schön ins Geld gehen, alleine durch den Sprit.

Mit dem teuersten Flieger des Vereins koste ihn ein einstündiger Flug insgesamt etwa 170 Euro. „Es ist ein tolles und teures Hobby, das macht sich schon bemerkbar“, sagt Niklas. Um einerseits Kosten zu sparen und andererseits „die Flugeuphorie teilen zu können“, nutzt er die Plattform, an der er auch selbst mitarbeitet. Wichtige Regel der Mitflugzentrale: Die Flüge sind nicht kommerziell, „man teilt sich nur die Kosten, keiner verdient etwas daran“, sagt Niklas. Für die Vermittlung erhebt die Plattform eine Gebühr. Alle Kosten des Fluges werden unter den Mitfliegern aufgeteilt. Das entlastet die Piloten, die Passagiere wiederum kommen zu ­ihrem Wunschflug zu einem erschwinglichen Preis, „jeder hat etwas davon“, lobt der 25-Jährige.

Eine geteilte Leidenschaft

Bei den gemeinsamen Flügen gehe es generell weniger um die schnelle Strecke, weniger darum, fix zum nächsten Meeting zu kommen, sondern darum, das Erlebnis zu genießen. Als eine Art Taxidienst kann man die Plattform nicht betrachten. Der Start mit den kleinen einmotorigen Flugzeugen ist wetterab­hängig – so kann ein gebuchter Flug auch mal ins Wasser fallen.

Das Konzept der Mitflugzentrale ist nicht neu, es gibt mehrere Plattformen im Netz. ­Wingly ist als Start-Up nach eineinhalb Jahren ordentlich gewachsen, derzeit in fünf europäischen Ländern vertreten. ­Mittlerweile gebe es rund 100 000 registrierte Passagiere und 6 500 Piloten europaweit, etwas mehr als die Hälfte kommen aus Deutschland, sagt Niklas. Er ist überzeugt von dem Konzept, doch gebe es auch Misstrauen, was das Reisen in den kleinen Motorfliegern angeht sowie die schnelle Bekanntschaft über das anonyme Internet, auf beiden Seiten des Cockpits. „Manche Piloten sind da sehr skeptisch, es geht schließlich um eine hohe Verantwortung.“

Der Fluggast vertraut quasi einem Fremden sein Leben an, während der Pilot wissen möchte, wen er da in seine Maschine lässt. Wichtig bei jedem Flug sei daher Offenheit, Kommunikation und das gegenseitige Vertrauen zwischen Pilot und Passagier. Eine Konkurrenz zwischen Mitfliegerbörsen und den Flugvereinen sieht Niklas nicht. Im Gegenteil: Auch für die regionalen Vereine bringe das Konzept einigen Nutzen: „Das ­eingesparte Geld investieren die meisten ­Piloten wieder in ihr ­Hobby und in die nächste Flugstunde“.

Eine positive Erfahrung der Fluggäste bringe möglicherweise wieder neue Flugschüler – „es ist eine Win-Win-Situation“, findet der junge Pilot. Ihm gehe es dabei nicht rein um die Kostendeckung oder Werbung, sondern um die Verbreitung seines geliebten Hobbys; „es ist einfach eine tolle Möglichkeit, nicht nur um Kosten, sondern auch die Leidenschaft für das Fliegen zu teilen“, schwärmt er.

von Ina Tannert

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