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Grenzgänger für den Kulturaustausch

Bundesverdienstkreuz Grenzgänger für den Kulturaustausch

Hartmut Reiße bekommt am Donnerstag aus den Händen des hessischen Finanzministers Dr. Thomas Schäfer und der Landrätin Kirsten Fründt das Bundesverdienstkreuz verliehen für sein Engagement für die Völkerverständigung.

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Cölbe. Grenzen sind Hartmut Reiße ein Greuel. Jahrzehnte­lang hat er Menschen aus anderen Ländern in seine Heimat eingeladen oder ist seinerseits Einladungen aus dem Ausland gefolgt. Grenzen zu überqueren, dauert manchmal eben ein ganzes Leben lang. Das könnte man jedenfalls sagen, wenn man sich Hartmut Reißes ­Lebensgeschichte anhört.

Manchmal dauert eine Grenzüberquerung aber auch nur ein paar Stunden. So wie 1972, als Reiße mit dem Auto nach Breslau in Polen fährt. Der kalte Krieg ist in vollem Gange und den eisernen Vorhang in Richtung Osten passieren nur die wenigsten. An der Grenze zur DDR lassen ihn die Grenzer stundenlang stehen. An der polnischen Grenze das gleiche Spiel. Reiße lässt es über sich ergehen und fährt weiter in ein Land, über das zu jener Zeit wenig im Westen bekannt ist.

„Ich wollte den Austausch zwischen den Jugendlichen in Deutschland und Polen in Gang bringen“, sagt er ganz so, als sei es völlig selbstverständlich, dass man dafür eine tausend Kilometer lange Reise auf sich nimmt. Die Republik Polen dankt es ihm 2002 mit dem Verdienstkreuz in Silber.

Die Anfänge in Nordhessen

Aber Hartmut Reißes Geschichte beginnt nicht im ehemaligen Ostblock, sondern auf Burg Ludwigstein im nordhessischen Werleshausen. 1961 verbrachte er dort als 12-jähriger Bube eine Woche in der Jugendherberge – während der europäischen Jugendwoche. Die waren zu diesem Zeitpunkt schon eine Institution in Sachen Völkerverständigung und kulturellem Austausch.

Seit 1953 trafen sich junge Menschen aus anderen Ländern in der Jugendherberge der spätmittelalterlichen Burg. Organisiert hat die Zusammenkunft Reißes Tante. Die nahm ihn schließlich mit dorthin und danach war es um ihn geschehen. „Ich war von da an in jedem Jahr dabei“, erinnert sich der 69-Jährige.

Als Erwachsener dann packt  er sogleich bei der Organisation der Jugendwoche mit an. Es sollte der Start für ein Leben im Zeichen des Engagements für kulturellen Austausch und Völkerverständigung sein. Rund zehntausend Jugendliche habe er im Laufe der Jahre zusammengebracht, sagt Hartmut Reiße.

Nach Marburg gezogen

Anfang der 70er-Jahre zog Hartmut Reiße nach Marburg, um zu studieren. Und auch hier ging er gleich seiner Passion nach und versuchte, Menschen zusammenzubringen. 1974 gründete er hierzu das 1. Internationale Folklorefestival, das anschließend alle zwei Jahre stattfand, und im vergangenen Jahr seine 21. Auflage erlebte.

In den ganzen Jahren traf Reiße Menschen aus aller Herren Länder und erlebte dabei zahllose Geschichten. So erinnert sich der 69-Jährige zum Beispiel an eine Aufführung einer mazedonischen Tanzgruppe in Bad Endbach Mitte der 70er-Jahre. „Die haben mit Holzgewehren oder sowas getanzt“, sagt er. Damals war auch der spätere Landrat des Landkreises Marburg-Biedenkopf, Dr. Siegfried Sorge, im Publikum.

Weil dem dieser „Kriegstanz“ nicht gefallen habe, sei er während der laufenden Aufführung aufgestanden und habe die Veranstaltung verlassen. „Das war ein Eklat und ging auch tagelang durch die Presse“, erinnert sich Reiße. Mit dem Ergebnis, dass die folgenden Auftritte der Mazedonier allesamt gut besucht waren, weil jeder diesen „Kriegstanz“ sehen wollte.

Erster Kontakt nach Polen

Über einen ehemaligen Zwangsarbeiter aus Polen, der mittlerweile in Kassel lebte, kam Hartmut Reiße 1985 dann in Kontakt mit der Gemeinde Koscierzyna in Polen. Im Verlauf der folgenden Jahre sollte Reiße diesen Kontakt ausbauen. 1988 besuchten erstmals einige Cölber den polnischen Ort. 1991 dann wurde die Städtepartnerschaft zwischen Cölbe und Koscierzyna offiziell besiegelt.

Hartmut Reiße ist ein Kümmerer, jemand, der die Dinge in die Hand nimmt, um sie voran zu bringen. Auch mit 69 arbeitet er noch im Landratsamt. „Weil es mir Spaß macht“, sagt er. „Ich bin schon überall gewesen und muss immer etwas Neues entdecken.“ Deshalb will er sich weiterhin engagieren.

Und auch, weil er sich um die Zukunft Europas sorgt. „Europa wird nur noch als finanz- und wirtschaftspolitisches Problem wahrgenommen“, sagt er. Dabei sei Europa doch so viel mehr. Die Idee Europas sei „Völkerverständigung im besten Sinne“, sagt Reiße und man hört zwischen den Zeilen die Angst heraus, dass diese Idee derzeit in Gefahr sein könnte. „Wir sollten den Frieden nicht aufs Spiel setzen“, sagt er.

Um etwas zu bewegen, die Menschen zusammenzubringen und eine Basis für ihre ­Verständigung bereitzustellen, brauche man nicht viel, sagt Reiße. Kein Geld, sondern vielmehr Neugier und Freude seien vonnöten. Und natürlich einen Partner, der die eigene Leidenschaft für das Fremde mitträgt. Hartmut Reiße ist seit 37 Jahren verheiratet. Seine Frau und er wollen im Ruhestand auf jeden Fall weiter die Welt bereisen. Immer auf der Suche nach neuen Bekanntschaften, Austausch und Verständigung.

von Dominic Heitz

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