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Ewige Zeitzeugen auf dem Friedhof

Historische Grabsteine Ewige Zeitzeugen auf dem Friedhof

Alte Grabsteine sind für Chronisten und Historiker wahrste Quellen, die sehr oft weit mehr Auskunft geben über das Leben des Verstorbenen als nur den Namen, Geburts- und ­Todestag zu benennen.

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Roland Moucka (von links), Volker Carle, Gunar Ochs und Dieter Maue stehen hinter der Idee, besondere Grabsteine für die Nachwelt zu erhalten.

Quelle: Götz Schaub

Cölbe. Je älter etwas wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass nachfolgende Generationen es plötzlich als erhaltenswert einstufen, weil es als Überbleibsel einer vergangenen Zeit wahrgenommen wird. Schon längst gibt es auf vielen Friedhöfen im Landkreis kleine Ecken, in denen sehr alte Grabsteine und Kreuze stehen, die einfach als erhaltenswert angesehen werden.

 So auch auf dem Friedhof in Cölbe. Seit 1989 ist Gunar Ochs beim Bauhof der Gemeinde beschäftigt. Und 1994 hat er maßgeblich dafür gesorgt, dass verschiedene besondere Gräber und Grabsteine erhalten blieben, nicht einfach weggeräumt wurden. Heute bilden die drei Familiengräber und diverse davor aufgestellte alte Grabsteine schon so etwas wie einen Hingucker auf dem Friedhof.

Erhaltung für die jüngeren Nachkommen

Sie zeigen auf, wie Menschen früher bestattet wurden, was auf die Grabsteine geschrieben wurde, wie diese überhaupt aussahen. Einer ist beispielsweise wie ein Baumstumpf gearbeitet. „Als ich damals zu den Vorarbeiten bestellt wurde, war mir schnell klar, dass die nicht alle einfach so verschwinden durften“, sagt Ochs. Also traf er kurzentschlossen Vorkehrungen, wie diese zu retten waren.

Cölbes heutiger Bürgermeister Volker Carle freut sich sehr darüber, dass Ochs seinerzeit so handelte. Und ausgehend von einer Idee von Dieter Maue aus Schwarzenborn will er nun die einzelnen Ortsbeiräte befragen, ob man nicht auch heute noch jüngere Grabsteine für die Nachkommen aufbewahrt statt komplett nach den Liegezeiten der Verstorbenen abzuräumen. Dabei soll es sich dann schon um Besonderheiten handeln. Etwa um den Grabstein einer Person, die sich zu Lebzeiten besonders verdient gemacht hat für ihren Heimatort.

 
Auf dem Cölber Friedhof gibt es einen Extraplatz für historische Grabsteine. Foto: Götz Schaub

Carle will das nicht politisch bewerten und auch nicht als Bürgermeister einfach vorgeben. Er möchte deshalb die Ortsbeiräte einbinden, dass diese in ihren öffentlichen Sitzungen mal darüber debattieren, wie sie das einschätzen, was sie sich vorstellen können, wie was letztendlich umgesetzt werden kann. Ochs weiß, dass alte Grabsteine eine Faszination ausüben. Sie werden gerne genauer angeschaut, vielfach versuchen Besucher des Friedhofs herauszulesen, für wen sie angefertigt wurden, und sind auch irgendwie noch berührt, wenn sie weitere Details aus dem Leben des Verstorbenen erfahren. Etwa, wie lange das Ehepaar eine gemeinsame Zeit hatte, ob Kinder schon im Babyalter gestorben sind oder wenn man ganz konkret wie in Cölbe erfährt, dass eine ganze Familie an Diphterie starb.

Auf einem Grab ist eine Person mit aufgeführt, die definitiv gar nicht in Cölbe begraben wurde, deren Schicksal unbekannt ist. Und so steht dort nur zu lesen, dass sie 25-jährig im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs in „Ostpreußen“ als vermisst gemeldet wurde.

Die heutigen Grabsteine­ ­erzählen mitunter auch ­Geschichten, die uns heute vielleicht noch gar nicht auffallen, aber möglicherweise späteren Generationen Aufschluss über das heute Leben auf den Dörfern liefert. Und wenn es nur kleine Mitteilungen sind. Auf einem der Gräber in Cölbe steht zu lesen „Ruhestätte unseres heissgeliebten Sohnes und Bruders“, geboren wurde er 1905, gestorben ist er bereits 1921. Es berührt irgendwie. Und es ist historisch vielleicht interessant, dass auch in einer Zeit, in der Kinder wesentlich strenger und mit unterdrückten Gefühlen erzogen wurden, doch ein Wort wie „heissgeliebt“ seinen Weg auf einen Grabstein findet.

Alte Steine mit großer Bedeutung

Doch zurück zu den Grabsteinen unserer Zeit. Carle und Maue wissen, dass aufgrund veränderter Lebensumstände,­ Gräber immer früher abgeräumt werden, etwa wenn Nachkommen gar nicht mehr in der Gegend leben und sich nicht mehr um die Grabpflege kümmern können.

Und so könnten auch Grabsteine verloren gehen, die vielleicht in irgendeiner Form für die Dorfgemeinschaft von Bedeutung sind. Carle will jedenfalls das Thema offen in den Ortsbeiräten diskutieren lassen. „Sie können entscheiden, was sie wollen, sie sollen über Plätze nachdenken, wo solche Grabsteine stehen könnten.“

von Götz Schaub

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