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Erster Freiflug alleine in der Luft

Flugplatz Schönstadt Erster Freiflug alleine in der Luft

Mit dem Segelfliegen lerne man auch Verantwortungsbewusstsein, sagt Fluglehrerin Marianne Winkler. Deshalb dürfen auch schon Minderjährige alleine fliegen.

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Kaum größer als ein Kajak ist der Innenraum des Segelflugzeugs, in dem Puria Omidi seinen ersten Flug alleine absolviert hat.

Quelle: Freya Altmüller

Schönstadt. Wenn Puria oben in der Luft ist, ist es ruhig. Kein Motorengeräusch, nur das Surren des Windes, der gegen den Segelflieger drückt. Heute hat er 13 Knoten. Weil er so stark ist, sitzt Fluglehrerin Marianne­ Winkler noch mal mit im Schulflugzeug. Rund fünf Minuten lang drehen sie eine Runde über den Platz. Seinen Freiflug, den ersten Flug alleine, hat der Schüler kurz zuvor absolviert, an einem Tag mit besserem Wetter.

„Die Landung ist bei so einem Wind schwerer“, erklärt der 14-Jährige. Er müsse das Flugzeug so ausrichten, dass er trotzdem auf einer geraden Bahn und sicher zu Boden komme. Mit einem Steuerknüppel zwischen seinen Knien und Fußpedalen steuert er die Flügel.

Hintergrund

In den 1860er-Jahren hätten­ die Brüder Lilienthal mit Gleitflugzeugen zu experimentieren begonnen, erklärt Albrecht Teich, Präsident des Vereins. Die ersten Modelle­ hätten nur von den Bergen herunter „hüpfen“ können. „Kontrolliertes Fliegen wurde mit dem ersten Motorflug 1903 möglich“, so Teich. Kurz danach, im Jahr 1909 habe sich der Verein gegründet. In Werkstoffen und Bauweise finde man bei allen Flugzeugen, die später kamen, oft Anlehnungen an die Segelflieger, ergänzt Hans-Jörg Titze, der Erste Vorsitzende.

Zu Beginn des Jahres hat der 14-Jährige mit seiner Segelflugausbildung angefangen. Mindestens 13 Jahre alt muss man dafür sein. Bis er seinen Flugschein machen könne, müsse er aber noch zwei Jahre warten, erklärt Puria Omidi. Später will er Pilot werden. Seine Eltern unterstützen ihn und finanzieren ihm den Kurs in Schönstadt, erzählt er. Sein Berufswunsch habe sich entwickelt, als er in den Urlaub geflogen ist. Im Verein könne er auch Kontakte knüpfen. „Wir haben einen Ausbilder von der Lufthansa, der hier Schleppflugzeug fliegt“, sagt Puria.

Bevor der ­Segelflieger alleine fliegen kann, wird er auf dem Schönstädter Flugplatz mit einem Flugzeug auf zirka 250 Meter Höhe geschleppt. Dann wird das Verbindungsseil gelöst. Puria und seine Fluglehrerin Marianne Winkler sehen zu, wie ein Flugzeug nach dem anderen startet. Zum Spaß veranstalten die Mitglieder des Kurhessischen Vereins für Luftfahrt einen Ziellandewettbewerb. Dabei sollen sie mit der Spitze des Flugzeugs möglichst an einer gelben Linie halten. Dann wird nachgemessen, um wie viele Zentimeter sie verfehlt wurde. Schüler und Flieger mit Flugschein treten gegeneinander an. Es sind nur zehn Grad, deswegen ist auf dem Flugplatz wenig Betrieb. Wer gerade nicht fliegt, wärmt sich am Rand unter einer Wolldecke.

 Flugschein erst mit 16 Jahren

Bevor Puria in den Segelflieger steigen kann, muss er immer ­einen Rettungsfallschirm anlegen. Er ist eine Art Rucksack, der auch an den Leisten Gurte zum Einsteigen hat. „Ohne den darf man nicht fliegen“, sagt der 14-Jährige. Im Schulflugzeug kann der Fluglehrer, der auf dem hinteren Platz sitzt, die Steuerung zur Not übernehmen. Schüler, die alleine fliegen, bekommen Anweisungen per Funk.

„Man ist nie ganz alleine da oben“, erklärt Fluglehrerin Marianne Winkler. Bevor jemand einsteige, bekomme er von ihr einen Flugauftrag mit Anweisungen. „Wenn er zu tief kommen würde, würde ich per Funk eingreifen und sagen, er soll mal abkürzen“, so Winkler. Sie passe auch mit auf, dass kein anderes Flugzeug in die Quere komme. Auch für den Fall, dass das Schleppseil reißen sollte, sei der Schüler so gesichert.

Puria sagt, er habe keine Angst beim Fliegen. Seine Lehrerin erklärt, die Schüler lernten, nicht nur für sich, sondern auch für andere und das Flugzeug Verantwortung zu tragen. „Segelfliegen ist Teamwork“, so Winkler. Gemeinsam werde der Start aufgebaut, das Flugzeug auf die Bahn gezogen. Mit einem alten Bus würde Ausrüstung auf die Fläche gebracht. Dafür lernten die minderjährigen Schüler auf dem Vereinsgelände auch Auto­ fahren. Im Winter kümmerten sie sich um die Wartung der Flugzeuge, sagt die Lehrerin. Sie würden geputzt und repariert. Auch Materialkunde gehöre daher zu der Ausbildung. Aus einem Stahlrohrrumpf mit Holz und einem Stoffbespann sei das Schulflugzeug gebaut.

 
Fertig zum Abflug: Bei schlechtem Wetter nimmt Fluglehrerin Marianne Winkler hinten Platz. Foto: Freya Altmüller

„Erst, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand reif dafür ist, darf er alleine fliegen“, sagt Winkler. Bei Puria war das nach neun Monaten der Fall. Wann der Freiflug stattfinde, könne man nie wissen, sagt er. In ­jedem Fall aber bei idealem Wetter. „Ein unbeschreibliches Gefühl“ sei das gewesen, als er zum ersten Mal alleine in dem Gerät saß. Ganz anders, als mit Fluglehrerin.

„Alle paar Jahre kommt es vor, dass ein 13- oder 14-Jähriger einen Freiflug absolviert“, sagt Ausbildungsleiter Reinhard Kämper. Er ist der Abschluss des ersten von drei Ausbildungsabschnitten. Danach erwirbt man die Überlandflugreife, für die man sich intensiv mit Thermik auseinandersetzt. Im dritten Abschnitt absolviert man die Prüfung, für die man 50 Kilometer zu einem anderen Flugplatz fliegt.

Bevor Puria anfangen durfte, musste er sich von einem Arzt untersuchen lassen, erinnert er sich. Auf Herzfehler und Fehlsichtigkeit zum Beispiel. Ganz so streng wie bei Berufspiloten werde die Flugtauglichkeit bei Hobbypiloten aber nicht bewertet, sagt Lehrerin Winkler.

  • Jeden Januar beginnt ein neuer Kurs. 1500 bis 3000 Euro kostet die Ausbildung ungefähr. Wer genug Zeit mitbringt, kann sie in nur einem Jahr schaffen.

von Freya Altmüller

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