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Bronzene Tafel zur Erinnerung

Jüdisches Leben Bronzene Tafel zur Erinnerung

Am Freitag wurde die bronzene Gedenktafel mit den Namen der ehemaligen jüdischen Mitbürger an der Alten Schule in der Lindenstraße feierlich enthüllt.

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Die Konfirmanden stellten auf dem Weg von der Kirche zur Alten Schule Kerzen an den ehemaligen Wohnstätten der jüdischen Mitbürger auf und verlasen deren Namen und Lebensdaten vor der enthüllten Tafel, die im Hintergrund zu sehen ist.

Quelle: Manfred Schubert

Goßfelden. 75 Jahre nach der Reichspogromnacht, in der in ganz Deutschland Synagogen brannten und die den Auftakt zur Ermordung Millionen jüdischer Mitbürger bildete, hat das Gedenken auch im Ubbelohde-Dorf einen sichtbaren Ausdruck erhalten.

Auf Initiative von Barbara Seitz, die sich auch um die Gestaltung durch den Marburger Künstler Rupert Eichler und die Ausführung durch Kunstgießer Christian Pfeifer in Stadtallendorf kümmerte, haben das Bürgerforum „Gewaltfreies Lahntal“, der Förderverein Gemeinschafts- und Kulturzentrum Roßweg, der Ortsbeirat Goßfelden und der Kirchenvorstand Goßfelden und Sarnau zur Erinnerung an die früher in Goßfelden lebenden jüdischen Familien eine Gedenktafel in Bronze gießen lassen.

Am Freitag wurde sie während einer Gedenkfeier enthüllt, an der etwa 80 Personen teilnahmen. Diese begann in der Kirche, wo Pfarrer Wilhelm Hammann darauf hinwies, dass nur vier der Goßfeldener Juden rechtzeitig fliehen konnten, während neun umgebracht wurden. Er sei froh, das neue Denkmal in der Mitte des Ubbelohde-Dorfes zu haben, dort gehöre es hin, um diesen Teil der Geschichte zu integrieren und in seiner wichtigen Mahnung lebendig zu halten.

Dr. Klaus Opper vom Bürgerforum „Gewaltfreies Lahntal“ zitierte Zeitzeugen, die beschrieben, wie der Mob sich vor 75 Jahren um jüdische Schriftrollen raufte, wie es den Nationalsozialisten gelungen war, die niedrigsten Instinkte zu wecken und die Menschen zu Tieren zu machen.

„Liebe Konfirmanden, das sollte uns hellhörig machen, nicht zu Tieren zu werden und blind dem Fanatismus hinterher zu laufen“, wandte er sich an die Jugendlichen. „Wir müssen dort, wo wir stehen, auf unser Umfeld achten“, forderte er. Erst kürzlich habe er eine ältere Dame, die eine Fernsehdokumentation zur Kriegszeit sah, den Satz „Die Juden waren an allem schuld“ sagen hören. „Es hat mich erschüttert, dass heute immer noch so gedacht wird“, bekannte er.

Bürgermeister Manfred Apell fand, es habe lange, bis 2013, gedauert, bis es in der Gemeinde zu einer solchen Veranstaltung gekommen sei. Aber es ist dazu gekommen, und das sei wesentlich. „Die Vorgänge im Nationalsozialismus führten auch in Lahntal zum Verschwinden ganzer Familien. Die Masse schwieg, schlimmer noch, viele stimmten zu oder bereicherten sich“, sagte er, das Einstehen gegen alte und neue Nazis und Rassisten sei notwendig für den Schutz der Demokratie. Die Alte Schule, die von jüdischen Kindern besucht wurde, sei ein guter Standort für die Gedenktafel.

„Müssen dort, wo wir stehen, auf Umfeld achten“

Dirk Geißler, Vorsitzender der Gemeindevertretung, erinnerte daran, dass auch in anderen Ortsteilen jüdische Mitbürger gelebt haben. Es werde beispielsweise über die Verlegung von Stolpersteinen nachgedacht, vielleicht trage diese Gedenkfeier zu mehr Akzeptanz bei.

Der Kreistagsvorsitzende Detlef Ruffert beurteilte die Gedenktafel als ganz wichtiges Zeichen des Erinnerns. „Es wäre schön, wenn man diesen traurigen Gedenktag nicht bräuchte, wenn das vor 75 Jahren nicht geschehen wäre. Der plötzliche Ausbruch, der aber lange vorbereitet war, führte bis nach Auschwitz“, sagte er und erinnerte daran, dass die Justiz damals junge Männer, die Juden ins Krankenhaus prügelten, freisprach. In den wenigen Stunden der Pogromnacht seien alle bürgerlichen Rechte abgeschafft worden. „Das Erinnern ist wichtig, damit uns immer wieder bewusst wird: Was damals geschah, darf sich nie mehr wiederholen.“

Während des gemeinsamen Gangs zur Alten Schule in der Lindenstraße stellten die Konfirmanden Kerzen an den drei ehemaligen Wohnstätten der jüdischen Mitbürger auf, von denen nur ein Haus noch steht. Vor der enthüllten Tafel verlasen sie im strömenden Regen die Namen und Lebensdaten der jüdischen Mitbürger: Julius Goldschmidt, Jenny Goldschmidt, Lore Goldschmidt, Lina Goldschmidt, Gustav Lilienstein, Zerline (Cilli) Lilienstein, Auguste Lilienstein, Fritz Lilienstein, Salomon Lilienstein, Berta Lilienstein, Hans Lilienstein, Zerline Trude Lilienstein, Karoline Lilienstein.

Amnon Orbach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Marburg, sprach abschließend das Kaddisch-Gebet zum Totengedenken.

Die Tafel trägt neben den Namen folgende Inschrift: „Die Bürgerinnen und Bürger von Goßfelden gedenken ihrer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger sowie derer, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden. Zur Mahnung an die Lebenden, jeglichem Rassismus rechtzeitig entgegenzutreten.“

von Manfred Schubert

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