Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 16 ° Regen

Navigation:
Bomben liegen noch im Wald

Blindgänger Bomben liegen noch im Wald

Fast 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg beeinträchtigen immer noch Hinterlassenschaften aus dieser Zeit unser Leben. Wie zwischen Cölbe und Lahntal, wo große Waldflächen derzeit für die Öffentlichkeit gesperrt sind.

Voriger Artikel
„Wasser marsch!“ gegen die Hitze
Nächster Artikel
Die brotlose Zeit ist bald überstanden

Ein Warnschild im Wald zwischen Cölbe und Sarnau weist auf die mögliche Gefahren durch Munition und Sprengstoff hin.

Quelle: Michael Agricola

Cölbe. Vorsicht Explosionsgefahr: Weite Teile des Waldes zwischen Cölbe und Sarnau sind derzeit der wirtschaftlichen Nutzung entzogen, aber auch für alle Erholungssuchenden gesperrt. Es besteht wie vielerorts der Verdacht, dass dort noch unentdeckte Blindgänger und Munitionsreste aus dem zweiten Weltkrieg liegen.

Weil sie die Kosten für die Absuche ihrer Flächen nicht zahlen wollen und können, haben die Cölber Waldinteressenten und ihre Sarnauer Kollegen zum einzigen Mittel gegriffen, was ihnen in diesem Fall bleibt: Sie haben den Wald für alle Besucher gesperrt und dies mit Warnschildern kenntlich gemacht. „Wir wollen die Gefahr vor Augen führen“, sagt Markus Dörnbach, Vorsitzender der Cölber Waldinteressenten.

Der Nachweis von Bombentrichtern und das Wissen über Bombenabwürfe oder Munitionssprengungen reichen aus, um nichtexplodierte Kampfstoffe oder Reste davon dort zu vermuten. Dass dem so ist, legen im Wald zwischen Cölbe und Sarnau der Vergleich von Luftaufnahmen der Alliierten vor und nach der Bombardierung und neue Luftbildaufnahmeverfahren nahe. Mit diesen sind Bodenreliefaufnahmen möglich, die Bombentrichter sichtbar machen.

10000 Euro pro Hektar

Und in diesem Fall empfiehlt der Kampfmittelräumdienst dringend die Suche nach Kampfmittelresten.

Dafür ist in Hessen der Besitzer des jeweiligen Grundstückes zuständig, ebenso für die Kosten, die für die Suche und Freilegung von Kampfmitteln anfallen und die mit 5000 bis 10000 Euro pro Hektar veranschlagt werden - im Wald liegen sie oft eher bei 10000 Euro.

Wer am Ende wie hoch zur Kasse gebeten wird, hängt auch von der Herkunft der Sprengstoffe ab: Während bei Munition der Allierten der Flächenbesitzer Suche und Freilegung bezahlen muss und das Land Hessen die Beseitigung von Sprengmitteln bezahlt, übernimmt bei deutscher Munition der Bund als Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs alle Kosten.

Dass zwischen Sarnau und Cölbe nur deutsche Blindgänger liegen, ist allerdings nicht zu erwarten. Denn die Eisenbahnbrücke bei Cölbe war im zweiten Weltkrieg mehrfach das Ziel von alliierten Bombern. Viele Bombentrichter im umliegenden Wald bezeugen dies. Die Flugzeuge wiederum wurden von einer deutschen Flakstellung aus beschossen. Es gibt nach Auskunft von Kampfmittelräumer Gerhard Gossens in der Nähe auch Plätze, an denen Munition gesprengt wurde.

In jedem Fall müssten die Waldbesitzer in Cölbe und Sarnau bei der Suche in Vorleistung gehen. Das aber könnten sie nicht leisten, schrieben Sie in einem gemeinsamen Brief an den hessischen Innenminister. Die veranschlagten Kosten von 10000 Euro pro Hektar Waldfläche überstiegen den Verkehrswert der Grundstücke um das Mehrfache - er wird mit 3000 Euro pro Anteil (1,2 Hektar) angegeben. „Die forstwirtschaftlichen Erträge der nächsten 50 bis 100 Jahre“, rechnen die Waldbesitzer vor, „wären notwendig, um diese Kosten aus dem Wald zu erwirtschaften“. Das sei nicht verhältnismäßig. Ohne Absuche und Räumung seien die Grundstücke, die seit 150 Jahren im Besitz der Waldinteressenten seien, wertlos und nicht zu bewirtschaften. Somit käme dies einer Enteignung gleich, folgern die Waldbesitzer.

Sie fordern deshalb vom Ministerium, dass das Land die Kosten für die Absuche übernehmen soll, wie es zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen der Fall sei. Auch zu einem Waldtausch gegen landeseigene Flächen sei man prinzipiell bereit.

Schule und Kitas werden aktiv

Unterstützung erhalten sie dabei von der Gemeinde - Bürgermeister wie Parlament - und von Schule und Kitas, die den Wald als zentralen Lernort nutzen. Die Elternbeiräte der Cölber Lindenschule und der Kindergärten Löwenzahn und Vogelnest haben Bundestags- und Landtagsabgeordnete angeschrieben und zugleich eine Petition an den Hessischen Landtag initiiert, für die sie in Cölbe bereits 800 Unterschriften gesammelt haben, wie die Schulelternbeiratsvorsitzende Nadine Theis berichtet.

Denn für Schule wie Kindergärten bildet der Wald einen wichtigen Lern- und Erfahrungsraum, der im Bildungs- und Erziehungsplan, der für Kitas und Grundschulen verbindlich ist, festgeschrieben ist. Die Sperrung der Wälder bringt demnach gerade für die Kinder große Nachteile mit sich.

Die Elternvertreter planen, die Petition im hessischen Innnenministerium in Wiesbaden auch persönlich an Minister Peter Beuth zu übergeben. Unterstützung wird es bei diesem Termin, der noch nicht festgelegt worden ist, wohl auch von weiteren Eltern, von Bürgermeister Volker Carle und der Cölber Kommunalpolitik geben. Sie wollen die Cölber Protestdelegation ebenfalls gern begleiten, so Theis.

Auch die Elternvertreter wenden sich mit der Bitte nach Wiesbaden, dass man sich dort wieder grundsätzlich für zuständig erklärt und alle Kosten übernimmt - die für die Suche, Freilegung und Entsorgung der im Boden liegenden Kampfmittel aus dem zweiten Weltkrieg.

Das wäre nur fair, sagt auch Cölbes Bürgermeister Volker Carle. Denn die privaten Waldbesitzer seien gesetzlich verpflichtet, ihr Eigentum für die erholungsuchende Allgemeinheit zugänglich zu halten. Da dürfe man sie nicht mit den Kosten allein lassen, die ihnen für die Beseitigung von Kriegsfolgen entstehen, auf die sie keinen Einfluss hatten.

Ähnlich lautet eine Resolution, die gestern Abend den Cölber Gemeindevertretern zur Abstimmung vorlag und die im Haupt- und Finanzausschuss positiv vorbesprochen worden war (die OP berichtete).

Keine Zusagen aus Wiesbaden

In Wiesbaden ist man sich der Problematik durchaus bewusst. Es werde auf Arbeitsebene über eine Lösung beraten, bekam der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Heck laut Carle auf sein Schreiben hin zur Antwort. Konkrete Zusagen aber gibt es bislang nicht. Auch eine Antwort auf den Brief der Waldinteressenten gibt es noch nicht, sagt Dörnbach.

Dass man ungeachtet der Anwort aus Wiesbaden nicht an einer umfassenden Untersuchung der Fläche und der Beseitigung von etwaigen Funden vorbeikommen wird, ist allen Beteiligten klar. Denn das Risiko, dass ein Waldbesucher durch einen Blindgänger Schaden nimmt, steigt mit jedem Tag, in dem die Kampfmittel im Boden vor sich hin rosten, ein bisschen an. Und mit jedem Tag der Sperrung bleibt der Wald unbewirtschaftet. Schlepper oder Harvester oder andere Forstmaschinen dürfen derzeit nicht eingesetzt werden.

Die Forstbesitzer versuchten nun zu erreichen, dass sie wenigstens einfache Pflegearbeiten erledigen können, so Dörnbach. Denn derzeit geschieht alles auf eigene Gefahr.

„Wir versuchen eine Lösung zu finden, denn wir wollen nicht, dass der Wald für Generationen gesperrt bleibt. Wir wollen, dass der Wald vernünftig von allen genutzt werden kann“, versichert Dörnbach. Und betont: „Wir würden uns sicher am meisten freuen, wenn wir die Schilder wieder abschrauben könnten.“

Problem betrifft viele

Die Waldinteressenten sind mit dem Problem auch nicht allein. Die Gemeinde Cölbe hat bereits einige kommunale Grundstücke in diesem Bereich absuchen lassen. Auch auf den landwirtschaftlichen Flächen in der Nähe könnten noch Altlasten liegen.

Und im Zuge der Deichbauarbeiten bei Sarnau fand gerade in der Nachbarschaft eine Suche durch die Kampfmittelexperten statt. Gefunden wurden im Boden auch jede Menge metallene Fremdkörper, so Bürgermeister Manfred Apell, darunter zum Beispiel Kronkorken. Die Ausbeute an Kampfmitteln war bislang zum Glück mager. Aber eine alternative dazu gibt es nicht. „Klar, es ist lästig und teuer und am besten ist, man findet nichts“, sagt Apell, „aber wer will denn das Risiko eingehen, dass jemand durch einen Blindgänger verletzt wird? Dieses Risiko kann niemand tragen.“

Hintergrund:

Unter den Begriff Kampfmittel fällt alle zur Kriegsführung bestimmte Munition aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, zum Beispiel: Bomben, Minen, Granaten, Spreng- und Zündmittel, Patronen, Zünder und Teile von Munition.

Wer Munition oder kampfmittelverdächtige Gegenstände findet, darf sie nicht bewegen oder mitnehmen. Darauf weisen die Experten vom Kampfmittelräumdienst hin.Als erstes ist die zuständige Ordnungsbehörde (Bürgermeister) oder die Polizei über den Fund zu benachrichtigen. Die Identifizierung und weitere Behandlung verdächtiger Gegenstände muss den Fachleuten des Kampfmittelräumdienstes überlassen werden, die von den Behörden eingeschaltet werden. Eigentümer des Grundstückes oder deren Beauftragte müssen den Fundort so absichern, dass Unbefugte nicht an den verdächtigen Gegenstand herankommen. Wenn ein Eigentümer nicht erreichbar ist, übernehmen dies vorläufig Ordnungsbehörde oder Polizei.

Experten gehen davon aus, dass 10 bis 30 Prozent der im Krieg abgeworfenen Bomben nicht explodiert sind und als „Blindgänger“ in der Erde liegen. Weiterhin wurde an Munitionssammelstellen (im Nordkreis zum Beispiel in Niederasphe, Mellnau, Treisbach und Sarnau) Munition gesprengt, wobei diese oft nicht explodierte, sondern einfach wegflog.

Weitere Informationen: www.wald-coelbe.de

von Michael Agricola

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr