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Blumen an der Absturzstelle bei Caldern

Ein Zeichen gegen Krieg Blumen an der Absturzstelle bei Caldern

Wilhelm Thies ist einer von Millionen gefallenen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Anders als bei vielen Kameraden ist sein Tod dokumentiert, ein Gedenkkreuz bei Caldern erinnert an den jungen Mann aus Celle.

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Wilhelm Thies aus Celle feierte am 7. November 1944 seinen 19. Geburtstag, keinen Monat später war er tot.

Quelle: Götz Schaub

Caldern. Der 2. Dezember jährt sich seit 1944 zum 70. Mal.

An diesem Tag vor 70 Jahren: Wilhelm Thies, Günther Pfaucht, Fritz Beck, Hans Reiff, Dankmar Zeckert, Albert Wirges, Günter Bradtke, Friedrich Tazreiter und Oskar Stock, allesamt Flieger der deutschen Luftwaffe, werden zum Kampfeinsatz abkommandiert. Einige starten in Schachten bei Kassel, die anderen von Paderborn aus. Alle neun Männer werden über dem heutigen Landkreis Marburg-Biedenkopf von amerikanischen Thunderbolts abgeschossen. Sieben von ihnen verloren dabei ihr Leben, zwei konnten sich noch rechtzeitig mit dem Fallschirm aus ihrer getroffenen Maschine befreien: Friedrich Tazreiter und Oskar Stock. Besonders tragisch: Auch dem gerade mal 19-jährigen Wilhelm Thies soll es noch gelungen sein, aus seinem Flugzeug zu springen. Doch blieb sein Fallschirm an der Maschine hängen, so dass er dann doch mit abstürzte und in einem Waldstück am Dorfrand von Caldern den Tod fand. Tazreiter bleib als Einziger der neun Fliegerkameraden unverletzt. Glück gehabt - an diesem Tag. Am Neujahrstag 1945 war er erneut in einem Kampfeinsatz. Möglicherweise wurde er dabei sogar von einem deutschen Flakgeschütz getroffen. Die entsprechende Einheit war über deutsche Flugzeuge nicht informiert worden und schoss auf alles, was sich am Himmel zeigte. Wieder hatte Tazreiter Glück. Er sprang aus seiner Maschine und landete diesmal verletzt irgendwo zwischen den Linien. Er geriet in Kriegsgefangenschaft. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Oskar Stock sah am 2. Dezember den Tod sehr genau ins Auge. Sein Sprung aus dem Flugzeug ging nicht ohne Hindernisse ab. In einem OP-Artikel 2007 beschrieb er seine Gefühle während seines Sprungs. Fast schon glaubte er, dass sich sein Fallschirm nicht mehr öffnet, doch er hatte Glück, er landete nur verletzt auf dem Boden. Stock überlebte diesen Tag und den Krieg. Ihm war im Gegensatz zu seinen Kameraden ein langes Leben beschieden: Er starb am 7. Januar 2009. Seine Todesanzeige in der Zeitung wies zwei Geburtstage aus: Den 19. Mai 1923 und den 2. Dezember 1944. Stock kam gebürtig aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf, genauer gesagt aus Wallau. Dort lebte er auch bis zu seinem Tod. 2007 war er dabei, als der Heimat- und Geschichtsverein Lahntal auf Betreiben des Calderners Heinz Loth an der Absturzstelle der Maschine von Wilhelm Thies bei Caldern ein Erinnerungskreuz aufstellte. Stock zeigte sich tief bewegt und offenbarte, dass der 2. Dezember 1944 ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr losgelassen hatte.

Die sterblichen Überreste von Thies wurden in Marburg beigesetzt. Auch einige der anderen erhielten dort ihre Gräber. Dankmar Zeckert wurde nach dem Krieg in seine Heimat überführt und ruht dort im Familiengrab.

Erster Feindflug war zugleich der letzte

Hans Reiff war ein erfahrener Pilot, Träger des Deutschen Kreuzes in Gold für 338 gewonnene Luftkämpfe. Wilhelm Thies hatte noch gar keinen Luftkampf absolviert. Die erste Feindberührung sollte seine letzte werden, sein Leben beenden. Und dort wirkt sein Schicksal bis ins neue Jahrtausend nach. Hätte er überlebt, er wäre vielleicht einmal nach Amerika geflogen und hätte festgestellt, dass die Menschen dort sich auch nichts anders wünschen als zu leben und Frieden und Freiheit zu genießen. So wurde er aber zum Opfer eines amerikanischen Fliegers, der wohl auch nur froh war, dass es nicht ihn erwischte.

Und so steht das Kreuz für Wilhelm Thies an seiner Absturzstelle als Erinnerung und Mahnmal, dass Krieg nichts anders bringt als Tod und Zerstörung. Ein Gedanke, der in diesen Tagen mehr denn je aktuell ist. Und wer glaubte, dass es schwieriger sein würde, in einer vernetzten Welt wieder Hass und Zwietracht zu säen, musste sich schmerzlich getäuscht sehen. Denn nichts ist einfacher als mit gezielten Bewegtbildern genau das zu betreiben. Als Beispiel dient die Geste eines prorussischen Rebellen an der Absturzstelle der Passagiermaschine in der Ost-Ukraine. Das Bild, auf dem er einen Kuschel-Affen wie eine Kriegstrophäe hochhält,wurde im deutschen Fernsehen verurteilt. Dass der Mann sich vorher zweimal in Demut bekreuzigt hatte, und somit das Hochhalten des Affen eine ganz andere Dimension erhielt, wurde einfach verschwiegen. Ja, es ist noch heute möglich, Feindbilder aufzubauen. Viel zu leicht. Möglicherweise aus diesem Grund ist ein uns unbekannter Mensch an das Kreuz getreten und hat es mit Steinen eingefasst und mit Blumen bepflanzt. So fällt es oberhalb eines Wanderweges doch eher in den Blick Vorbeikommender, die sicher innehalten, um den Text auf dem Kreuz zu lesen.

von Götz Schaub

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