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„Bin so froh, dass die Jungs hier sind“

Tolle Gemeinschaft in Wetter „Bin so froh, dass die Jungs hier sind“

Es ist ein Beispiel für Integration, wie sie eigentlich sein sollte. Von Beginn an durften sich die Jungs, die ohne Familie nach Deutschland kamen, darauf verlassen, in ihrer neuen Wohngegend willkommen zu sein.

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Die jetzigen Bewohner der Wohngruppe mit einigen Betreuern und Nachbarin Regina Mehring.

Quelle: Manfred Schubert

Wetter. „Ich bin froh, dass die Jungs hier sind. Sie haben in ihrer Kindheit schwierige Dinge erlebt und sind hier in einer für sie ganz neuen Welt. Ich erfahre so viel Herzlichkeit von ihnen. Es ist richtig Leben hier, ich möchte nirgendwo anders wohnen“, erklärte Regina Mehring aus voller Überzeugung. Ihr Grundstück grenzt an die Rückseite desjenigen, auf dem die Wohngruppe Wetter des Kinderheims Schwieder steht. Zwölf minderjährige Flüchtlinge im Alter von 13 bis 18 Jahren wohnen dort zurzeit, die aus Afghanistan, Algerien, Eritrea, Kenia und Somalia stammen.

Am Samstag feierten sie zum dritten Mal in der dreieinhalbjährigen Geschichte der Wohngruppe ein Fest unter dem Motto „HängenImGarten: Für Toleranz und Inklusion - Gegen Diskriminierung“. Gedacht war es auch als Dank an die Nachbarn, von denen sie freundlich aufgenommen wurden, aber auch als Gelegenheit zum Kennenlernen für die Einheimischen, die bisher noch keinen Kontakt hatten.

Engagierte Nachbarin backt Kuchen zu jedem Geburtstag der Bewohner

Regina Mehring erhielt während des Festes einen Präsentkorb. Fiona Teske, eine der Betreuerinnen, die an diesem Tag durchs Programm führte, betonte, dass die Nachbarin vom ersten Tag an vorbeikam, zu den Geburtstagen der Jungs Kuchen für diese backe, sie regelmäßig besuche, auch wenn sie bereits ausgezogen seien, und immer wieder, zum Beispiel bei der Vorbereitung des Festes, helfe. „Ich bin gerührt. Vor allem wünsche ich mir, dass andere meinem Beispiel folgen“, erklärte Mehring.

Unter anderem diese Nachbarin hatte Matti Traußneck, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg, wohl im Sinn, die zu Beginn des Festes eine ausführliche Stellungnahme zu Migration, Flucht und Geflüchteten abgab und Wetter als Beispiel für gelingendes Zusammenleben bezeichnete.

„Hier ist es nicht zu feindseligen Situationen gekommen. Es gab keine ablehnenden Haltungen, keine Angst oder Vorurteile. Mein Freund und Leiter der Wohngemeinschaft hier in Wetter erzählte mir, dass es viele Spenden gibt und eine große Freundlichkeit gegenüber den jugendlichen Bewohnern des Hauses. Das Einzige, was sie sich wünschen, ist, dass in Zukunft der Kontakt noch enger wird. Dass, wenn sie etwas für die Wohngemeinschaft vorbeibringen, sie ganz selbstverständlich auf eine Tasse Kaffee hereinkommen. Dass sich Kooperationen für die Zukunft entwickeln.

Wegen Orten wie Wetter, der Hilfsbereitschaft der Freiwilligen und der Geduld der Geflüchteten wird es vielleicht dieses Mal gelingen, unsere Gesellschaft so zu gestalten, dass es uns allen gut geht. Jeder Ort, der es schafft, dem Versagen der europäischen Menschenrechtspolitik ein gelingendes gemeinsames Leben von Geflüchteten und Nicht-Geflüchteten entgegenzusetzen, verdient einen Orden“, sagte Traußneck.

Traußneck kritisiert "schlechte Leitlinien" der Politik

Zuvor hatte sie aber auch scharfe Kritik, vor allem an der Politik, geübt: „Das Problem ist, dass die deutsche Politik diese Entwicklung verpasst hat, weil sie sich auf überkommene und schon damals schlechte Leitlinien gestützt hat. Zuerst, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, dann darauf, dass man keine großen Zahlen von Asylsuchenden aufnehmen könne oder überhaupt müsse, weil es sich nur um ‚Wirtschaftsflüchtlinge‘ handele, dann, dass ja alle aus so genannten sicheren Drittstaaten kämen und sie deswegen kein Recht auf Asyl in Deutschland hätten.

Nicht nur Deutschland, auch die anderen europäischen Staaten und insbesondere die EU haben ihre Zeit mit einem Abwehrkampf vergeudet, der ungerechtfertigt, menschenverachtend und außerdem zum Scheitern verurteilt ist. Das alte Europa ist Geschichte, die Zeit der Nationalstaaten mit einer alteingesessenen, einheitlichen Bevölkerung ist vorbei.“

Zudem versuchte Traußneck Vorurteile zu entkräften: „Wer meint, dass es gerechtfertigte und nicht gerechtfertigte Gründe zur Flucht gibt, irrt sich. Menschen, die sich zu Fuß auf den Weg durch die Wüste machen, die bereit sind, in einem winzigen überfüllten Boot das Mittelmeer zu überqueren, machen das nur, wenn sie zwingende Gründe haben, das heißt Überlebensgründe. Die so genannten Wirtschaftsflüchtlinge sind Menschen, die gezwungen sind, ihre Kinder zurückzulassen, um in Deutschland eine Arbeit zu finden, mit der sie das Überleben ihrer Kinder sichern können."

"Menschen, die sich mit ihrer ganzen Familie auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen, die bereit sind, sich in eine andere Gesellschaft einzubringen, dort ein neues Leben aufzubauen und ihre neue Gesellschaft mitzugestalten, machen das nur, weil ihnen das Überleben in ihrer Heimat, unter ihren Freunden und Verwandten, unmöglich gemacht wird.“ Auf Plakaten informierten die Bewohner die Besucher über ihre Herkunftsländer und boten einige landestypische kunsthandwerkliche Produkte an, ein Wochenplan gab Auskunft über das Alltagsleben in der Wohngruppe.

Hauptschulabschluss nach nur einem Jahr geschafft

Vor allem wird gelernt. Dreien der Jungen, die nach erst einem Jahr in Deutschland jetzt ihren qualifizierten Hauptschul­abschluss geschafft haben, gratulierte Kinderheimgründer Wolfgang Schwieder im Rahmen des Festes mit einem kleinen Präsent. Einer davon beginnt eine Ausbildung zum Maler und Lackierer, der zweite befindet sich im Praktikum und hofft auf eine Anstellung, der dritte will nun den Realschulabschluss angehen, berichtete die stellvertretende Wohngruppenleiterin Vanessa Müller.

Zur Unterhaltung der geschätzt über den Tag etwa 200 Gäste trugen die Auftritte mehrerer Musikgruppen, der Bauchtänzerin Dilara Amarin, Hüpfburg und Kinderschminken bei.

von Manfred Schubert

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