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Beim Abriss fließen die Tränen

Altes Sägewerk Sarnau Beim Abriss fließen die Tränen

Seit Montag wird das alte Sägewerk in Sarnau entkernt. Im Laufe der nächsten Tage wird das Gebäude aus den 1920er Jahren dem Erdboden gleichgemacht. Eigentümerin Ernestine Ebert-Menard nimmt auf eine ganz besondere Art Abschied.

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Auf eine Spanplatte am alten Sägewerk ihres Vaters hat Ernestine Ebert-Menard Worte des Abschieds geschrieben, die Nachbarn und Freunde bewegen. Der Abriss des Gebäudes ist in vollem Gange. Das Inventar existiert in verschiedenen Museen weiter. Fotos: Nad

Quelle: Nadine Weigel

Sarnau. Ein ohrenbetäubendes Dröhnen dringt aus dem alten Sägewerk. Arbeiter der Firma Archinal sind dabei, das Gebäude zu entkernen. Mit brachialer Gewalt schlagen sie Wände ein, reißen Dielen heraus und bearbeiten Spanplatten mit der Motorsäge.

Ernestine Ebert-Menard steht auf der Straße vor dem Gebäude und beobachtet, wie die Überreste ihres Sägewerkes in hohem Bogen aus dem Fenster geworfen werden und mit lautem Krach auf dem meterhohen Schuttberg vor dem Gebäude landen. „Es geht schon, ich muss der Realität ja ins Auge sehen“, sagt die 75-Jährige. Sie lächelt. Denn sie hat bereits Abschied genommen. Hat Tränen vergossen. Ernestine Ebert-Menard hat dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist, bereits Lebewohl gesagt. Auf eine ganz besondere Art und Weise.

Auf die nun als Tür dienende Spanplatte des Sägewerks hat sie Worte des Abschieds geschrieben. Poesie von Rilke und Hesse, aber auch ganz persönliche Worte: „Dank an alle Menschen, die hier ein- und ausgegangen sind. Dank den lieben Nachbarn für Freundlichkeit und große Hilfsbereitschaft“ steht auf dem Holz geschrieben. „Ich habe viele Rückmeldungen bekommen. Bei einigen sind auch Tränen geflossen“, sagt Ebert-Menard. Ihre Worte bewegen die Menschen im Dorf. Immer wieder kommen am Montag Nachbarn, Freunde und Bekannte vorbei, um gemeinsam einen letzten Blick auf das Sägewerk zu werfen. „Wir waren geschockt, als wir hörten, dass es abgerissen wird“, sagt Nachbarin Irene Prückler und erzählt von dem Charme des alten Gebäudes: „Ich erinnere mich noch gut, wie wir alle am alten Holzofen in der Stube gesessen haben. Das war ein ganz besonderer Ort.“

Zu erhalten war das im Norweger-Stil erbaute Gebäude nicht mehr. „Es ist schade, aber es war schon zu verfallen. Man hätte sehr viel Geld in die Hand nehmen müssen“, bedauert Lahntals Bürgermeister Manfred Apell. Die Gemeinde hat das Grundstück gekauft, fünf Bauplätze sollen darauf entstehen. „Drei sind bereits verkauft“, erklärt Apell. Ihm ist Ebert-Menard besonders dankbar, weil der Abriss verschoben wurde, bis sie eine neue Bleibe für das Interieur des von ihrem Vater in den 1920er Jahren erbauten Sägewerks gefunden hatte.

Bereits vor zwei Jahren begann Ebert-Menard für die historisch wertvollen Gerätschaften, Interessierte zu suchen. Sie wurde fündig. Die Oldtimerfreunde Ohmtal nahmen das riesige Sägegatter aus dem Jahr 1938 mit Kusshand. „Das ist ein historischer Schatz, den man so schnell nicht wieder findet“, sagte einer der Oldtimerfreunde damals. In tagelanger, mühevoller Arbeit bauten die Bastler das acht Tonnen schwere und fünf Meter hohe Monstrum aus dem Sägewerk heraus. Bald soll es im Museum der Oldtimerfreunde in Dannenrod original und funktionstüchtig wieder aufgebaut werden.

Doch auch für viele andere historische Schätze aus dem Sägewerk fand Ebert-Menard Abnehmer. Unter anderem das Hinterlandmuseum in Biedenkopf und das Dorfmuseum Oberrosphe. „Ich halte nichts von dieser Mentalität der Wegwerfgesellschaft“, betont die ehemalige Studienrätin. Deshalb stöberten in den vergangenen Wochen nicht nur historisch Interessierte durch das alte Sägewerk, sondern auch viele Nachbarn und Bekannte.

„Kinder haben sich Bretter geholt, um ein Baumhaus zu bauen und es war auch viel zu entdecken für das Kind im Manne“, lacht die 75-Jährige, der auf diesem Weg der Abschied von ihrem Elternhaus leichter gefallen ist. Denn nun weiß sie, dass viele Dinge ihrer Familie an anderen Orten weiterexistieren. „Ein schöner, tröstlicher Gedanke“, findet sie.

von Nadine Weigel

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Von Redakteur Nadine Weigel

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