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„Bauernregeln stecken voller Wissen“

OP-Wetterkolumnist: Roland Schmidt „Bauernregeln stecken voller Wissen“

Großtante Clara erzählt seit mehr als 20 Jahren im Samstagsmagazin der OP Wettergeschichten. ­Erfinder der Wettertante ist der Wetterbeobachter Roland Schmidt.

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Roland Schmidt beobachtet seit seiner Kindheit das Wetter. Heute bietet er geführte Radtouren durch den Landkreis an – dabei hilft ihm auch sein Wissen in der Wetterkunde.

Quelle: Patricia Grähling

Ernsthausen. Das Wetter spielt im Leben von Roland Schmidt eine große Rolle. Er weiß Anzeichen zu deuten und milde Winter oder nasse Sommer vorherzusagen. Er kennt das Wetter in der Region, weiß wo es am meisten regnet und wo es öfter Frost gibt. Frost gibt es zum Beispiel oft in seinem Garten in Ernsthausen, wenn alle anderen Orte im Dorf schon vom Nachtfrost befreit sind. Denn der heimische Garten liegt in einer Senke. „Da müssen wir im Frühjahr den Apfelbaum vor dem Haus noch manchmal warm einpacken“, verrät er.

Sein Wissen rund um das Wetter stellt Roland Schmidt auch den Lesern des Samstagsmagazins „Mein Samstag“ zur Verfügung. Dort – und auch in den Vorgängermagazinen – schreibt er seit 1995 über das Wetter. Seine Protagonistin ist Großtante Clara, die viele Weisheiten rund um das Wetter kennt. „Ich hätte nie gedacht, dass das mit Clara eine so immerwährende Geschichte wird“, sagt Schmidt heute rückblickend. Er erinnert sich noch, wie er anfangs seine Geschichten mit der Schreibmaschine getippt hat. „Dann habe ich sie in eine Klarsichthülle gepackt und beim Verlag vorbeigebracht“, sagt er schmunzelnd. Ein paar Jahre später konnte er die Texte schon auf Diskette übergeben. Mittlerweile erscheinen die Geschichten rund um Großtante Clara nur noch alle zwei Wochen – im Wechsel mit einer Rubrik für das Tierheim.

Bei seinen Wettervorhersagen spielen auch oft Bauernregeln eine Rolle: „Früher dachte ich, das sei reiner Aberglaube“, erklärt er. Heute sei klar: Die Bauern hatten diese Verse geschaffen, um ihr Wissen über das Wetter festzuhalten. „Und es steckt sehr viel Wissen und Wahrheit darin.“ Teilweise stimmten sie in drei von vier Fällen. „Das schafft kein Computer.“ Er selbst erstelle seine Einschätzungen aus einer Mischung von den Berechnungen moderner Technik, aus den Bauernweisheiten und seinen eigenen Erfahrungen.

Schmidt zeichnet seit dem 14. Lebensjahr Temperaturen auf

Gebürtig stammt Schmidt von der Bergstraße bei Heidelberg. Dort habe er mit 14 Jahren angefangen, für sich selbst die Temperaturen aufzuzeichnen. „Ich bin ein Winterfan und ich wollte wissen, wann der Schnee kommt“, erklärt er. Selbst wenn seine Aufzeichnungen das Jahr über Lücken haben, weil er nicht immer täglich die Temperaturen vermerkt hat – noch heute fange er seine Aufzeichnungen immer wieder im November an, dann „wenn es spannend wird“.
Das Wetter in Ernsthausen zeichnet Schmidt immer noch täglich auf. „Das hat aber nicht mehr die Bedeutung wie früher“, erklärt er. Durch das Internet könne man jederzeit überall die Wetterdaten abrufen. Da brauche es nicht seine Aufzeichnungen, um zu erklären, dass es im Hinterland am meisten regne, weil aus dieser Richtung normalerweise die Regenwolken kämen. In Marburg wiederum regne es deutlich häufiger, als im Windschatten der Lahnberge – also etwa in Moischt oder im Ebsdorfer Grund.

Allgemein mag Schmidt die Natur, deswegen wollte er ursprünglich Förster werden. Weil er aber keine Ausbildungsstelle bekam, machte er das Wetter-Hobby zum Beruf und bewarb sich beim Deutschen Wetterdienst. Als er schließlich ausgebildeter Wetterbeobachter war, wechselte er zum Verteidigungsministerium. „Da war ich hauptsächlich im Bereich Fernmeldedienst und musste Lochstreifen lesen und die Daten für den Meteorologen aufbereiten“, erinnert er sich. Er war in der Ausbildung Jahrgangsbester, ihm sei ein Aufstieg zum Meteorologen in Aussicht gestellt worden. Er stellte sich jedoch selbst aufs Abstellgleis, weil er den Wehrdienst verweigerte. „Da wurde mir intern schon gesagt, dass ich dann keine Aufstiegschancen habe. Ich kam auf das Abstellgleis.“

Schmidt machte das Beste daraus: Er holte das Abitur nach und kam 1981 nach Marburg, um dort Geschichte, Geographie und Philosophie zu studieren. Bis 2013 arbeitete er zudem in verschiedenen Gastronomiebetrieben. „Ich habe mich bewusst für die Region entschieden“, erzählt er. Die Landschaft und die Stadt hätten ihn gleich verzaubert. „Marburg ist eine lebendige, aber überschaubare Stadt und man ist schnell draußen auf dem Land, wo ich gerne bin.“ Heute lebt er auch auf dem Land: Mit seiner Frau hat er in deren Heimatort Ernsthausen gebaut, knapp hinter der Kreisgrenze. „Ich wollte in Marburg Wurzeln schlagen. So hatte ich mir das vorher nie vorgestellt“, sagt er lachend. Aber er sei heute auch noch oft und gerne in Marburg unterwegs, denn neben seinen Wetterberichten für den HITZEROTH-Verlag und einige andere Auftraggeber hält er Vorträge und gibt Kurse rund um das Wetter. Zudem bietet Schmidt heute geführte Rad- und Wandertouren durch den Landkreis an und entlang von Lahn, Eder und Ohm. „Da kann ich alles zusammenführen: Meine Wet­terkenntnisse und mein Wissen rund um die Geschichte und die Geografie“, sagt er. „Ich kann da viel erzählen.“ Etwa wenn er auf der Kreisbahntrasse unterwegs sei oder mit E-Bikes durch Marburg fahre.

Schmidt hofft für dieses Jahr auf mehr Winterwetter, Bauernregel spricht dagegen

Die ersten Touren habe der 60-Jährige in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule angeboten. Nach einem Jahr sei ihm aber klar geworden, dass er auch Touren unabhängig von festen Vhs-Terminen anbieten wolle und er habe sich selbstständig gemacht. „Man kann solche Touren genau wie eine Stadtführung buchen“, erklärt er. Je nach Wunsch der Gruppe stelle er diese dann individuell zusammen. So arbeite er derzeit an einer Tour, die er ab 2017 gerne für Schulklassen anbieten wolle. „Ich möchte einen Radausflug zum Thema Störche anbieten. Es gibt im Kreis wieder viele interessante Populationen.“ Im Winter gebe es dann Laternenwanderungen. „Da hoffe ich dieses Jahr auf mehr Winterwetter. Im letzten Jahr gab es ja nur eine Woche Schnee“, erzählt er. Da habe er sich als Wetterbeobachter auch kräftig geirrt: Letztes Jahr sagte Schmidt einen kalten, schneereichen Winter voraus.

Das Wetter an einzelnen Tagen könne man bei stabilen Wetterlagen nur etwa fünf bis sieben Tage vorhersagen, wie Schmidt erläutert. Er selbst sage daher eher Tendenzen voraus – vor allem für den Sommer und den Winter. „Im Herbst und im Frühjahr verschiebt sich noch zu viel.“ Eine Prognose für den Winter könne er ab November geben – denn vor allem der Oktober gebe deutliche Hinweise auf das Wetter in der kalten Jahreszeit. Schmidt wagt dennoch eine erste Einschätzung: „Ich glaube, es wird wieder ein milder Winter.“ Denn eine Bauernregel besage: „Ist der September lind, wird der Winter ein Kind“. Und als lind kann man diesen September allemal bezeichnen.

von Patricia Grähling

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