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Auf der "schlimmsten Blitzer-Meile Deutschlands"

Bundesstraße 252 Auf der "schlimmsten Blitzer-Meile Deutschlands"

Die B252 wird berühmt: Die „moderne Wegelagerei“ auf der Hauptverbindungsstraße durch den Nordkreis wurde in den vergangenen Tagen zum nationalen Sommer­ferien-Aufregerthema.

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Die gesamte Gebrauchsanweisung finden Sie am Ende dieses Artikels. Fünf Regeln für den sicheren und stressfreien Verkehr auf der B252.

Quelle: Grafik: Nikola Ohlen

Wetter. Es hat gut eineinhalb Jahre gedauert, doch zum Wochenende kam die Geschichte deutschlandweit groß raus: Auf der Bundesstraße 252 im Nordkreis wird der Bürger „abgezockt“ wie sonst nirgends, so lautet die Botschaft.

Am 11. Juli war unter dem Titel „Zur Säule erstarrt“ auf einer ganzen Seite in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) eine ausführliche und ausgewogene Darstellung eines aus Nordhessen stammenden Autoredakteurs erschienen.

Einen Tag später widmete sich schon der Nachrichtensender NTV mit einem ersten, deutlich eindimensionaleren, Filmbericht der „Abzocke“ an der B252. Der Hessische Rundfunk (in der Hessenschau), RTL aktuell und das ZDF („Heute in Deutschland“) zogen am vergangenen Freitag mit Beiträgen über das „Blitzlichtgewitter“ und den „Blitzer-Marathon“ an der B252 nach, alarmiert offensichtlich von diversen Opfern der stationären Blitzgeräte.

In gut drei Minuten erklärten die Fernsehteams, zum Teil unter argumentativer Unterstützung durch Vertreter des Automobilclubs ADAC, den „Alptraum aller Autofahrer“ (ZDF) auf „Deutschlands schlimmster Blitzer-Meile“ - wie der HR den Straßenabschnitt umgehend taufte. Da blieb natürlich wenig Zeit für die Komplexität, die hinter dem Thema steckt.

Wasser auf die Mühlen der Radarfallen-Gegner

Wetters Bürgermeister Kai-Uwe Spanka durfte zwar vor der Kamera mit dem Argument dagegenhalten, man habe bei der Positionierung der Radaranlagen auf Unfallschwerpunkte, Gefahrenpunkte und auf Standorte geachtet, die dem Ruhebedürfnis der Anwohner Rechnung trügen. Doch angesichts der schieren Masse von Radarsäulen zwischen Göttingen und Bottendorf - wahlweise wurden noch die Lahntaler Anlagen auf der B62 oder gar die auf der B3 in Marburg mitgezählt - folgten die befragten Autofahrer in den TV-Beiträgen in der Mehrzahl der beliebten Sichtweise „Gierige Kommunen stellen braven Autofahrern Blitzerfallen, um damit ihre Haushalte zu sanieren“.

Betrachtet man die Kommentare von Zuschauern und Lesern, die sich unter den Berichten der Sender und der FAZ im Internet sammeln, ist die Sache nicht ganz so eindeutig. Es gibt einige tapfere, die dagegenhalten und sich darauf berufen, dass, wer nach den Regeln fährt, auch keine Strafzettel bekommt. Die Mehrheit der Äußerungen geht erwartungsgemäß aber in die andere Richtung: Der Autofahrer solle gemolken werden, die Gemeinden an der Bundesstraße verdienten sich eine goldene Nase.

In der Tat dürfte der Straßenverlauf zwischen Göttingen und Münchhausen in den vergangenen Wochen wohl nicht nur der blitzerreichste, sondern auch der am häufigsten abgefilmte gewesen sein. Denn alle Fernsehteams machten zu „Recherchezwecken“ das, was um die 13000 Lkw- und Pkw-Fahrer Tag für Tag auch tun. Sie passierten 12 fest installierte Radaranlagen auf der Strecke zwischen Göttingen und Münchhausen. Nimmt man die nördlich unseres Kreises gelegenen Blitzer bis Frankenberg mit, sind es sogar 15. Fährt man zu allem Überfluss auch noch ab Göttingen in Richtung Biedenkopf, kommt man in Sarnau (Bahnhof) und Sterzhausen an vier weiteren Geräten vorbei.

„Unangenehmes Gefühl von aufdringlicher Gängelung“

Ohne Frage: Da kann man als Autofahrer, zumal als Orts­unkundiger, schon mal ins Schwitzen kommen. Das gestand auch der Testfahrer des HR, der sich angesichts der Tatsache, dass sich auf der Fahrt „mehr als 30-mal“ die Beschilderung änderte, leicht überfordert fühlte. Auch der FAZ-Kollege spricht in seinem Artikel von einem „unangenehmen Gefühl von aufdringlicher Gängelung“, das immer mitfährt.

Was in der überregionalen Berichterstattung allerdings auf der Strecke bleibt, ist die bemerkenswerte Entwicklung dieser staatlich verordneten „Verkehrsberuhigung“ sowie die Tatsache, dass es für Autofahrer eigentlich nur zwei gravierende Probleme auf dieser Strecke gibt, die einer besseren Lösung bedürfen. Und: Die Rolle, die das Land Hessen dabei spielt.

  • Punkt 1 auf der Problemliste ist die unglückliche, aber im Prinzip nachvollziehbare, Beschilderung und Tempoüberwachung in Niederwetter.
  • Punkt 2 ist das strikte Tempo-30-Gebot nachts in den Orten, das offensichtlich auch tagsüber bei vielen Fahrzeuglenkern Verwirrung stiftet.

Eingeführt vom hessischen Verkehrsministerium mit dem Ziel der Senkung der Lärmbelastung in den Orten, kann man es wahlweise als gutgemeinten, aber relativ hilflosen Versuch der Verkehrsberuhigung betrachten - oder als kleine Gemeinheit gegenüber den aufmüpfigen Anwohnern, die die Wut der Vorbeifahrenden oft genug lautstark zu spüren bekommen.

Die Anwohner hatten das Land mit ihren als „Herbstputz“ deklarierten provozierten Staus zur Feierabendzeit seinerzeit unter Druck gesetzt - weil die Planungen für die erhofften Ortsumgehungen sich jahrelang immer wieder verzögert hatten. Tempo 30 allerdings, zumal für Pkw, hatte vor Ort niemand gefordert.

Tempolimit ergibt nur Sinn, wenn es überwacht wird

Über den Sinn, die Autofahrer nachts viele Kilometer lang mit 30 durch in der Regel menschenleere Ortschaften zu zwingen, darf getrost gestritten werden. Nichtsdestotrotz wurde die Zulässigkeit dieser nächtlichen Geschwindigkeitsbegrenzung auf der B252 vor Kurzem vom Verwaltungsgericht Gießen bestätigt.

Solange es dieses „Tempo 30“ von 22 und 6 Uhr gibt, muss es sinnvollerweise aber auch dort überwacht werden, wo es gilt, nämlich in allen Orten. Ansonsten, das wissen Autofahrer selbst, würde es in vielen Fällen schlicht ignoriert - wie es bei Tempo 50 in den Orten an der B252 vor der Regelung gang und gäbe war.

An dieser Stelle wird es allerdings interessant. Denn das Land Hessen, dem auf Bundesstraßen eigentlich die Einnahmen aus der Geschwindigkeitsüberwachung zustehen, verzichtete zugunsten der Kommunen darauf, wenn diese im Gegenzug die Geschwindigkeitsüberwachung selbst übernehmen . Ein geschickter Schachzug, zu dem die Kommunen kaum Nein sagen konnten - und der das Land zugleich aus dem Scheinwerferlicht der Autofahrer nahm.

Das Ergebnis ist bekannt. Mittels für die Stadt Wetter und die Gemeinden Münchhausen und Lahntal günstiger Leasing- oder Mietmodelle wurden Blitzer der Logik entsprechend in allen betroffenen Orten aufgestellt. Ob die Positionierung dabei in allen Fällen gut gewählt ist, lässt sich diskutieren. Dennoch sind die Standorte der Blitzer auch in der Summe einer vernünftigen Fortbewegung auf dieser Straße nicht abträglich.

Lediglich bei der Anlage in Niederwetter besteht Handlungsbedarf . Dass sie unter Abzockverdacht steht, ist nicht verwunderlich. Die Radarsäule an der Ampel in der Ortsmitte ist zwar gut erkennbar, die am Tag wie nachts gültige Tempo-30-Zone ist jedoch eingebettet in die an den Ortseingängen gültige nächtliche Beschränkung.

Der Wechsel der Beschilderung wird daher leicht übersehen, sodass viele Autofahrer auch noch guten Gewissens in den Blitz fahren. Abzulesen ist das an den eindrucksvollen Statistiken. Gut 1,2 Millionen Euro Einnahmen hatte die Stadt Wetter durch die stationären Geräte im vergangenen Jahr, 87 Prozent aller Verstöße wurden in Niederwetter registriert. In diesem Jahr sind die Zahlen zwar rückläufig - an allen Radarsäulen der Stadt Wetter wurden laut Bürgermeister Kai-Uwe Spanka bis zum 20. Juni insgesamt 26000 Tempoverstöße registriert. Im Jahr 2012 waren es 65650, davon 59500 in Niederwetter. Die Einnahmen im ersten halben Jahr 2013 betrugen 414000 Euro.

Für Niederwetter liegt ein Kompromiss auf dem Tisch

Dass die Stadt an dieser Situation aufgrund der hohen Einnahmen nichts ändern wolle, wird von Kritikern gern behauptet. Tatsache ist aber auch, dass es einen Kompromissvorschlag gibt, der nach einem Ortstermin im August 2012 vereinbart wurde. Anwesend waren da laut Bürgermeister Spanka Vertreter der Polizei, des Landkreises, der für die durchgehende 30er-Beschilderung in der Ortsmitte verantwortlich ist, sowie Vertreter des Landes (Regierungspräsidium und Hessen Mobil).

Der Kompromissvorschlag für Niederwetter sieht vor, dass die nächtliche Tempo-30-Regelung am Ortseingang aus Richtung Göttingen aufgehoben wird und somit nur zwei Tempo-Limitzonen bleiben: die durchgehend gültige in der Ortsmitte und die nächtliche in Richtung Wetter. Dort soll sich nichts ändern, weil die Wohnbebauung deutlich dichter ist, zugleich aus dieser Richtung auch erheblich weniger Autofahrer geblitzt werden, wie Spanka sagt.

Der Vorschlag liegt seitdem zur Genehmigung beim Land. Bis heute, fast ein Jahr später, so sagen Spanka und der Landkreissprecher Dr. Markus Morr, hat es darauf aber noch keine Antwort gegeben.

Auf die OP-Nachfrage, ob die Kommunen an der B252 sich in einer gemeinsamen Aktion dann nicht wenigstens auf allgemeine Radarwarnschilder am Anfang und am Ende der „Blitzermeile“ einigen könnten, sagte Spanka zu, dies mit seinen Amtskollegen besprechen zu wollen. Dann könnte zumindest keiner sagen, er wäre von den Blitzgeräten überrascht worden.

Gebrauchsanweisung für die B252

Quelle:

von Michael Agricola

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Marburg

Die Nachricht schlug am Freitag ein wie eine Bombe: Der Entwurf des Investitionsrahmenplans für die Straßen des Bundes sieht für die Bauprojekte A 49 und B 252 im heimischen Bereich bis mindestens 2015 keine Finanzmittel vor.

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