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Auf Tour mit dem Landtierarzt

Auch Bullen haben Angst vor Spritzen Auf Tour mit dem Landtierarzt

Ist eins der Tiere krank im Stall kommt er und kann es vielleicht wieder gesund machen - so war es zumindest früher. Wie sieht die Arbeit eines modernen Landtierarztes aus?

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Heiko Sodemann ist immer mit einem rollenden Büro unterwegs. Neben Laptop und Drucker ist darin auch ein tragbares Ultraschallgerät zu finden.

Quelle: Sonja Achenbach

Wetter. „Sie steht!“ Lisa Wenzel ist mit einem Sprung zurück auf dem Boden. Ihre Augen glänzen und ihr Lächeln scheint befreit von der angespannten Konzentration der letzten Minuten. „Jetzt wird sie wieder richtig gesund“, murmelt sie leise und wie zu sich selbst.

Bei ihrer Patientin handelt es sich um ein kleines, schwarz-weißes Kälbchen, das mit einem Nabelbruch in die Tierarztpraxis nach Wetter gebracht wurde. Durch den chirurgischen Eingriff von Lisa Wenzel hat die kleine Patientin jetzt wieder die Chance auf eine normale Entwicklung. Sie ist noch nicht lange Tierärztin bei der Tierarztpraxis Wetter und hat doch schon einige Erfahrung in der Chirurgie sammeln können. Nachdem sie 2009 ihr Studium an der Justus-Liebig-Universität beendet hatte, arbeitete sie in der Rinderklinik der Justus-Liebig Universität in Gießen.

Wie jeden Tag sitzt auch an diesem ihr Hund Primus auf dem Beifahrersitz als Wenzel zu ihrer alltäglichen Tour aufbricht. Einige Trächtigkeitsuntersuchungen und Besamungen stehen heute auf ihrem Plan. Dazu müssen bei zwei Bullen Blutproben genommen werden. Alles Routinetermine, zu denen sie innerhalb eines Jahres unzählige Male ausrückt. Zuerst führt ihr Weg sie aber zu einem Betrieb nach Sterzhausen. Hier hatte ein junges Rind einen kleinen Unfall. Im Melkstand wollte der Landwirt ihm den richtigen Weg weisen, das Rind jedoch erschreckte sich und rutschte aus. Die Platzwunde am oberen Ende des rechten Hinterbeins ist zwar keine lebensgefährliche Verletzung, sollte aber trotzdem gesäubert, desinfiziert und genäht werden, wie Wenzel erklärt. Mit Wasser und Desinfektionsmittel säubert sie die Wunde noch vor Ort. Eine örtliche Betäubung stellt eine schmerzfreie Behandlung für die Kuh sicher. So bleibt sie ruhig stehen und die Tierärztin kann die Wunde mit einigen Kniffen sauber wieder zusammennähen. Früh Morgens bei der Teambesprechung saßen sie noch gemeinsam an einem Tisch und haben den anstehenden Tag geplant. Während Lisa Wenzel ihre erste Patientin schon behandelt hat, steckt Heiko Sodemann noch in den Vorbereitungen.

Tabellen mit vielen verschiedenen Zahlen sind vor ihm ausgebreitet. Auf dem Bildschirm seines Laptops leuchtet eine weitere auf. Nach und nach füllen sich die leeren Fächer. Da geht es um Milchleistung, um Energiegehalt, um den Substanzgehalt der Trockenmenge des Futters, um die Zusammensetzung des Futters und um vieles mehr. Jeder der Tabellen ist ein Name, ein landwirtschaftlicher Betrieb zugeordnet. Die Zahlen und Tabellen bearbeitet Heiko Sodemann als Vorbereitung auf seine Termine bei diesen Betrieben. Er ist der Inhaber der Tierarztpraxis in Wetter und auch wenn seine Arbeit an den Tabellen auf den ersten Blick nichts mit dem Alltag eines Tierarztes zu tun hat: „Aus den Zahlen kann ich herauslesen, ob es den Kühen gut geht oder ob vielleicht noch etwas verbessert werden kann.“ All diese Zahlen weisen seiner Aussage nach darauf hin, ob die Kühe des fraglichen Betriebes in der Lage sind, die bestmögliche Milchleistung zu erbringen.

Auch die größten Bullen haben Angst vor Spritzen

„Eine Kuh, die sich wohl fühlt, gesund ist und ausreichend gutes Futter frisst, erbringt Hochleistung ganz von alleine.“ Aber wie fühlt sich eine Kuh wohl? Die Umwelt des Tieres spielt hierbei eine ganz entscheidende Rolle, meint Sodemann. Ihre Entscheidung, Tierärztin zu werden, hat Lisa Wenzel nie bereut. „Die unterschiedlichen Herausforderungen innerhalb eines Tages gefallen mir am besten“, erzählt sie. Die nächste Station führt sie zu zwei Jungbullen, die etwas Blut lassen müssen.

In dem Laufstall stehen mehrere Jungbullen von ungefähr dem gleichen Alter. Zwei von ihnen sind schon angebunden, damit Wenzel ihnen die benötigten Blutproben entnehmen kann. Gut genährt sind sie und jeder Einzelne ist wohl stark genug, um die zierliche Tierärztin ohne Schwierigkeiten umzurennen. Diese steigt ohne Zögern zu den nervösen Tieren in den Stall. Behutsam geht sie erst auf den schwarzbunten, dann auf den rotbunten Bullen zu. Auch wenn sie schnell arbeitet ist es gut, dass sie dabei die freilaufende, vierbeinige Gesellschaft in dem Laufstall nicht vergisst. Einer der freien Jungbullen wähnt sich eingesperrt zwischen seinem angebundenen Artgenossen und der Laufstallwand und versucht sich durch den kleinsten Spalt zu zwängen. Erst als Wentzel ihm den Weg frei macht, kann er zum Rest seiner kleinen Herde flüchten. Die zweite Blutprobe ist so auch schnell genommen. Ihre Runde kann Wenzel also fortsetzen.

Heute steht das Tier im Mittelpunkt

Heiko Sodemann ist derweil auch auf seiner Tour unterwegs. Auf dem Hof seiner ersten Station gibt es viel zu besprechen, denn wenn es nach der Erfahrung des Tierarztes geht, stehen einige Veränderungen an und der Landwirt ist noch nicht 100-prozentig überzeugt davon. „Noch in den 1960er Jahren stand beim Stallbau die Arbeitseffizienz im Vordergrund“, erklärt er, „heute wird eher das Tier in den Mittelpunkt gestellt.“ Viele Betriebe stellen daher seiner Meinung nach folgerichtig von Anbindestall zu Laufstall um. Unterteilt in Leistungsgruppen können die Tiere bei dieser Art von Haltung optimal gefüttert werden.

Neben viel Platz für Bewegung ist ein ausreichend großer Zugang zum Futter für jede Kuh und genügend Tränkemöglichkeiten notwendig. „Um Milch produzieren zu können, muss eine Kuh ihre Klauen entlasten können“, berichtet der Tierarzt. Einladende und saubere Liegeboxen sind dafür unerlässlich. Nach Sodemanns Meinung sollten in diesem ersten Betrieb auf seiner Tour die Liegeboxen erneuert werden. Die zuerst eingebauten Matten sind mittlerweile von den Kühen festgelegen und von ihrer ursprünglichen Bequemlichkeit ist nicht mehr viel übrig. Da er alle anderen möglichen Ursachen für die auftretenden Lahmheiten in diesem Betrieb ausschließen konnte, werden die Symptome mit einer Umgestaltung der Liegeboxen nach seiner Erfahrung nicht mehr auftreten.

„Bei Tiefstreubuchten besteht die Liegefläche aus der Kombination von einer leicht angefeuchteten Matratze aus Stroh und Kalk sowie einer möglichst sauberen und trockenen Deckschicht“, erklärt Sodemann eine der möglichen Varianten. „Es gibt viele Betriebe, die auf einem guten Weg sind“, sagt er. Als Beispiel führt der Tierarzt den neu gebauten Stall der Fleckenbühler in Schönstadt an. „Neben viel Licht und frischer Luft haben diese Kühe die Wahl, ob sie gern unter freiem Himmel oder im Stall sein wollen.“ Die Liegeboxen dieses Betriebes bestehen aus eben der beschriebenen Kalk-Stroh-Matratze und dem sauberen und trockenen Streu. Auch wenn es sich bei diesem Betrieb um einen biologischen handelt, besteht mittlerweile in der Haltungsweise kaum noch ein Unterschied zwischen konventionellen und biologischen Betrieben. Bequeme Liegeboxen sind nach Sodemanns Überzeugung ein Baustein zu einer Herde Kühen, die in der Lage sind, Hochleistung zu erbringen - und zwar weil sie gesund sind und sich wohl fühlen.

Landwirte müssen auch erkennen können, was ihren Tieren fehlt

Während Wenzel auf ihrer nächsten Station immer wieder eine Frage stellt - „Wen hätten sie denn gern?“, überprüft Sodemann auf seinem Termin als Nächstes wie erfolgreich Samson, Tilo, Stylist und all die anderen Bullen waren. Mit einem tragbaren Ultraschallgerät am Arm sieht er ganz genau nach, ob die Kühe trächtig sind. Während er das ein oder andere Mal die Frage verneinen muss, verrät ihm dann doch ein kleines Flackern auf dem Bildschirm, dass in dieser Kuh ein kleines, lebensfähiges Kälbchen heranwächst und sein kleines Herz eifrig schlägt. Bis zu dem Zeitpunkt, wo auch bei den Kühen die Trächtigkeit überprüft werden kann, die Wenzel an diesem Tag besamt, ist es aber noch vier Wochen hin.

„Zufriedene und gesunde Tiere, die hohe Leistung bringen, sind das Ziel jeden Betriebes“, erklärt Sodemann. Ein Indiz für die Gesundheit der Tiere ist seinen Ausführungen nach auch, wie schnell sie trächtig werden. Durch die Futterration kann das beeinflusst werden, weswegen nicht nur die Zusammensetzung stetig überprüft und Leistungsstand sowie Bedürfnissen der Tiere angepasst wird.

Der moderne Landtierarzt kümmert sich also um das allgemeine Wohlbefinden der Tiere eines Betriebes und versucht Krankheiten vorzubeugen. Überall kann er jedoch nicht sein und so versucht die Praxis von Heiko Sodemann einen Teil des medizinischen Wissens durch Workshops an interessierte Landwirte weiterzugeben. Nur wer versteht kann nach Überzeugung des Tierarztes Indizien für Krankheiten früh erkennen. Nicht allen Patienten kann er helfen, aber die kleine Nabelbruch-Patientin von Lisa Wenzel hat sich mittlerweile wieder vollständig erholt und die Fäden sind auch gezogen.

von Sonja Achenbach

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