Volltextsuche über das Angebot:

27 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Apathie und Adrenalinkick

Deutsche Ballonmeisterschaften Apathie und Adrenalinkick

Erst Langeweile, dann Action: Die Deutsche Meisterschaft der Heißluftballonfahrer war ein Wechselbad der Gefühle.

Voriger Artikel
Das Wetter verhindert die ersten Starts
Nächster Artikel
Mit der OP an den Strand in Dänemark

„Cool“: So etwas sieht man selten. Freitag, 6.30 Uhr: Am Sportplatz in Buchenau müssen die Piloten ihre Ballons so manövrieren, dass sie aus dem Korb heraus einen sogenannten Marker möglichste punktgenau auf eine Markierung am Boden fallenlassen können.

Quelle: Nadine Weigel

Schönstadt. Plötzlich Hektik: Alle stürzen sich in ihre Autos und rasen vom Flugplatz. Es ist Freitag, kurz nach 19 Uhr, das lähmende Warten hat endlich ein Ende. Die Apathie weicht dem Adrenalinkick.

Bislang hatte das Wetter den Ablauf der Deutschen Meisterschaft der Ballonfahrer lahmgelegt. Am Donnerstag konnte gar nicht gestartet werden und am heutigen Freitagabend sah es zum gemeinsamen Briefing um 18 Uhr im Hangar des Kurhessischen Vereins für Luftfahrt (KVfL) auch nicht gut aus: Dunkle Regenwolken standen am Himmel und prophezeiten nichts Gutes. Doch um 18.45 Uhr gab Meteorologe Michael Noll das OK: „Es schwächt ab, keine Blitze, kein Donner, es kann gestartet werden.“ Und urplötzlich weicht die gespannte Langeweile eiliger Betriebsamkeit. Bewaffnet mit GPS, Laptops, Karten und Kompass düsen die Ballonteams mit ihren Anhängern, in den sich die Heißluftballone befinden, Richtung Reddehausen.

Deutsche Ballonmeisterschaften 2016. Foto: Nadine Weigel

Zur Bildergalerie

„Der Wind bestimmt nun den genauen Startpunkt“, erklärt Marcus Strauf. Der 39-Jährige startet für den Ballonsportclub Nümbrecht. Seit 1992 ist er mit dem Ballonfahr-Virus infiziert, rund 120 Fahrten macht der gelernte Elektrotechniker im Jahr, eine enorme Menge. Der erfahrene Pilot wird überall auf der Welt gebucht. Er hat ein eingespieltes Team. „Ohne eine gute Crew ist man aufgeschmissen“, betont er.

Auf einer Wiese oberhalb von Reddehausen macht das Strauf-Gespann Halt. Alle blicken gen Himmel. Die Abendsonne bricht durch die eben noch Regenverhangenen Wolken. Crewmitglied Joachim Wehner holt einen mit Helium gefüllten Luftballon hervor und lässt ihn steigen. Dann richtet er einen Kompass auf den sich schnell am Himmel entfernenden Ballon. „128“, ruft Wehner, der seinen 47. Geburtstag im Wettkampfmodus verbringt. „Das ist schon ok, die Ballonfahrergemeinschaft ist auch bisschen wie eine große Familie“, sagt er lachend und checkt nochmal den Kompass. Der Wind bläst in 128 Grad-Richtung. Der Startplatz ist nicht optimal, also springen alle wieder in die Autos und eilen gen Norden. Auf einer Lichtung am Waldrand scheint der perfekte Startplatz zu sein, hier tummeln sich viele der Teilnehmer.

Bei jeder Aufgabe werden Punkte gesammelt

Es herrscht Hektik, jedes Team versucht möglichst schnell in die Luft zu kommen, dabei ist es gar keine Wettfahrt. „Es ist eher wie beim Zehnkampf“, erläutert Wettkampfleiter Florian Fuchs. „Die Teams können bei jeder Aufgabe Punkte sammeln, wer eine konstant gute Leistung zeigt, hat die Nase vorne.“

Trotzdem versucht jedes Team seinen Heißluftballon schnell aufzurüsten. Auch Strauf ist nun im Dauerlauf unterwegs. Seine Crewmitglieder Joachim Wehner und Volker Jonas zerren den Korb aus dem Anhänger. Observerin Anke Bauer bringt das technische Equipment: Funkgerät, GPS, Laptop, vorher hat sie bereits Ziele und Aufgaben auf einer Karte eingetragen. Gemeinsam entrollen sie die riesige Hülle des Ballons und blasen per Ventilator kalte Luft hinein. Marcus Strauf checkt noch einmal alle Geräte und die Propangasflaschen, dann erwärmt er mit dem Brenner die Luft in der Ballonhülle. Es zischt und faucht, eine riesiger Stichflamme schießt knapp über seinem Kopf in die Höhe. Die Luft in der Hülle erwärmt sich. Da heiße Luft leichter ist als kalte, drückt die Auftriebskraft den Ballon nach oben. Straufs Crew löst die Verankerung zwischen Auto und Ballon und der Pilot schwebt langsam gen Himmel. Nun ist er auf sich allein gestellt. Genau wie die anderen Piloten, die mit ihren bunten Ballonen den Abendhimmel füllen, treibt Strauf gen Osten.

Sieger wird am Ende Sven Göhler

Wie bereits am Morgen müssen die Piloten ein sogenanntes „Fly In“ absolvieren. Auf der Startbahn des Flugplatzes Schönstadt ist eine Markierung ausgelegt. Diese müssen die Piloten so anfahren, dass sie einen sogenannten Marker (ein Sandsäckchen mit einem langen Stofffetzen) möglichst punktgenau aus dem Korb drauf fallen lassen können.

Für Marcus Strauf hat es nach vier Starts und insgesamt 16 absolvierten Aufgaben nicht für‘s Treppchen gereicht. Deutscher Meister wurde Sven Göhler vor Uwe Schneider und Thomas Fink. Bester Hessischer Ballonfahrer wurde Uwe Schneider aus Hüttenberg vor Astrid Carl aus Langenselbold und Matthias Borgmeier aus Wetzlar.

„Es war ein toller Wettkampf“, resümiert Werner Hoffarth vom gastgebenden KVfL. Mit dieser Meinung ist er nicht allein, in den sozialen Netzwerken, wie auf dem Facebookauftritt der OP, wurden zahlreiche Ballonfotos mit begeisterten Ausrufen gepostet. Kein Wunder: So ein spektakuläres Schauspiel mit 30 Ballons sieht man selten.

von Nadine Weigel

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr