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Andreas Steinhöfel in Goßfelden

Anders und andere schräge Typen

Wenn Andreas Steinhöfel seine Romanfiguren Rico, Oskar oder Fitzke, den Rächer der Altkleidersammler, mit wechselnden Stimmen zum Leben erweckt, hört das Publikum gebannt zu. Wie am Dienstag in Goßfeldens Bücherei.
Nach der Lesung in Goßfelden gab Andreas Steinhöfel den kleinen und großen Besuchern Autogramme und signierte mitgebrachte Bücher.

Nach der Lesung in Goßfelden gab Andreas Steinhöfel den kleinen und großen Besuchern Autogramme und signierte mitgebrachte Bücher.

© Michael Agricola

Goßfelden. Unter den Lesefans in der Gemeindebücherei waren alle Altersstufen vertreten, von ganz jung bis ganz alt. Und sie kamen nicht nur bei der Lesung von Szenen aus „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Anders“ auf ihre Kosten, sondern auch mit dem Autor ins Gespräch. Der Bestseller-Autor Steinhöfel beantwortete Fragen aus dem Publikum und erzählte von seinen nächsten Projekten.

Besonders für Rico-Fans hatte er erfreuliche Nachrichten mitgebracht. Nach der abgeschlossenen Trilogie, deren zweiter und dritter Teil demnächst fürs Kino verfilmt werden, soll es nun doch eine neue, abgeschlossene Geschichte mit dem „tiefbegabten“, etwas begriffsstutzigen Rico und seinem schlauen Freund Oskar geben. „Es wird eine Weihnachtsgeschichte“, verriet Steinhöfel. Auch in der „Sendung mit der Maus“ könnten Rico und Oskar bald eine Rolle spielen, aber das ist noch Zukunftsmusik.

Der gefragte Autor wird sich nach vielen Benefizlesungen, die er im Moment absolviert, ab Mai erstmal wieder zum Schreiben zurückziehen. Er arbeitet an verschiedenen Projekten. Eins davon führt in die eigene schriftstellerische Vergangenheit. 25 Jahre nach der Veröffentlichung wird Steinhöfels erstes Buch „Dirk und ich“ kommendes Jahr in einer neuen Ausgabe herauskommen, „mit mindestens zwei neuen Geschichten“, illustriert von Peter Schössow, der auch die Rico-Bücher bebildert hat.

Die Sache mit den Primzahlen

Eine junge Zuhörerin wollte wissen, ob Steinhöfel Primzahlen liebe oder sie hasse - weil sie in beiden Büchern eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Wie vielen Schülern sei ihm Mathematik in der Schule ein Gräuel gewesen, gestand Steinhöfel, aber: „Primzahlen finde ich toll.“ Seine späte Liebe zur Mathematik habe er unter anderem einem Buch von Simon Singh („Fermats letzter Satz“) zu verdanken, der ihm die Geschichte der Mathematik und die Faszination der Zahlen erschlossen habe. Die vielen Primzahlen in seinen Büchern hätten durchaus einen tieferen Sinn, genauso wie er gern literarische Motive und Zitate in seine Bücher einbaue.

Im neuen Roman kann der tiefer analysierende Leser zum Beispiel auf die Suche nach Märchenmotiven gehen. Die Primzahlen in „Anders“ charakterisieren gewissermaßen auch die Hauptfigur. Die Primzahl, die nur durch eins und sich selbst teilbar ist, steht hier für die Unteilbarkeit der Titelfigur, die einen tiefen Wandel durchmacht.

"Anders" schlägt den Bogen zurück zu seinen ersten Erfolgen

Zu Beginn des Buches steht ein schwerer Unfall der Hauptfigur Felix. Nach dem Aufwachen aus dem Koma möchte dieser Felix, „Ein und Alles“ seiner überfürsorglichen „Helikoptereltern“, nicht mehr Felix sein. Er nennt sich fortan „Anders“ und verhält sich auch so. Aus diesem neuen, nachdenklichen, weniger für Kinder, sondern eher für ein jugendliches Publikum geeigneten Roman, las Steinhöfel zu Beginn den Prolog. Und warnte die unter 10-jährigen Gäste schon mal augenzwinkernd vor, sie könnten angesichts des etwas härteren Stoffes in Ohnmacht fallen. „Aber wir wecken euch rechtzeitig wieder“, schob der Bestseller-Autor schnell nach.

Denn viele Besucher waren natürlich wegen der deutlich lustigeren Abenteuer von Rico und Oskar gekommen, die der Biedenkopfer hinreißend in Szene setzte - so treffend, dass eine Zuhörerin ihn gar fragte, ob er den Schauspielern in der Verfilmung den Zungenschlag seiner Figuren vorgesprochen habe, weil sie dort genauso klängen.

Mit „Anders“, das nicht in Berlin spielt wie Ricos Abenteuer, sondern in einer Kleinstadt wie seiner alten und neuen Heimat Biedenkopf, schlägt Steinhöfel im Übrigen auch den Bogen zurück zu einem seiner ersten Bucherfolge.

Alte Bekannte tauchen wieder auf

Frau Heinsel, die neugierige Nachbarin von Anders, gibt es schon im Kinderbuchklassiker „Paul Vier und die Schröders“ - nur jetzt eben um viele Jahre älter. Auch der Polizist, der mit Felix‘ Unfall befasst ist, ist letztlich eine herangewachsene Figur aus dem 1992 erschienenen Buch. Damals war er ein Junge. „Damit wollte ich zeigen, dass manchmal aus hoffnungsvollen Kindern auch nur bekloppte Erwachsene werden“, so Steinhöfel augenzwinkernd.

Dass er die Kunst beherrscht, Romanfiguren zu zeichnen, die eben nicht perfekt oder politisch korrekt sind, dafür aber umso liebenswerter, machte die Lesung deutlich. Egal ob sie mit dem eigenen Leben etwas überfordert sind wie Ricos Mutter, oder zu perfekt, wie Anders‘ Eltern, die Haupt- und Nebenfiguren werden nie vorgeführt - weil Steinhöfel sich in sie hineinversetzen kann.

Das gilt auch für seinen bisher größten Erfolg. Die Rico-Bücher habe er eigentlich aus der Sicht eines hochbegabten Kindes schreiben wollen, erzählte er. „Ich schrieb auch ein erstes Kapitel, doch ich merkte, dass man dann über den tiefbegabten Jungen lacht und nicht mit ihm. Das wollte ich nicht.“ Er wechselte die Perspektive, beförderte den Jungen zum Erzähler, „der ein bisschen Stulle im Kopf ist“ - und es funktionierte.

von Michael Agricola


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