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Alte Liebe rostet nicht

Repair-Café Alte Liebe rostet nicht

Das Cölber Repair-Café ist seit acht Monaten fester Anlaufpunkt für Menschen, die Hilfe bei einer Reparatur brauchen. Die OP traf dort auf geballtes Fachwissen und hörte eine Liebesgeschichte rund um ein altes Tonbandgerät.

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Für Horst und Gudrun Becker hat das Grundig TK 5 einen persönlichen Wert – es ist Teil ihrer Liebesgeschichte, deshalb will das Cappeler Ehepaar das alte Tonbandgerät aufarbeiten lassen.

Quelle: Carina Becker

Cölbe. Mit Beethoven hätte er sie damals fast rumgekriegt, „aber nur fast“, sagt die 71-jährige Gudrun Becker und lacht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Horst Becker (74) ist die Capplerin zum Repair-Café in die Gemeindehalle Cölbe gekommen, im Gepäck ein altes Grundig TK 5, ein Tonbandgerät aus den 1950er Jahren. „Leider läuft es nicht mehr“, sagt Horst Becker.

Elektrofachmann Helmut Dworschak hat das gute Stück aufgeschraubt - und nun wollen sich etliche Besucher die faszinierende alte Technik anschauen. Schrauben und Rädchen greifen ineinander, die Einzelteile sind gut erkennbar - und ganz anders als bei heutigen Elektrogeräten kann man sich schon beim Betrachten ungefähr vorstellen, was im Inneren des Geräts passiert, wenn der Stecker in die Steckdose gesteckt wird.

Leider hilft Strom in diesem Fall vorerst nicht weiter. „Klar, das kann man wieder hinkriegen“, sagt Helmut Dworschak, „aber da muss man ran wie bei einem Oldtimer - alles auseinandernehmen, säubern und die schadhaften Teile austauschen“. Eine Aufgabe, die im Repair-Café nicht gestemmt werden kann, aber die Beckers bekommen eine Empfehlung vom Elektrofachmann mit auf den Weg, „in Cappel gibt es einen, der könnte das machen“. „Ich finde schon, dass wir das Gerät reparieren lassen sollten“, sagt Gudrun Becker, „dahinter steckt ja auch eine besondere Geschichte“, verrät sie und erzählt, wie „ihr Horst“ ihr 1966 mit dem Tonbandgerät Beethoven vorgespielt hat. „Das hat mich beeindruckt, ich fand das kreativ“, sagt sie und lacht.

Für Horst und Gudrun Becker hat das Grundig TK 5 einen persönlichen Wert – es ist Teil ihrer Liebesgeschichte, deshalb will das Cappeler Ehepaar das alte Tonbandgerät aufarbeiten lassen.

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Für die Eroberung hat der Auftritt mit dem Grundig TK 5 dann aber noch nicht gereicht, berichtet Gudrun Becker, will aber nicht verraten, wie ihr heutiger Ehemann ihr Herz schließlich erobert hat. „Nein, das ist zu privat“, sagt sie, aber man sieht an ihrem verklärten Blick, dass es etwa sehr Schönes gewesen sein muss.

Die Beckers müssen an diesem Tag mit einem weiterhin schadhaften Gerät nach Hause fahren - das kommt im Repair-Café eigentlich gar nicht so oft vor. „Wir haben eine gute Quote, in den meisten Fällen kriegen wir die Sachen wieder hin“, erklärt Gabriele Henkel, die das Repair-Café im vergangenen Jahr aus der Taufe gehoben hat - um Wertschätzung für einmal erworbene Gegenstände zu vermitteln, um ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft zu setzen und vor allem, um etwas für den Umweltschutz zu tun. Denn Reparieren gilt als wirkungsvoller Beitrag zur Reduktion des CO2-Ausstoßes. Deshalb wurde das Repair-Café vor einigen Wochen auch als eine von elf Initiativen mit einem Klimaschutz-Preis vom Landkreis und der Stadt Marburg ausgezeichnet. Es ist Teil eines inzwischen internationalen Netzwerks von Reparatur-Cafés.

Allmonatlich kommen bis zu 80 Menschen

Beim Reparaturtreff geht es auch um die Geselligkeit und den Austausch. So ist Rentner Artur Werner aus Simtshausen nach Cölbe gekommen, „um mir das einmal anzuschauen“, wie der frühere Schmied, Landmaschinen-Schlosser und Werkzeugmacher erklärt. Mit Reparateur Ralf Reuschling, der zu den Schraubern gehört, die von Anfang beim Repair-Café mit dabei waren, beugt er sich über eine Schlagbohrmaschine, die schon einige Jährchen alt ist. „Wenn man damit ins Geschäft geht, muss man den kompletten Motor austauschen lassen“, sagt Reuschling. Der kaputte Anschluss ist schnell gefunden - doch wie das Ding nun wieder zum Laufen kriegen?

Artur Werner rät den Reparateuren, es mit dem Lötkolben zu versuchen - und diesem Vorschlag folgt Ralf Reuschling dann auch. „Für mich ist es eine tolle Sache, wenn die Geräte wieder funktionieren. Dann freue ich mich so sehr wie der Besitzer sich freut.“ Etliche Reparateure aus Cölbe und Umgebung waren von Anfang an dabei, weitere Techniker, Bastler, Ingenieure und Tüftler helfen inzwischen beim monatlichen Treffen in der Gemeindehalle Cölbe mit. Der jüngste ist 30 Jahre alt, andere sind im Rentneralter. Die Einrichtung hat sich inzwischen etabliert - aus der gesamten Region reisen die Menschen mit ihren Sachen an.

Zwölf Reparaturstationen stehen zur Verfügung. Es herrscht Hochbetrieb. Bis zu 80 Menschen mit kaputten Staubsaugern, Computerteilen, Handys, Lampen oder eben Schlagbohrmaschinen und alten Tonbandgeräten kommen allmonatlich in die Gemeindehalle, berichtet Gabriele Henkel, die alle Hände voll damit zu tun hat, freiwerdende Plätze an die nächsten Wartenden zu vergeben. Beim Reparieren ist dann Teamarbeit gefragt - Reparateure, die Besitzer der kaputten Gerätschaften und auch alle Umstehenden bringen sich gern mit ein.

Heinz Schauberer hat „goldenes Händchen“ für Armbanduhren

Dabei entstehen auch neue Angebote. So schlägt Besucherin Brigitte Adler-Zaffke aus Simtshausen spontan vor, zum nächsten Repair-Café ihre Nähmaschine mitzubringen und dann vorzuführen, wie man eine Hose kürzt und einen neuen Reißverschluss einsetzt. „Bei den Jeans scheitert es ja meist daran - dann wirft man die Hose weg, nur weil der Reißverschluss kaputt ist“, erklärt sie. Wer von Brigitte Adler-Zaffke lernt, muss dann künftig nicht mehr zum Schneider gehen.

Auch für kaputte Armbanduhren gibt es im Repair-Café eine Anlaufstelle. Der 74-jährige Heinz Schauberer aus Albshausen hat „ein goldenes Händchen“ dafür. So erklärt es die 72-jährige Gerlinde Thomasch aus Cölbe, die überglücklich ihre alte goldene Armbanduhr anlegt. Sie trägt sie nun erstmals seit rund 10 Jahren wieder. „Sie lag die ganze Zeit über im Schmuckkästchen, weil ich niemanden kannte, der eine mechanische Uhr reparieren kann - und wegwerfen wollte ich sie nicht, weil sie vor 35 Jahren ein Geschenk meines Ehemanns war.“ Heinz Schauberer hat die Uhr wieder hingekriegt - das Handwerk dazu hat sich der frühere Landwirt angeeignet. „Ich bin sozusagen Hobby-Uhrmacher“, sagt er und lacht.

Die Auswertung vom jüngsten Repair-Café liegt noch nicht vor, aber in den sieben Veranstaltungen davor haben die Tüftler und Schrauber an 225 Gegenständen gearbeitet - „davon waren 39 nicht mehr reparabel“, berichtet Initiatorin Gabriele Henkel. „Die Besucher erzählen, dass sie keine Lust mehr haben, neue Geräte zu kaufen, die schnell kaputt gehen, oft schon direkt nach der Garantiezeit“, sagt sie und gibt an die Industrie eine Forderung weiter, die sie im Repair-Café oft hört: „Es sollte in besserer Qualität produziert werden.“

  • Das nächste Repair-Café findet statt am Samstag, 28. März, von 14 bis 18 Uhr in der Gemeindehalle Cölbe. Internet: www.repaircafe-coelbe.de

von Carina Becker

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