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Allein und doch in toller Gemeinschaft

Minderjährige Flüchtlinge Allein und doch in toller Gemeinschaft

Es gibt sie, die Oasen des Glücks im Unglück. Plätze, die Sicherheit und Gemeinschaft bieten sowie die Chance auf Bildung undIntegration. Die Wohngruppen des Kinderheims Schwieder gehören dazu.

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Die selbst gebaute Torwand wird sicher am Samstag genutzt werden. Gruppenleiter Babacar Fall (links) und Miguel Barreda freuen sich auf das Fest in der Gebrüder-Plitt-Straße 66.

Quelle: Götz Schaub

Wetter. In den Wohngruppen des Kinderheims Schwieder leben minderjährige Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern und Kontinenten, die entweder alleine unterwegs waren oder während der Flucht nach Europa von der Familie getrennt wurden. Es sind Kinder, die all das erleben mussten, was sich Eltern für ihre Kinder nicht wünschen: Krieg, Vertreibung, Trennungsschmerz und noch andere schlimme Dinge. „In der Regel sind die Kinder traumatisiert“, sagt Babacar Fall, Gruppenleiter der Wohngruppe in Wetter.

Domizil steht mitten in einer Siedlung

Die Wohngruppe in Wetter ist die erste im Landkreis Marburg-Biedenkopf, und eine von insgesamt fünf der gemeinnützigen Einrichtung Kinderheim Schwieder. Die anderen vier liegen in und bei Frankenberg im Nachbarkreis. Angegliedert sind dann noch zwei Gruppen für betreutes Wohnen, wovon eine in Marburg beheimatet ist. Dort leben ehemalige Mitglieder der Wohngruppen, die dafür zu alt geworden sind, aber noch nicht alleine ihren Lebensweg fortsetzen. Das Domizil der Wohngruppe in Wetter steht mitten in einer Siedlung, ein ganz normales Haus. Und für die Nachbarn sind die Bewohner schon lange auch ganz normale Mitbürger.

„Wir sind offen und suchen Kontakte. Das hilft, Beziehungen aufzubauen und Ängste auf beiden Seiten zu nehmen“, sagt Fall. Als die Wohngruppe 2013 in Wetter eingerichtet wurde, „sind wir bei allen Nachbarn gewesen und haben uns vorgestellt und gesagt, dass wir immer ansprechbar sind, wenn es irgendwelche Probleme geben sollte“.

Die Reaktionen waren nach seinen Worten sehr positiv. Manche Nachbarn haben den offenen Kontakt direkt erwidert, andere zeigen durch freundliche Gesten, dass ihnen die Jungs in der Nachbarschaft willkommen sind. „Da steht dann mal eine Schüssel Salat vor der Tür“, nennt Fall ein Beispiel. Derzeit leben in der Gruppe zwölf Kinder aus afrikanischen Staaten, unter anderem aus Somalia und Eritrea.

Babacar Fall ist selbst Afrikaner, stammt aus dem Senegal. Er hat studiert, spricht perfekt deutsch. Er ist stolz auf seine Jungs, denn diese wissen das Glück, das sie hier erfahren haben, sehr zu schätzen. Sie gehen auf verschiedene Schulen, sind in Sportvereinen engagiert und lernen, lernen, lernen. Natürlich auch Deutsch. Nicht nur in der Schule, sondern nachmittags zusätzlich zu Hause. „Das ist für sie noch mal richtiger Unterricht“, sagt Fall.

Fest als eine Möglichkeit der Begegnung nutzen

Dazu haben sie eigene Räume. Neben den Schlafzimmern, der Küche und dem großen Wohnzimmer gibt es noch weitere „Themenräume“. Etwa den Computerraum und einen Fitnessraum mit einigen Sportgeräten. An der Tür der Speisekammer hängt immer ein Zettel. Darauf schreiben die Kinder, was sie sich zu essen wünschen, was unbedingt nachgekauft werden muss, weil es zur Neige geht oder nicht mehr da ist. „So lernen sie, an ihrer Versorgung aktiven Anteil zu haben“, sagt Fall. Die Kinder werden medizinisch wie auch pädagogisch betreut. „Und sie sind alle sehr fleißig. Sie wollen etwas erreichen. Das spürt man“, freut sich der Gruppenleiter. In den Sommerferien beispielsweise hing niemand einfach so zu Hause rum. Alle bemühten sich um Praktikumsplätze, Ferienarbeiten. Alle wollen mindestens den Hauptschulabschluss schaffen, gerne auch mehr.

Vier Prüfungen wurden schon geschafft. Und ja, es gibt auch für die Zeit nach der Schule Möglichkeiten und auch konkrete Angebote von ausbildenden Firmen.

Kinder brauchen auch mal Zeit für sich

„Wenn sie die Jungs kennen und wissen, dass sie verlässlich und lernwillig sind, ist das schon eine gute Basis, es gemeinsam zu versuchen“, findet Fall. Doch auch für fleißige Kinder hat der Tag nur 24 Stunden und natürlich brauchen sie auch mal Zeit für sich, zum Nachdenken, Abschalten und „Chillen“, wie man heutzutage sagt. Diese Freiräume nehmen sie sich dann auch. Die Kinder können also auch mal für sich sein, aber alleine sind sie nie. Zum einen gibt es natürlich über Schule und Vereine viele soziale Kontakte, zum anderen auch innerhalb der Gruppe. Und dann sind da natürlich noch die Betreuer. „Einer ist immer rund um die Uhr da und übernachtet auch im Haus“, sagt Fall. Miguel Barreda steht als Pädagogischer Leiter immer beratend zur Seite.

Erfolge bei Nachforschungen bleiben die Ausnahme

Sicher wird auch alles unternommen, den Kindern dabei zu helfen, Familienmitglieder wiederzufinden. Die Nachforschungen gestalten sich indessen meist sehr schwierig, Erfolge bleiben die Ausnahme.

 Am Samstag, 12. September, lädt die Wohngruppe zu einem großen öffentlichen Fest ein. Es heißt „HängenImGarten“ und soll rund um das Haus in der Gebrüder-Plitt-Straße 66 gefeiert werden. Es gibt diverse Musikdarbietungen, aber auch eine Podiumsdiskussion zum Thema des Festes, das da lautet „Für Toleranz und Inklusion, gegen Diskriminierung“.

14 Uhr: Beginn und Begrüßung, 15 Uhr: Podiumsdiskussion, 16 Uhr: Musik mit „Miss Lily“, 17 Uhr: Bauchtanz mit Dilara Amarin, 17.45 Uhr: Trommelband Amadabo, 18.40 Uhr: Reggae mit Oggie Lauer, 19.45 Uhr: „Botgos“ Kinderheim Schwieder Band.

Zudem gibt es eine Hüpfburg und Kinderschminken und andere Angebote. Die Einladung richtet sich an alle Nachbarn, alle interessierten Wetteraner und sonstige Interessierte.

von Götz Schaub

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