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800 Euro für übersehene Grußkarte

Verfahren gegen Marktleiter 800 Euro für übersehene Grußkarte

Im Prozess gegen die beiden Rewe-Marktleiter aus Wetter gingen die Vernehmungen vor Gericht weiter. Eine Kundin, die 800 Euro zahlte, um eine Anzeige zu vermeiden, sagte aus.

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Vor dem Marburger Landgericht wird der Prozess gegen die Marktleiter am 12. Juni fortgesetzt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. . Etwas unergiebig verlief die Befragung eines 29-jährigen Kaufmannes, der seit 2007 in den Rewe-Märkten in Wetter und Marburg als Marktleiter tätig ist. Deckten sich seine Aussagen bezüglich der Vorgehensweise, wenn jemand als Ladendiebe ertappt wurde, noch weitgehend mit denen, die der Kaufhausdetektiv am zweiten Verhandlungstag gemacht hatte, so konnte er sich an Einzelheiten konkreter Fälle kaum erinnern.
Insbesondere nicht an solche aus dem Fall des 83-Jährigen, der 2009 ein Messer gestohlen haben und dafür 300 Euro zahlen sollte, um eine Anzeige zu vermeiden. Die Oberhessische Presse hatte damals darüber
berichtet, das Ganze endete mit einer Entschuldigung der

Rewe-Bezirksmanagerin bei dem Mann samt Rückgabe der angezahlten 50 Euro und einem zusätzlichen Präsent.
Wenn man einen Stammkunden beim Diebstahl ertappe, führe man mit diesem ein persönliches Gespräch. Oft würde der Kunde selbst darum bitten. An dem Gespräch mit dem älteren Herrn habe sich außer ihm auch die angeklagte Markleiterin beteiligt, allerdings könne er es „kaum rekonstruieren“, sagte der 29-Jährige aus. Es sei darum gegangen, wie hoch der Warenwert sein könnte, falls der Kunde schon öfter geklaut habe. Vielleicht 300 bis 400 Euro, habe dieser gesagt.

Viele Fragen, kaum Antworten

Man habe sich dann auf 75 Euro Bearbeitungsgebühr und 225 Euro geeinigt. „Aus Unwissenheit habe ich damals die 75 Euro, mit denen die Fangprämie angegeben war, durchgestrichen und 300 Euro hingeschrieben“, erklärte der Zeuge. Im Nachhinein sei er belehrt worden, dass das nicht so deklariert hätte werden dürfen, weil es eine unverhältnismäßig hohe Fangprämie gewesen sei. Die Schuldanerkennung hätte über einen Notar laufen müssen.
Auf die Frage von Staatsanwalt Sebastian Brieden wusste der Zeuge nicht zu sagen, ob er den älteren Herrn selbst geschnappt habe und ob er beim ersten oder zweiten Gespräch dabei war. Warum die Anzeige gegen den Mann erst dreieinhalb Wochen nach der Tat an die Polizei gefaxt
wurde, wusste er auch nicht.

Später kam es zur Entschuldigung der Rewe-Bezirksmanage­rin, der beschuldigte Kunde erhielt seine angezahlten 50 Euro zurück sowie einen Präsentkorb. Zur Überreichung war der Zeuge mitgekommen, allerdings konnte er sich an nichts erinnern, auch nicht, ob der Vorfall Konsequenzen für ihn hatte.
Die Vorsitzende Richterin Nadine Bernshausen nahm ihm das nicht ab, schließlich komme so etwas nicht jeden Tag vor: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass über den Zeitungsbericht nicht gesprochen wurde. Und dann gehen Sie mit einem Präsentkorb zu dem Kunden, der doch die 300 Euro zahlen wollte, und entschuldigen sich dafür. Kommt Ihnen das nicht seltsam vor?“ Auch auf die Frage eines der drei Verteidiger an den Zeugen, ob die Rewe-Zentrale ihn gedrängt habe, zum Kunden mitzugehen, wusste dieser keine Antwort.

Wesentlich mehr Erinnerungen hatte die zweite Zeugin, eine 47-jährige Bäckereifachverkäuferin, die selbst eine Zeitlang eine Aldi-Filiale geleitet hatte, zur Zeit des Vorfalls aber beschäftigungslos war. Sie wusste genau den Wochentag und die Uhrzeit, zu der sie vor über drei Jahren hinter der Kasse vom Detektiv auf eine Grußkarte angesprochen wurde, die sie nicht bezahlt hatte. Zuvor hatte sie ihre Kinder zur Singstunde gebracht und war in Eile, weil sie sie wieder abholen musste.
Die Karte habe sie, vielleicht unter ihrem Einkaufskorb oder einem Prospekt, übersehen. Im Büro kontrollierte der Detektiv den Einkauf, sie habe die Karte bezahlen wollen, aber er habe gleich gesagt, es gebe eine Anzeige – und sie habe ein Formular ausfüllen müssen. Wenn es nicht anders gehe, dann unterschreibe ich, habe sie gesagt. Ein ebenfalls anwesender Verkäufer bat sie zu einem Gespräch am nächsten Morgen. Dabei hätten die beiden Angeklagten ihr angeboten, keine Strafanzeige zu erstatten, wenn sie eine Geldprämie in Höhe von 800 Euro zahle. Die Raten von monatlich 50 Euro sollte sie im Markt bei den beiden Männern abgeben. „In so einem kleinen Ort gibt es Getratsche. Ich wollte nicht, dass sich herumspricht, dass ich eine Karte unterschlagen hätte, dann wollte ich das lieber so machen.“
Am nächsten Tag sei sie von der Angeklagten zusammen mit einer weiteren Frau, die wohl auch beim Ladendiebstahl erwischt worden sei, zu einem Notar gefahren worden, wo sie ein Schuldanerkenntnis über 800 Euro an den Rewe-Markt unterschrieb.

Dieses beinhaltete auch die Unterwerfung unter eine Zwangsvollstreckung sowie den Verzicht auf sämtliche Einwendungen, ergänzte die Richterin aus der Akte. Sie habe die Summe in einer Rate zu 400, weil sie es schnell hinter sich bringen und nicht gesehen werden wollte, und weiteren zu 50 Euro jeweils bar bezahlt und sei nicht angezeigt worden, sagte die Zeugin. Allerdings habe sie jeden Monat, wenn sie sich im Markt meldete, das Gefühl gehabt, dass die Angestellten über sie Bescheid wüssten, obwohl ihr versprochen worden
war, dass es unter den Beteiligten bleibe, las Staatsanwalt
Brieden aus ihrer polizeilichen Aussage vor.
Rechtsanwalt Julian Heiss wollte von der Zeugin wissen, warum sie nicht protestiert
habe. Ob ihr die öffentliche Meinung, das Verhindern von Tratsch, so viel wert gewesen sei. Das bestätigte die Zeugin – sie habe an ihre berufliche Zukunft gedacht.
Die Verhandlung wird am 12. Juni ab 10.30 Uhr im Raum 154 im Amtsgericht Marburg fortgesetzt.

von Manfred Schubert

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