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150 Menschen laufen Lahndeiche ab

Hochwasserschutz 150 Menschen laufen Lahndeiche ab

„Das ist fast wie Grenzgang“, freute sich Lahntals Bürgermeister Manfred Apell während des Deichspaziergangs am Freitag. Mit Programm davor und danach war es ein richtiges Fest für den Hochwasserschutz.

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Spaziergang auf dem Deich – entlang der Straße An der Brücke liefen die Teilnehmer bis zum Otto-Ubbelohde-Haus.

Quelle: Carina Becker

Sarnau. „Wir sind froh, wenn wir in zehn Jahren auch soweit sind“, sagt Siegfried Koch vom Ortsbeirat Roth. Er gehört zu den 150 Menschen, die am Freitag gemeinsam mit Sarnauer Bürgern und vielen Ehrengästen die Lahndeiche ablaufen, die die Gemeinde nach jahrelanger Vorbereitung in den vergangenen Monaten gemeinsam mit dem Regierungspräsidium hat bauen lassen. Auch Roth will sich besser vor Hochwasser schützen - doch steht der Ortsteil der Gemeinde Weimar noch weit am Anfang seiner Bemühungen.

Die Gemeinde Lahntal hat mit der Fertigstellung der neuen Lahndeiche indes ein echtes Großprojekt abgeschlossen, das im vergangenen Jahrzehnt viel Durchhaltevermögen und hohe Investitionen gefordert hat. Bei einer Landesförderung von knapp 1,1 Millionen musste die Gemeinde über die Jahre selbst knapp 3,3 Millionen Euro investieren in Planung, Grunderwerb und schließlich in die Bauarbeiten. „Die meisten anderen überstehen diese Zeit nicht und die Projekte verlaufen dann im Sande - es erfordert Stehvermögen, so etwas durchzuhalten bis zum Abschluss“, würdigt Dr. Walther Grohmann, dessen Büro die Ingenieursarbeiten für den Deichbau erbrachte, die Leistung der Gemeinde. Er selbst war sehr zufrieden, dass die Arbeiten innerhalb eines Jahres über die Bühne gingen, „und eine Kostenüberschreitung von nur zehn Prozent ist ebenfalls ein gutes Ergebnis“. Entstanden seien die Zusatzkosten vor allem durch übermäßigen Regen, „das Gelände musste gekalkt und entfeuchtet werden“.

Die Gemeinde Lahntal feiert in Sarnau Abschluss ihres 4,4-Millionen-Projekts zum Hochwasserschutz mit einer Wanderung auf den Deichen.

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Während des Deichspaziergangs sehen die Teilnehmer am Freitag mit eigenen Augen, was in Sarnau entstanden ist. Vom Tuchplatz an der Rosenstraße geht es über die Straße An der Bücke und den Otto-Ubbelohde-Weg bis zur Straße Am Damm und schließlich zurück zum Tuchplatz. Unterwegs gibt es viele Grußworte und Erläuterungen zum Deichbau.

An der Pegelstation in der Straße An der Brücke blickt Regierungspräsident Dr. Lars Witteck zurück auf die vergangenen zehn Jahre. 235 Millionen Euro habe das Land Hessen in dieser Zeit in den Hochwasserschutz investiert, und das Regierungspräsidium Gießen mit seinem Hochwasserlage-Zentrum arbeite daran, die Flüsse nach und nach mit solchen Pegelstationen auszurüsten, wie Sarnau nun bereits eine hat. „So können wir früher warnen, wenn sich ein Hochwasser abzeichnet.“

Nach einem Stück Fußmarsch gelangen die Deichspaziergänger zum Otto-Ubbelohde-Haus und erholen sich dort im Schatten der Bäume ein wenig von der Nachmittagshitze. Die Gemeinde Lahntal versorgt die Deichwanderer mit kühlen Getränken und frischem Kuchen. Bürgermeister Apell erzählt dazu die Geschichte des Deichbaus und seiner ersten eigenen Hochwasser-Erfahrung an der Lahn.

Vom idyllischen Flüsschen zum reißenden Hochwasser

Als er 1983 nach Kernbach gezogen sei, „freute ich mich über das Idyll und darüber, dass ich zu Fuß durch die Lahn laufen konnte, dann, einige Monate später, war in Sarnau Land unter“.

Apell spricht über das Hochwasser 1984 - vielen Hessen ist es im Gedächtnis geblieben. „Es entstanden große Schäden, die Betroffenen mussten sich selbst helfen - und die Gefahr blieb.“ Die Gemeinde Lahntal begann schon damals mit Projekten zum Hochwasserschutz, in Sterzhausen beispielsweise, wo Retentionsflächen entstanden sind, um der Lahn mehr Raum zu geben. „Das sind Dinge, die sich bei Hochwasser mindernd auswirken.“

Doch das größte Projekt, der Deichbau in Sarnau stand erst noch bevor. „Dabei haben wir ein Werk, das schon vor 100 Jahren entstanden ist, nur überarbeitet“, erklärt Apell. „Die Deiche wurden damals schon in erstklassiger Qualität gebaut, aber sie hatten sich gesenkt - und Hochwasser tritt heutzutage schwerwiegender auf als damals.“ Deshalb ließ die Gemeinde die Deichkrone anheben. Der alte Deich südlich der Lahn musste dafür komplett weichen und neu aufgetragen werden. Der Deich nördlich der Lahn wurde zurückgesetzt.

Von der Baustelle zum blühenden Biotop

Noch sind die Spuren der Bauarbeiten sichtbar und der Raum zwischen Lahn und Deich sieht recht karg aus, „doch schon bald wird sich der Lahnvorraum in ein blühendes Biotop verwandeln“, freut sich Apell.

Auch Landrätin Kirsten Fründt nutzt die Pause am Ubbelohde-Haus, um über den Hochwasserschutz zu sprechen. Sie würdigt die Gemeinde Lahntal dafür, dass sie das Projekt Deichbau gestemmt hat. „Man macht ja lieber Sachen, mit denen man glänzen und gefallen kann - hier ist viel Geld in Erdarbeiten geflossen, deshalb ist es gut, dass wir die Deiche heute ablaufen und so auch sehen können, was entstanden ist“, sagt sie und verweist darauf, dass auch die Menschen lahnabwärts bei einem Hochwasser profitieren werden von dem, was in Sarnau gebaut worden ist.

„Wie gut, dass die Deiche erneuert worden sind“, findet Heinrich Sause, 86 Jahre alt und in Sarnau daheim. Er hat einige Hochwasser miterlebt, „einmal wäre ich sogar fast ertrunken“, erzählt er. Ein weiterer Sarnauer stimmt ihm zu. Der 68 Jahre alte Günther Wellnitz wohnt direkt am Tuchplatz unweit der Lahn. „Bei mir stand das Hochwasser auch schon in der Garage - gut, dass wir jetzt besser geschützt sind davor.“

von Carina Becker

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