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13 Stolpersteine gegen das Vergessen

Gedenken an jüdische Mitbürger 13 Stolpersteine gegen das Vergessen

Über Spenden finanziert wurden gestern in Bürgeln bei strömenden Regen vom bekannten Kölner Bildhauer Gunter Demnig Stolpersteine verlegt, die an die Schicksale jüdischer Mitbürger erinnern sollen.

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Der Künstler Gunter Demnig legt Wert darauf, alle Stolpersteine selbst zu verlegen, Mitarbeiter des Bauhofs entfernten die Bruchstücke aus dem Gehweg.

Quelle: Götz Schaub

Bürgeln. Es waren Menschen wie du und ich. Einheimische, in diesem Fall Bürgelner. Deutsche. Deutsche jüdischen Glaubens. Letzteres wurde ihnen, für sie selbst wohl völlig überraschend, in ihrer eigenen Heimat nach der Machtergreifung der Nazis zum mitunter tödlichen Verhängnis. Plötzlich war das bekannte, geliebte Leben ausgelöscht. Mitmenschlichkeit wurde von Angst, aber möglicherweise auch von neuen Überzeugungen, ausgeschaltet.

„Ich kann heute aus einer geschützten Position heraus nicht sagen, man hätte dagegen aufstehen müssen. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich damals gelebt und gesehen hätte, was die anderen tun, immer mit dem Bewusstsein selbst Opfer zu werden, weil man Juden geholfen  hat“,  sagte Cölbes Bürgermeister Volker Carle ganz ehrlich heraus.

Zeichen gegen das Vergessen setzen

Doch mit dem Wissen von heute sollte klar sein, dass sich so etwas nie mehr wiederholen dürfe, so Carle weiter. Deshalb gelte es, Zeichen zu setzen gegen das Vergessen jener Schicksale von Menschen, die einst Nachbarn und Freunde waren, fester Bestandteil einer Dorfgemeinschaft, sagte zudem Bürgelns Ortsvorsteher Jörg Block entschieden.

Er kündigte an, dass auch im Bürgerhaus eine Gedenktafel aufgestellt wird, die mehr Informationen zu den einst in Bürgeln heimischen jüdischen Familien transportieren soll. Carle und Block dankten Hans Junker, der die Geschichte jüdischer Familien aus Bürgeln aufgearbeitet hat und schließlich auch die Idee für die Stolpersteine entwickelte. Die Gemeinde Cölbe, das Parlament und – ganz wichtig – der Ortsbeirat von Bürgeln sicherten ihm dabei jegliche Unterstützung zu.

Gunter Demnig bringt 13 Stolpersteine mit

Und so war gestern der Tag, an dem den jüdischen Mitbürgern, die vor den Nazis geflohen oder gar getötet wurden, ein ganz besonderes Denkmal gesetzt wurde. Insgesamt 13 Stolpersteine vor den drei Häusern, in denen sie lebten.
Die jetzigen Bewohner der Häuser zeigten sich ebenfalls mit der Aktion einverstanden. Und so verrichtete der Künstler Gunter Demnig einmal mehr im Landkreis Marburg-Biedenkopf, aber zum ersten Mal in Bürgeln sein Werk und baute gestern Vormittag die Stolpersteine ohne Verzögerung, also bei strömenden Regen im Gehweg ein. Und die Bürger, die gekommen waren, harrten ob des Regens aus und ließen sich auch tropfnass von Hans Junker und Ernst Fehler Einblicke in das Leben der jüdischen Familien aus Bürgeln geben.

Es war nicht so, dass sie niemand mehr gekannt hätte. Unter den Gästen war beispielsweise Anna Busch, eine gute Freundin von Irmgard Wertheim, die 1939 mit ihren Eltern nach England floh und heute in Baltimore in den USA lebt.  Anna Busch und Irmgard Wertheim stehen freundschaftlich in Kontakt, sahen sich mehrfach wieder, etwa  als Irmgard Wertheim zwischen 1988 und 1998 dreimal Bürgeln besuchte.

Irmgard Wertheim sendete per Brief Grüße, die verlesen wurden. Neben Spendern und Paten der Stolpersteine waren auch Dekan Hermann Köhler, Pfarrer Dr. Alexander Prieur und Pfarrerin Berit Hartmann sowie Amnon Orbach, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Marburg, anwesend. Letzterer betete in Gedenken den Kaddisch, das jüdische Totengebet.

Gedenken an die Familien Wertheim und Hess

Die Stolpersteine erinnern vor der Marburger Landstraße 34 an Frieda Wertheim, Jahrgang 1877, die 1942 in Treblinka ermordet wurde. Vor der Ohmtalstraße 3 an Betty Wertheim, die 1942 in Polen ermordet wurde, Frieda Wertheim, Jahrgang 1884, die 1942 in Treblinka ermordet wurde, sowie an Irmgard, Isidor und Berta Wertheim, die nach England flohen, und Erich Wertheim, der in die USA floh. Vor der Ohmtalstraße 7 liegen Steine für Albert, Erna, Fritz, Berta und Martin Hess, die in die USA flohen, sowie für Jettchen Wertheim, die 1942 in Treblinka von den Nazis ermordet wurde.

von Götz Schaub

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