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Köderfunde verunsichern Hundehalter

Tierschutz Köderfunde verunsichern Hundehalter

Giftköder auf Gassigeh-Strecken? Anwohner in Cappel fürchten derzeit um die Gesundheit ihrer Hunde. Das Tierheim ist alarmiert, die Behörden weitgehend machtlos.

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Wie in diesem gestellten Foto präparieren immer wieder Hunde-Hasser Wurst mit Klingen oder Gift und legen sie an Spazierstrecken aus. Auch im Cappeler Feld wurde im vergangenen Jahr ein Köder mit einer versteckten Rasierklinge gefunden.

Quelle: Philipp Lauer

Marburg. Rosenkohl-Haufen, Bratwürste, Hackfleischbällchen: Sonja Fischer entdeckte Verdächtiges in den vergangenen Tagen auf den Spazierwegen rund um die Cappeler Gleiche und dem nahen Waldgebiet. Unter Laub versteckt, waren mehrere der Lebensmittel nur für Tiere auffindbar. „Ich finde­ das ungewöhnlich und mache mir Sorgen, dass da etwas Gefährliches drin ist“, sagt Fischer. Sie nahm die Essensreste mit, fand darin zwar keine Rasierklingen oder andere Fremdkörper oder Verfärbungen, die auf Gift hindeuten. Aber ohne fachmännische Untersuchung, die privat zu bezahlen wäre und Hunderte Euro kostet, bleibt das unklar.

Die regelmäßigen Meldungen auf Facebook, die von Ködern in der Region berichten, verunsichern viele Hundehalter, sagt Stefanie Hecklinger vom Tierheim in Cappel. Dass in der letzten Zeit tatsächlich jemand zu Schaden gekommen sei, ist ihr jedoch nicht bekannt. „Manche gehen nur noch mit Maulkorb Gassi, damit der Hund nichts aufnehmen kann“, berichtet Hecklinger. Diese Art der Sicherheitsvorkehrung stelle für den Hund jedoch eine unangenehme Situation und keine Lösung des Problems dar. Manche Hundeschulen bieten auch spezielle Trainings an oder gehen zumindest in ihren Kursen auf das Thema ein (siehe unten).

Nach OP-Informationen gab es vor kurzem fast identische Funde nahe der Straße im Sohlgraben, viele Hundebesitzer sind zudem seit Jahren speziell im Cappeler Feld, wo immer wieder Giftköder vermutet werden, vorsichtig.

Verstöße gegen das Tierschutzgesetz

Im vergangenen Jahr wurde ein Köder mit Verdacht auf Fremdkörper beim Veterinäramt des Landkreises abgegeben, berichtet Stephan Schienbein, Sprecher des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Die Untersuchung im Landeslabor Hessen in Gießen bestätigte den Verdacht ­allerdings nicht. „Der Kreis hat leider keine direkte Möglichkeit, das Auslegen von Giftködern oder Ködern mit Fremdkörpern zu verhindern. Verdächtige Beobachtungen sollten der Polizei oder dem Fachdienst Veterinärwesen und Verbraucherschutz des Kreises gemeldet werden“, sagt Schienbein. Auch das Ordnungsamt der Stadt Marburg hat vergangenes Jahr einen Hinweis auf Lebensmittel mit versteckten Rasierklingen erhalten, sagt Sabine Preisler, Sprecherin der Stadtverwaltung. „Die Rasierklinge wurde in einem Erdloch im Cappeler Feld gefunden. Es ist allerdings nicht klar, wie lange die Rasierklinge dort schon lag“.

Immer wieder legen Hunde-Hasser deutschlandweit Giftköder aus, zuletzt wurden mehrere Fälle im Frankfurter Stadtwald bekannt. In der Kriminalstatistik werden die Delikte als Verstöße gegen das Tierschutzgesetz erfasst, teils auch als Sachbeschädigung. Bei den Vergehen ­gegen den Tierschutz haben die Ermittler zuletzt rund 7000 Fälle erfasst - eine seit Jahren leicht steigende Zahl. Um welche konkreten Fälle es sich dabei handelte, lässt sich aus der Kriminalstatistik jedoch nicht ableiten.

Die von Hundehaltern betriebene Internetseite www.giftkoe­der-radar.de listet aktuelle Gefahrenstellen in Deutschland auf, in Marburg findet sich aber derzeit kein Eintrag auf der auf Bürger-Hinweise angewiesenen Seite.

Sollten verdächtig erscheinende Köder aufgefunden werden, kann Kontakt mit dem Fachdienst Veterinärwesen und Verbraucherschutz des Kreises aufgenommen werden. Die verdächtigen Köder können dort auch zur weiteren Untersuchung abgegeben werden. Telefon 06421/4056601.

von Philipp Lauer
und Björn Wisker

„Beim leisesten Verdacht sollte man zum Tierarzt gehen“

Judith Dresselmann ( Privatfoto) betreibt die Hundeschule Lahntal. In ihren Kursen geht sie auch auf das Thema Giftköder ein. „Wenn die Halter keinen Einfluss auf ihren Hund nehmen können, bringt das beste Anti-Giftköder-Training nichts. Wenn wir allerdings an der Basis arbeiten,auf eine gute Kontrolle des Hundes, Leinenführung und Orientierung am Halter achten, haben wir eine Chance“, sagt Dresselmann. Im OP-Interview gibt die Hundetrainerin Tipps zum Thema.

OP:  Was sind Anzeichen für eine Vergiftung?
Judith Dresselmann: Da gibt es viele Symptome, die auch je nach Vergiftung unterschiedlich sein können. Verdächtig sind starker Speichelfluss bis hin zum Schäumen, Bauchschmerzen, Durchfall, Erbrechen. Unklare Blutungen im Erbrochenen, im Kot oder im Urin, Fieber, starke Aufregung oder Teilnahmslosigkeit, Herzkreislaufbeschwerden, Atemprobleme bis hin zur Atemnot, schwankender oder steifer Gang.

OP: Was können Hundehalter beim Verdacht auf eine Vergiftung tun?
Dresselmann: Beim leisesten Verdacht mit dem Hund zum Tierarzt gehen. Eigenmaßnahmen kosten nur unnötige Zeit und sollten vermieden werden.

OP: Wie kann man vorbeugen, dass ein Hund etwas aufnimmt?
Dresselmann: Es gibt keine Garantie – aber die Chancen stehen besser, dass er etwas nicht frisst, wenn der Grundgehorsam stimmt. Der Hund sollte sich am Menschen orientieren – nicht umgekehrt – und abrufbar und kontrollierbar sein. Wenn er sich an der Leine nicht benimmt, macht er es auch abgeleint nicht. Eine gute Führung ist wichtig. Der Hund sollte auf den Menschen als Entscheidungsträger vertrauen können. Auch der Radius, den ein abgeleinter Hund einnimmt, macht etwas aus. Ein Hund, der sich nicht weit vom Menschen entfernt, der den Menschen wahrnimmt und kontrollierbar ist, wird wahrscheinlich auch weniger auf die Idee kommen, alles vom Boden aufzunehmen. In der Anti-Giftköder-Prävention wird auch gelernt, Dinge vom Boden als Tabu zu erklären und das Verhalten umzulenken.

OP: Was sollte man mit einem verdächtigen Fund machen?
Dresselmann: Auf jeden Fall mitnehmen, auch zur Vorbeugung. Wenn der Hund schon davon gefressen hat und Symptome einer Vergiftung zeigt, kann der Tierarzt ihm besser helfen, wenn er weiß, was gefressen wurde.

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