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Zwischen wolkig und wortkarg

Japan-Reise Zwischen wolkig und wortkarg

Knapp sechs Wochen nach der Japan-Reise von Landrätin Kirsten Fründt (SPD) und ihrer Delegation haben die Asien-Reisenden im Ergebnis wenig Konkretes vorzuweisen – und geben nur zurückhaltend Auskunft.

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Zwei Praktika in Japan sind eines der Ergebnisse der zurückliegenden Dienstreise. Sie wurden nicht öffentlich vergeben, sondern aufgrund persönlicher Kontakte des Reiseleiters.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ein Monat war seit der Rückkehr von Kirsten Fründt (SPD) und Reisedelegation aus Japan vergangen, als die Landrätin in der Kreistagssitzung vor knapp zwei Wochen den Reise­bericht vorlegte. Knapp 20 Seiten voller Reiseeindrücke, mit Fotos reich illustriert, dazu ein Vorwort der Landrätin, das Wichtigkeit und Sinnhaftigkeit eines deutsch-japanischen Austauschs in den Mittelpunkt rückt – vor allem beim Thema Energiewende.

Der Reisebericht war mit Spannung erwartet worden. Schließlich hatte Fründt mit der kosten- und zeitaufwändigen Reise, von der die Öffentlichkeit erst bei Reisebeginn erfuhr, Schlagzeilen gemacht. Die OP hat sich näher mit den Ergebnissen des Asien-Aufenthalts befasst und den Kreis dazu in den zurückliegenden Tagen wiederholt befragt. Die Antworten fielen teils wolkig, teils wortkarg aus, ließen vieles offen – und manche Fragen blieben auch unbeantwortet.

Ergebnis: Zwei Praktikumsplätze in Japan

Als konkretes Ergebnis der Reise wurden zwei Praktikumsplätze in Japan aufgeführt. Dazu heißt es in dem Bericht, ein  Schreiner aus dem Landkreis werde die Möglichkeit erhalten,  drei Monate in einer der von der Delegation besuchten Schreinerei in Kuzumaki zu arbeiten. Darüber  hinaus  dürfe ein Studierender aus Marburg auf der Farm Kuzumaki Kogen Bokujo ein mehrmonatiges Praktikum absolvieren. Dazu führte der Kreis auf OP-Nachfrage aus: „Durch die bereits seit längerem bestehenden Kontakte wurden die Rahmenbedingungen geschaffen, die jetzt durch den Besuch in Japan dahingehend konkretisiert werden konnten, dass die beiden Praktika realisiert werden können.“

Um die Praktika bewerben könne man sich nicht, es gebe keine Ausschreibung oder Ähnliches, teilte der Kreis mit. Zu den Konditionen der Praktikumsplätze könne man nichts sagen, weil dies nicht in den Zuständigkeitsbereich des Kreises falle. Es seien „individuelle Vereinbarungen zwischen den Betrieben in Japan und den betreffenden Personen aus Deutschland“ getroffen worden. Vom wem, das ließ der Kreis offen, führte stattdessen aus, dass ihm bei der Sache keine unmittelbare Funktion zukomme. Schließlich teilte die Pressestelle mit, man verweise  „auf die bereits gegebenen Antworten, die den Sachverhalt hinreichend erläutern“.

Wenn es keine Ausschreibung und kein Bewerbungsverfahren oder Ähnliches gibt, wie kamen die Praktika dann an den Mann? Dazu erklärte der Kreis: „Hintergrund sind die direkten Gespräche mit Partnern in Japan auf der einen Seite und Informationen beziehungsweise Kontakten des Reiseleiters.“ Dieser verfüge über vielfältige Verbindungen und Erfahrungen im Zusammenhang mit Japan, verwies der Kreis auf die Kompetenz des japankundigen Marburgers Jörg Chylek, den die Kreis-Delegation als Reiseleiter mitgenommen und für seine Leistung auch entschädigt hatte. Chylek ist SPD-Mitglied und betreibt in Marburg einen Laden.

Private Job-Vermittlung auf Kreis-Kosten

Auf welcher Grundlage wurden die beiden Japan-Praktika nun vergeben? „Es ergab sich die Chance, die bereits vorhandenen Interessenten und die Anbieter in Japan zusammenzuführen“, antwortete der Landkreis. Es handele sich dabei um zwei Männer aus Marburg. Und da der Landkreis nicht der Vertragspartner sei, „steht es uns nicht zu, die Namen der beiden öffentlich zu machen. Zudem können wir nicht ausschließen, dass die beiden Männer kein
Interesse daran haben, Bestandteil öffentlicher Berichterstattung zu werden“.

Mit der Vergabe der Praktika hat der Kreis seinen eigenen Ausführungen zufolge zwar nichts zu tun – dennoch geht er davon aus, dass die beiden mehrmonatigen Arbeitsangebote für „eine Vertiefung und Weiterentwicklung der bestehenden Kontakte und eine weitere und breitere Vernetzung“ sorgen. Finanzielle oder sonstige Unterstützung bekommen die Praktikanten nicht vom Kreis.

Im Ergebnisteil des Japan-Reiseberichts ist auch davon die Rede, dass ein Austausch von Auszubildenden und Berufsschulen mit Japan organisiert werde. „Erste praktische Umsetzungsschritte wurden bereits skizziert“, heißt es dort. Die OP fragte nach den Details. Der Kreis führte daraufhin aus, dass er derzeit prüfe, „ob und in welchem Rahmen neben den Verbindungen einer Marburger Schule auch ein engerer Kontakt und ein Austausch mit einer Schule im Landkreis möglich sind“. Der Hinweis auf Kontakte mit Berufsschulen wie im Japan-Bericht erwähnt, sei missverständlich. Es gebe im japanischen Schulsystem keine vergleichbaren Berufsschulzweige. Der Hinweis habe sich auf die Praktika bezogen.

Unklar, welcher Nutzen den Direktvermarktern entsteht

In dem Reisebericht geht es zudem um neue Ansätze für die Direktvermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse im Landkreis. Die Landkreis-Delegation habe in Japan „Hinweise für die Optimierung der Direktvermarktung“ gesammelt, lautet eine Formulierung in dem Reisebericht. Die OP fragte nach, was dies für die Direktvermarkter in den heimischen Dörfern und Städten bedeutet. Der Kreis antwortete, dass man dies noch nicht abschätzen könne. „Insbesondere die Zusammenarbeit verschiedener Anbieter landwirtschaftlicher Produkte bei der Entwicklung und Vermarktung neuer Produkte, der gemeinsame Vertrieb der Produkte verschiedener Hersteller und neue Präsentationsformen sind Aspekte, die wir auf Basis der Erkenntnisse, die in Japan gewonnen werden konnten, nun aus verschiedenen Perspektiven beleuchten werden.“

Die zehntägige Reise nach Japan mit fünfköpfiger Delegation, die Ende Mai bis Anfang Juni stattfand, kostete den Steuerzahler 11.000 Euro – somit 4000 Euro weniger, als der Kreis zunächst veranschlagt hatte.
Finanziert wird der Aufenthalt aus der für dieses Jahr mit 20.000 Euro ausgestatteten Partnerschaftskasse des Landkreises.

von Carina Becker

 
Standpunkt

Die dürftige Bilanz einer Dienstreise

Ist das alles? Zwei Praktika, die der Landkreis gar nicht selbst vermittelt und um die es keinen öffentlichen Wettbewerb gibt. Kontakte zu Schulen, die entstehen könnten. Eine Partnerschaft, die man in Betracht ziehen könnte, wenn man den Steuerzahlern mehr kostspielige Auslandsreisen auf Kreisebene zumuten möchte. Ideen für eine bessere Direktvermarktung, die man womöglich auch übers Internet, in anderen Bundesländern oder im Gespräch mit hiesigen Direktvermarktern hätte sammeln können. Und mögliche Geschäfte zwischen Firmen in Japan und im Kreis, sofern hiesige Betriebe interessiert sein sollten. Verklausuliert dargestellte Optionen und Absichtserklärungen – der Konjunktiv hat Hochkonjunktur.  Darüber hinaus kommt bei der Lektüre des Berichts von der Asien-Reise, die Landrätin Fründt nebst vier Begleitern auf Kosten des Kreises unternommen hat, nicht allzu viel herum. Manchem reicht das auch. Ein SPD-Kreistagsabgeordneter meinte am Rande der jüngsten Sitzung, dass die Reise schon lohnenswert gewesen sei, wenn nur ein heimischer Unternehmer dadurch einen neuen Impuls bekomme. Da muss man doch sehr stark hoffen, dass Wirtschaftsförderung im Landkreis ansonsten effektiver gestaltet wird. Und dass die Vorgaben in Hessen einmal so verändert werden, dass Landrats-Dienstreisen in dieser Größenordnung eine parlamentarische Entscheidung vorausgehen muss. Diese Debatten würden die Bürger sicher mit Interesse verfolgen. Dann könnte im Vorfeld entschieden werden, ob die Argumente für zehn steuerfinanzierte Tage am anderen Ende der Welt ausreichen.

von Carina Becker

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