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Zwischen Vergessen und Vergeltung

Friedens-und Konfliktforschung Zwischen Vergessen und Vergeltung

Wie kann nachhaltiger Frieden in ehemaligen Bürgerkriegsgesellschaften erreicht werden, fragt die Marburger Konfliktforscherin Professorin ­Susanne Buckley-Zistel.

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Eine bosnische Muslimin betet am 11. Juni 2007 anlässlich des 12. Jahrestages des Srebrenica-Massakers auf einem Gedenkfriedhof in Srebrenica für die Opfer.Archivfoto

Quelle: A2800 epa Demir

Marburg. „Kaum ein Friedensvertrag wird unterzeichnet, kaum ein Diktator wird gestürzt und kaum eine repressive Regierung wird entmachtet ohne den Aufruf, die Wahrheit über vergangene Menschenrechtsverbrechen aufzudecken und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen“, berichtet die Marburger Professorin Susanne Buckley-Zistel. Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit in Bürgerkriegsgebieten in Afrika oder auf dem Balkan habe sich ausgehend von den Bemühungen von Menschenrechtsorganisationen mittlerweile eine regelrechte „Modewelle“ entwickelt. Unter dem Stichwort „Transitional Justice“ (Übergangsgerechtigkeit) habe ein globales Netzwerk von Organisationen einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zum Umgang mit Unrechts-Taten der Vergangenheit entwickelt (siehe HINTERGRUND).

„Die rechtliche Aufarbeitung der völkerrechtlichen Verbrechen ist aus juristischer Sicht ein Muss“, weiß Buckley-Zistel. Doch in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von 2009 bis 2012 mit 500000 Euro geförderten Forschungsprojekt hinterfragt sie mithilfe von ethnographischen Feldstudien die Notwendigkeit der Vergangenheitsaufarbeitung. „Nicht alles passt überall“, zieht die Marburger Konfliktforscherin ein erstes Fazit der Feldforschungen (siehe Artikel unten) in den vier Nachkriegsgesellschaften in Sierra Leone, Mosambik, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Bei aller Unterschiedlichkeit der aufzuarbeitenden Konflikte stellt Buckley-Zistel fest: Den „Werkzeugkasten“ mit den unterschiedlichen Werkzeugen der Vergangenheitsaufarbeitung schematisch anzuwenden, sei viel zu einfach. Dieser Werkzeugkasten beruhe auf den westlichen Erfahrungen vom Umgang mit der Vergangenheit. Doch westliche Maßstäbe von Schuld, Strafe und Gerechtigkeit könnten nicht ohne weiteres auf Situationen übertragen werden, in denen soziales Miteinander nach anderen Konventionen verlaufe.

Buckley-Zistels Mitarbeiterin Friederike Mieth hat anhand eines achtmonatigen Aufenthalts in dem zentralafrikanischen Staat Sierra Leone für das Forschungsprojekt untersucht, wie die Tätigkeit des „Sondergerichtshofs“ in Sierra Leone von der Bevölkerung angesehen wird. Ziel der Arbeit des von den Vereinten Nationen eingesetzten Gerichts sollte es sein, den Opfern des Bürgerkriegs Gerechtigkeit zu bringen und zum Friedensaufbau beizutragen. Zu diesem Zweck wurde den Hauptverantwortlichen der Verbrechen im Bürgerkrieg seit 2002 der Prozess gemacht.

Mieth kam zu dem überraschenden Ergebnis, dass das Bedürfnis zur Aufarbeitung der Vergangenheit in Sierra Leone eher gering ausgeprägt sei. Mehr im Vordergrund stehe zunächst einmal der tägliche Überlebenskampf. Doch genau dafür böten die Gerichtsverfahren kaum Unterstützung, klagten viele Bewohner von Sierra Leone. Anstelle der von der Justiz angebotenen Bestrafung der Täter hätten viele vom Bürgerkrieg Betroffene das grausame Geschehen lieber vergessen wollen. Die Aufarbeitung durch die internationale Gerichtsbarkeit sei auch kritisch gesehen worden, weil schon das Vertrauen in die „normale“ nationale Gerichtsbarkeit in einem von Korruption bestimmten System nicht groß sei.

Gedenkstätte könnte Risikofür Versöhnung werden

Ist es also so, dass die Bürger von Sierra Leone die Ungerechtigkeiten aus dem zurückliegenden Bürgerkrieg auf fatalistische Weise hinnehmen und akzeptieren, dass bis auf einige verurteilte Täter die meisten der für Vergewaltigungen, gezielte Amputationen oder grausame Tötungen Verantwortlichen noch frei herumlaufen?

Teilweise ja, meint Friederike Mieth, doch es gebe noch zwei andere Bewältigungsstrategien: Zum einen setzen viele Menschen darauf, dass die Täter nach ihrem Tod vor dem Gericht Gottes stehen. Zudem vertrauen sie ausgehend von dem einheimischen Konzept des „Hake“ darauf, dass die Täter von einem bösen Omen verfolgt werden und so auch zu Lebzeiten ihre Strafe erhalten. Bei ihrem Forschungaufenthalt in Mosambik fand Teresa Koloma Beck heraus, dass der Friedensprozess nach dem Bürgerkrieg nicht aufgrund des „institutionellen Versöhnungs- und Gerechtigkeit-Instrumentariums“ erfolgreich in Gang gekommen sei. Stattdessen habe ein traditionelles „Verzeihungs-Ritual“ zu einer Art „spirituellen Reinigung“ beigetragen.

Eine immer stärkere Rolle in der Vergangenheitsaufarbeitung spielen Gedenkstätten. Ziel solcher Gedenkstätten ist es, die Würde der Opfer wiederherzustellen und ihr Leid öffentlich anzuerkennen. Das hat Buckley-Zistels Mitarbeiter Christian Braun anhand der Gedenkstätte für das Massaker von Srebrenica untersucht, bei dem im Jahr 1995 im Zuge des Bürgerkriegs im auseinanderbrechenden Staat Jugoslawien 8500 Bosnier - darunter viele Frauen und Kinder - von serbischen Truppen hingerichtet und getötet worden waren. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hatte das Geschehen im Nachhinein als Völkermord (Genozid) bewertet.

Die Darstellung des Massakers in der Gedenkstätte ist aus Brauns Sicht museumspädagogisch sehr effektvoll aufgearbeitet. Ausgeklammert werde dabei jedoch vollständig die Vorgeschichte, bei der rund um Srebrenica im Bürgerkrieg auch eine große Anzahl von Serben durch die Bosnier getötet worden sei. So fühlten sich auch die Serben von vornherein aus der kollektiven Erinnerung ausgeschlossen. Weil ausschließlich die Geschichte aus der Sicht der bosnischen Opfer dargestellt werde, könne die Gedenkstätte zu einem Risiko für den Prozess der Versöhnung werden, meint Braun.

von Manfred Hitzeroth

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