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Zwischen Trauer und Hoffnung

Flüchtlings-Ombudspersonen im Interview Zwischen Trauer und Hoffnung

Seit Wochen sind Shaima Ghafury und Karl Otto Beckmann Ansprechpartner für die Flüchtlinge des ZeltCamps in Cappel.

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Seit vier Wochen im Amt und keinen Tag bereut: Ombudsfrau Shaima Ghafury.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Sie sollen den Flüchtlingen, die nach Marburg kommen, ein Sprachrohr sein, ihre Interessen und Belange wahrnehmen und Lösungen bei Problemen bieten - mit diesen Aufgaben wurden Shaima Ghafury und Karl Otto Beckmann vor vier Wochen betraut, als sie von der Stadt in ihr Amt als Ombudspersonen eingeführt wurden. Im OP-Interview berichten sie über Schicksals- und Hoffnungsmomente im Camp.

OP: Seit vier Wochen sind Sie Ansprechpartner für die Flüchtlinge im Cappeler Camp. Welche Erfahrungen haben Sie seitdem gemacht?
Ghafury: Als ich zum ersten Mal im Camp war, kamen bei mir Erinnerungen wieder hoch, die ich selber als Flüchtling gemacht habe.

OP: Sie, Frau Ghafury, sind im Jahr 1992 mit Ihrem Ehemann und drei Kindern selbst als Flüchtling von Kabul nach Marburg gekommen. Inwieweit profitieren Sie in Ihrer jetzigen Aufgabe von dieser Erfahrung?
Ghafury: Mir wird jedes Mal bewusst, dass ich jetzt ein freies Leben führe und Teil dieser Gesellschaft bin. Das gibt mir Hoffnung für die Menschen, die ich jetzt betreue. In der Funktion als Ombudsfrau gebe ich die Probleme der Flüchtlinge an die Behörden weiter. Wir kümmern uns zwar nur um kleinere Probleme, die für jene Menschen aber wiederum sehr wichtig sind.

OP: Was sind das für Probleme?
Beckmann: Die Probleme, die auf uns zukommen, sind selten ganz schwierige Probleme. Ich fahre täglich auf dem Nachhauseweg am Camp vorbei und bleibe dort mindestens eine Stunde. Dort spreche ich mit den Sozialarbeitern und frage sie, was am Tag passiert ist und wo Hilfe gebraucht wird. In vielen Fällen geht es um organisatorische Probleme wie den Aufwand für Arztbesuche, Nutzung der Stadtbusse, aber eben auch höchstpersönliche Wünsche der Flüchtlinge.

OP: Zum Beispiel?
Beckmann: Es kam zum Beispiel ein Afghane auf mich zu, der unbedingt Fußball spielen wollte. Ihn konnte ich in einen Fußballverein nach Schröck vermitteln. Zu jedem Training wird er von dem Sohn einer Kollegin von mir abgeholt und danach wieder zurückgebracht. Darüber freut er sich natürlich wie ein Schneekönig. Es ist auch toll, wenn man erlebt, wie sich Menschen für andere einsetzen und sie ganz selbstverständlich integrieren. Der Verein möchte ihn sogar unentgeltlich aufnehmen, damit der Versicherungsschutz gewährleistet ist. Das sind so Highlights. Inzwischen ist der Flüchtling nicht mehr in Marburg. Wir versuchen aber den Kontakt zu ihm mit Hilfe der Dolmetscher aufrechtzuerhalten, weil der Flüchtling geäußert hat gerne nach Marburg oder Umgebung zurück zu kommen.
Ghafury: Der Freund des Fußballers aus Afghanistan war in seinem Heimatland Boxer und hat wiederum mich gebeten, dass ich einen Boxclub für ihn finde. Ich hatte dann ein Treffen mit dem Vorstand des Boxclubs Marburg, die den jungen Mann nun aufnehmen wollen und sich auch vorstellen können, eine ganze Gruppe von jungen Männern zu betreuen. Viele Männer wollen Sport machen, denn dann ist das Leben leichter, sie sind abgelenkt und die Aggressionen nehmen ab.

OP: Wir haben von dem Gerücht gehört, dass es vor kurzem eine Schlägerei bei der Essensausgabe gegeben haben soll. Wissen Sie, ob da was dran ist?
Beckmann: Ich weiß von den Sozialarbeitern, dass es wohl Beschwerden wegen des Gedrängels bei der Essensausgabe gab. Das Ordnungsamt Marburg hat sich aber sofort um das Problem gekümmert und es gelöst, indem es Gänge zur Essensausgabe eingerichtet hat. Somit ist das Problem der Drängelei gelöst. Ich bin meistens zur Zeit der Essensausgabe da und habe mich als viele Flüchtlinge da waren, vorgestellt. Das war völlig friedlich, es war für die Sozialarbeiter, die auch gleichzeitig Dolmetscher sind, nur etwas schwierig, sich Gehör zu verschaffen.
Ghafury: Natürlich gibt es manchmal Schwierigkeiten im Camp, aber dafür sind wir ja da. Gestern wurden ein paar Frauen im Auftrag des Regierungspräsidiums nach Darmstadt verlegt, da die Einrichtung dort für Frauen und Kinder besser ausgestattet ist. Es kam eine Frau zu mir und sagte: Bitte helfen Sie mir! Es stellte sich heraus, dass ihr Mann in Gießen untergebracht ist. Sie wollte mit ihrem Kind also gar nicht weg, sondern hier bleiben. Aber es war so viel los - die Frauen wussten nicht genau, wohin und warum sie gehen müssen, sie verabschiedeten sich und weinten, die Sozialarbeiter hatten zu tun - dass sie untergegangen ist. Also habe ich mit dem Mitarbeiter vom Regierungspräsidium vor Ort gesprochen und wir haben entschieden, dass sie hier bleiben kann. Manchmal ist so viel los, dass man nicht alle hören kann.

OP: Nun haben wir schon über die Männer gesprochen. Es gibt aber sicherlich auch viele Frauen im Camp. Was bewegt sie?
Ghafury: Ja, es gibt viele Frauen im Lager, die sich allein oder mit ihren Kindern auf die Flucht begeben haben oder die ihre Männer und Kinder auf der Flucht verloren haben. Das ist sehr schwer, wenn sie davon erzählen.

OP: Was erzählen Ihnen die Flüchtlinge?
Beckmann: Ich spreche mit den Flüchtlingen selten über ihr persönliches Schicksal. Bei mir geht ohne Dolmetscher ohnehin gar nichts. Auf Englisch kann ich mich nur mit drei oder vier Flüchtlingen verständigen. Da ist meine Kollegin mehr gefragt, weil sie viele Sprachen spricht, die im Camp gesprochen werden.
Ghafury: Wenn ich im Lager bin, werde ich manchmal sehr traurig. Ich erlebe Menschen, die vor ein paar Monaten noch ein ganz normales Leben hatten und jetzt alles verloren haben. Sie sind traumatisiert. Viele sind sehr besorgt, weil sie sich ständig fragen, wie es ihren Familien und Kindern wohl geht und wo sie jetzt sind. Darüber möchten die Menschen hauptsächlich sprechen.
Beckmann: Ein älterer Mann, auf dem einen Auge blind, auf dem anderen eine Sehkraft von nur noch 20 Prozent, erzählte mir mit Hilfe einer Dolmetscherin, dass er mit seiner Schwester nach Deutschland geflüchtet ist, sie aber in Bayern verloren hat. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Der ältere Mann stand da, fast blind, ohne die Hilfe seiner Schwester. Wir versuchen jetzt sie wieder zusammenzuführen, wobei wir inzwischen wenigstens schon in Erfahrung gebracht haben, wo sich die Schwester gerade aufhält.
Ghafury: Migration bedeutet auch Verlust von Hab und Gut, Familien und Freunden. Die Flüchtlinge sind traumatisiert. Wenn man dann aber eine Willkommenskultur hat und von offenen Armen empfangen wird, dann ist das die gute Seite von allem.

OP: Sie sagten gerade, dass viele der Flüchtlinge traumatisiert sind. Inwieweit wird ihnen im Camp geholfen, dieses Trauma zu verarbeiten?
Ghafury: Es ist noch nicht an der Zeit, das Trauma zu bearbeiten. Im Moment sind sie einfach nur froh, dass sie hier sind. Ich spreche da aus eigener Erfahrung: Wenn das Ziel erreicht ist, ist das erstmal ein Erfolg. Sie sind jetzt in Sicherheit. Erst viel später wird einem bewusst, was man verloren und erlebt hat. Erst nach drei bis vier Monaten können sie darüber nachdenken und sich damit auseinandersetzen. Es wäre besser, wenn das unter der Begleitung von Psychologen passiert.
Beckmann: Das ist das Problem. Sie sind vielleicht nur vier Wochen hier. Mehr als Ansätze, sie zu integrieren oder eine psychologische Betreuung zu beginnen, können wir in einer Erstaufnahmeeinrichtung nicht leisten. Ich empfinde die Stimmung im Lager aber auch als fröhlich. Das liegt zum Teil an den spielenden Kindern. Wenn ich dort ankomme, dann spielen draußen immer die Kinder. Das erzeugt eine Stimmung die dem tatsächlichen Schicksal eigentlich gar nicht entspricht.

OP: Im Moment wird in den Medien ja viel über gewalttätige Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte berichtet. Fühlen sich die Flüchtlinge dadurch bedroht?
Beckmann: Nein. Politik ist, soweit ich das mitbekomme, kein Thema, über das im Camp gesprochen wird, auch nicht die Ausschreitungen in diesen Flüchtlingsheimen in Sachsen.

OP: Was sind Probleme, mit denen Sie als Ombudspersonen zu kämpfen haben?
Beckmann: Mir fällt auf, dass es im organisatorischen Bereich immer wieder zu Problemen kommt. Als ich einmal ins Camp kam, warteten die Flüchtlinge gerade auf die Auszahlung ihres Taschengeldes. Dabei traten Schwierigkeiten auf, weil ein paar Namen nicht auf der Liste standen, die da eigentlich drauf gehören. Das führt natürlich zu Unmut bei den Menschen. Manchmal muss man sehr schnell handeln.

OP: Was haben Sie sich in nächster Zeit konkret für Aufgaben vorgenommen?
Beckmann: Konkret steht eine bessere medizinische Ausstattung an. Vom Regierungspräsidenten ist fest versprochen worden, dass ein Sanitätszelt im Camp eingerichtet und dass für drei bis vier, möglicherweise auch mehrere Stunden am Tag ein Arzt anwesend sein wird. Bisher gibt es keinen Arzt, noch nicht mal einen Sanitäter im Camp. Stattdessen organisieren die Sozialarbeiter 25 und 30 Arztbesuche pro Tag. Das heißt: Sie müssen Taxen bestellen, Dolmetscher organisieren und mitschicken, Apotheken aufsuchen. Damit ist der Tag für die Sozialarbeiter im Grunde um, aber die eigentliche Arbeit, nämlich Gespräche mit den Flüchtlingen zu führen, kommt dabei zu kurz. Wenn die ärztliche Versorgung vor Ort erfolgen kann, dann ist das größte Problem erst mal gelöst und dann kann man sich wieder um seine eigentlichen Aufgaben kümmern: nämlich um die Flüchtlinge. Ein Teilerfolg wurde inzwischen durch einen Sanitätswagen und die werktägliche Anwesenheit von Sanitätern erzielt. Durch einen direkten persönlichen Kontakt zwischen dem Regierungspräsidenten, dem Oberbürgermeister und mir während des Besuches des Ministerpräsidenten in Cappel wurde innerhalb von 48 Stunden eine deutliche Verbesserung der technischen Ausstattung für die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter erreicht. Jede Erleichterung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führt zu einer deutlichen Verbesserung der Situation derjenigen, um die es eigentlich geht, den Flüchtlingen.
Ghafury: Für mich ist es wichtig, mich um die alltäglichen Probleme der Flüchtlinge zu kümmern. Das steht für mich an erster Stelle. Zudem bin ich in Kontakt mit dem Verein „Kultur und Kulturen“, der für die Flüchtlinge Kunststunden anbieten möchte, in denen sie ihre Träume und Wünsche malen. Die Bilder sollen dann in der Kunstoase ausgestellt werden. Außerdem motiviere ich die Mitglieder unseres Vereins Initiative afghanisches Hilfswerk. Einige werden wohl in der Kinderbetreuung mitarbeiten. Außerdem gehe ich regelmäßig in die Anlaufstelle Im Rudert 2, wo die Freiwillige und die Mitarbeiter von Einrichtungen Deutschkurse und andere Dienste anbieten. Dort treffe ich auch Mitarbeiter vom Magistrat. Mein Ziel ist, dass ich bei der Struktur der Flüchtlingsarbeit in Marburg auf Grund meiner Beobachtungen behilflich sein kann.

von Ruth Korte

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