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Zwischen Terrorangst und Babylachen

MiRo-Kinderheim Zwischen Terrorangst und Babylachen

Seit vier Jahren unterstützt OP-Redakteurin Nadine Weigel das Miro-Kinderheim in Kenia. Im April besuchte sie die 30 Kinder und gründete bei ihrer Rückkehr einen Verein, der das Projekt langfristig unterstützen soll.

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Ausgelassenes Spiel gehört im MiRo-Kinderheim dazu.

Quelle: Nadine Weigel

Mombasa. Halb sieben. Verdammt früh. Nach neun Stunden im Flieger bin ich direkt vom Flughafen ins Miro-Kinderheim gefahren. Der Grund ist super. Waldemar Wiora, Chef von Wiora-Immobilien in Marburg, startet seine Afrikareise zufällig auch in Mombasa und stattet mit mir dem Heim einen Besuch ab. Im Gepäck hat er 2000 Euro, die er den Kindern zugute kommen lässt.

Es wird gerade hell, die Straßenhändler in ihren kleinen Blechhütten am staubigen Straßenrand löschen langsam ihre Petroleumlampen und starten das Tagesgeschäft, verkaufen Gemüse oder geröstete Maiskolben. Auch die Kinder im Miro-Heim sind bereits wach und empfangen uns freudestrahlend, aber mit verschlafenen Augen. Heimleiterin Josephine Mutisya schaut gerade nach den Babys. Ein vier Monate altes Mädchen ist erst seit wenigen Tagen im Heim. Sein Zustand war kritisch, wie bei so vielen Babys, die einfach halb verhungert auf den Müll geworfen wurden. Von allen registrierten Heimen in der Gegend ist das Miro-Heim eines der wenigen, das regelmäßig Babys aufnimmt. Die sind nämlich oft krank und ihre Versorgung somit sehr teuer. Aber Josephine kann die Kleinsten der Kleinen nicht abweisen. „Sie sind so verletzlich“, sagt die Heimleiterin.

Seit 2010 unterstützen OP-Redakteurin Nadine Weigel und Ärztin Dr. Vera Fleig das Mighty Redeemer Orphanage (Miro) in Kenia. Die finanzielle Hilfe zahlreicher Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf unterstützt die Versorgung von mittlerweile 30 Kindern im Alter von wenigen Wochen bis 13 Jahren.

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Den andern Kindern geht es prima. „Nadine, Nadine“-rufend kommen alle angelaufen. Waldemar lacht. Begeistert ist der vielgereiste Immobilienchef von unserem drei Meter hohen Schuhregal, in dem die kleinen Schühchen in Reih und Glied stehen. „So akkurat wünschte ich mir das bei manchem Mieter auch“, sagt er schmunzelnd. Die Schuhe sind allerdings in einem erbärmlichen Zustand. An manchen hängen nur noch Fetzen dran. Und nicht jedes Kind besitzt welche. Das ändern wir.

Da ich diesmal nicht alleine hier bin, sondern von meiner Mutter Marita, meiner Schwester Johanna und meiner Freundin Miriam begleitet werde, haben wir insgesamt gut 60 Kilogramm an Spenden mitgebracht. Zahnbürsten, gesponsert von der Zahnklinik Marburg, Kinderkleidung - darunter auch Fußalltrikots von der JSG Bauerbach/Schröck und dem FV Bracht - sowie Kinderschuhe gespendet vom DRK Marburg packen wir am zweiten Tag gemeinsam aus. „Wooow....diese Schuhe sind wunderschön“, freut sich die achtjährige Rebecca lautstark über ihre silbernen Sandalen.

Keine Kirche - aber eine Wellblechhalle

Auf einem nahe gelegenen Feld testen wir die Schuhe gleich aus und spielen Fußball. Während wir mit den Großen toben, wischt eine der drei Hausmütter den Fußboden. Der Koch bereitet das Abendessen über der Feuerstelle zu und drei Freiwillige aus Dänemark üben mit Moses und Jacob laufen. Die beiden sind schon fast drei Jahre alt, aber aufgrund einer aus Mangelernährung resultierenden Knochenkrankheit sind sie in ihrer Entwicklung weit zurück. Genauso war es jedoch bei Jemmo und auch bei Blessing. Und die rennen grad wie wild dem Ball hinterher. Bald schon werden Moses und Jacob das auch können. Da bin ich sicher.

 

Am Ostersonntag fahren wir zusammen mit Josephine zu einer Kirche, wo sie einen Teil der Osterpredigt hält. Mit rund 40 Menschen singen, beten, tanzen und klatschen wir in einer großen Wellblechhalle, die mit grauen Plastikstühlen bestuhlt ist. Normalerweise werden diese Gottesdienste unter freiem Himmel mit hunderten Menschen abgehalten. Doch die Sicherheitslage ist seit Monaten bedenklich. Immer wieder kommt es zu Anschlägen radikalislamischer Gruppen. Erst vor wenigen Tagen explodierte ein Sprengsatz in einer Polizeistation in Nairobi. Vier Menschen wurden getötet. Wenige Tage später wird auch Mombasa vom Terror heimgesucht. Zwei Sprengsätze auf öffentliche Busse töten drei Menschen. Eine Woche nach unserer Abreise ist auch unsere Unterkunft betroffen, wo ein Sprengsatz in die Luft fliegt. Verletzt wird hier aber glücklicherweise niemand. Seitdem sich Kenia 2011 auf somalischem Boden an Militäraktionen beteiligt, wird das Land von Terroranschlägen islamistischer Rebellen gebeutelt. Gottesdienste sind immer wieder Ziel von terroristischen Angriffen.

Doch das Osterfest lässt sich hier niemand verderben. Ausgelassen tanzen und klatschen die Gläubigen. Meine Mutter kommt aus dem Staunen nicht heraus. „So einen Gottesdienst habe ich noch nie erlebt“, sagt sie lachend.

Am nächsten Tag begehen wir im Heim gemeinsam mit den Kindern das Osterfest mit Tanz und Gesang. Der Koch und die Hausmütter bereiten ein Festmahl vor. Es gibt mit Zimt und Ingwer gewürzten Reis, Hühnchen und leckeres Fladenbrot. Meine Schwester staunt, denn selbst die Babys klammern sich schon an ihre Becher und trinken in einem Zug ihr Getränk aus. Viele der Kinder haben gehungert, bevor sie ins Heim kamen. Die Angst, nicht genügend Nahrung zu bekommen, ist ganz tief in ihnen verankert.

Das Miro-Kinderheim ist seit 2011 offiziell vom Jugendamt registriert. Alle drei Jahre muss diese Registrierung erneuert werden. Ein Komitee des Jugendamtes inspizierte vor kurzem das Heim - und war zufrieden. „Die Kinder werden gut versorgt, bekommen eine gute Ernährung und auch die Schulbildung ist lobenswert“, sagt James Chebon vom Jugendamt. Allerdings seien auch einige Dinge zu verbessern. Zum Beispiel brauchen die mittlerweile 30 Kinder einen Tisch, an dem sie beim Essen gerade sitzen können und auch in der Lage sind, angemessen Hausaufgaben zu machen.

Gesetzt schreibt eine Trennung von Jungen und Mädchen vor

Rund 1500 Euro an Extrakosten werden neben den monatlichen 2000 bis 2400 Euro für die medizinischen Versorgung, Ernährung, Miete, Personalkosten und Schulgeld zusätzlich für die anzuschaffenden Mail auf uns zukommen. Doch dank der großzügigen Spende von Wiora wird die Anschaffung möglich sein.

Das größte Problem jedoch bleibt: Eigentlich müssten Jungen und Mädchen laut Gesetz in getrennten Häusern schlafen. Doch noch immer fehlt uns das Geld, um ein Grundstück zu kaufen und ein Haus zu bauen. „Noch sind die Kinder sehr jung und können unter einem Dach schlafen, aber irgendwann ist auch diese Zeit vorbei“, betont der Jugendamtmitarbeiter und hebt hervor, wie wichtig ein Grundstückskauf für die Selbstversorgung und Nachhaltigkeit seien.

Wenige Tage nach unserer Rückkehr gründen wir einen Verein, um so langfristige Unterstützung leisten zu können. „Die Kinder sollen zu gut ausgebildeten Erwachsenen werden, die in ihrem Land Gutes bewirken“, erklärt Dr. Vera Fleig, die Vorsitzende des Vereins. Irgendwann werden die Kinder des Miro-Heims auf einer kleinen Farm leben, auf der sie lernen, Gemüse anzubauen, Tiere zu versorgen und somit selbständig zu werden. Wir jedenfalls geben die Hoffnung nicht auf, sagt Vera Fleig.

Hintergrund

Seit 2010 unterstützen OP-Redakteurin Nadine Weigel und Ärztin Dr. Vera Fleig das Mighty Redeemer Orphanage (Miro) in Kenia. Die finanzielle Hilfe zahlreicher Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf unterstützt die Versorgung von mittlerweile 30 Kindern im Alter von wenigen Wochen bis 13 Jahren. Das DRK Marburg-Biedenkopf hat ein Sonderkonto eingerichtet und wickelt unentgeltlich die Überweisung sowie die Spendenquittungen ab. Mit Hilfe von 2 000 bis 2 400 Euro im Monat wird das Haus, drei Hausmütter, ein Koch bezahlt sowie die medizinische Versorgung und die Schulausbildung finanziert. 100 Prozent der Spenden kommen direkt den Kindern zugute. Fleig und Weigel fliegen zwei Mal im Jahr unangemeldet und auf eigene Kosten nach Kenia. Im Mai gründeten die beiden den Verein Help-for-MiRO.

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