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Zwischen Schockzustand und Anteilnahme

Reaktionen auf Gewalt Zwischen Schockzustand und Anteilnahme

Die Terroranschläge in Paris erschüttern die Bewohner der Universitätsstadt. Die OP schildert die Eindrücke einiger Marburger, die derzeit in der französischen Hauptstadt studieren, arbeiten, sie bereisen.

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Schweigeminute und Mahnwache auf dem Marktplatz: Am Samstag gedachten rund 100 Marburger den Opfern der Terroranschläge von Paris. Am Montag um 18 Uhr wird es ein weiteres Gedenken vor dem Rathaus geben.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Ich habe die Stadt noch nie so still, die Menschen so abwesend erlebt, wie jetzt“, sagt Tobias Lotz, der gerade sein zweites Auslandssemester an der Universität Vincennes-Saint Denis absolviert. Die Hochschule ist nur wenige Kilometer vom „Stade de France“, in dessen Nähe Selbstmord-Attentäter Bomben zündeten, entfernt. Er habe in seiner WG das Spiel im Fernsehen geschaut und die lauten Geräusche gehört.

Mahnwache auf dem Marburger Marktplatz.

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 „Wie Kanonenschläge klang das, ich dachte erst, das sei extreme Pyrotechnik im Stadion“, sagt der 24-Jährige. Die Stimmung seiner Mitbewohner und Nachbarn sei „total gedrückt“. Es herrsche Angst davor, dass so etwas nun regelmäßig passiere.

„Wir haben gerade einen Cocktail getrunken und herumgeblödelt, als plötzlich eine Frau ein paar Tisch weiter aufschreit und etwas von Bombenexplosionen ruft“, sagt Charlotte Tanésie. Ex-Austauschstudentin an der Philipps-Universität. Die 27-Jährige saß zur Zeit des Anschlags mit Freunden in einer Bar im Süden von Paris – der Konzertsaal Bataclan, in dem Dutzende Geisel gefangen waren, befindet sich im Osten.  Alle in der Bar, schildert Tanésie, hätten ihre Handys rausgeholt, andere sprangen auf und liefen auf die Straße.

"Alle sind im Schockzustand"

Es sei eine „gespenstische Nacht“ gewesen. In vielen Hauseingängen, Wohnungen seien aus Angst vor den Terroranschlägen Fremde zusammengekommen – organisiert über das Internet, in sozialen Netzwerken, auf Empfehlung der französischen Behörden, sich bis auf Weiteres in Häusern zu verstecken. Geredet worden sei kaum noch, sagt Tanésie, „alle schauten leise und fassungslos die Bilder im Fernsehen, lasen Zeitungsmeldungen auf dem Handy, chatteten mit Freunden, und Verwandten“. Das Kommunikationsnetz sei vorübergehend zusammengebrochen. „Alle sind im Schockzustand.“

Anwara Kleine, die Inhaberin eines Modeladens in Marburg, war am Mittwoch – „Gott sei Dank“ aus Paris zurückgekehrt. Ihr Hotel war nur fast drei Kilometer von dem Konzertort entfernt.

Schweigeminuten und Anteilnahme per Facebook

Die schockierenden Nachrichten aus Frankreich erreichten viele Marburger am Freitagabend zuhause oder in den Kneipen –   wo ein Großteil der Teilnehmer nach der Demonstration gegen Fremdenhass zusammenkam, auch viele  Polizeikräfte waren noch in der Oberstadt zu sehen. Ob vor den Fernsehern im heimischen Wohnzimmer, in den Gaststätten oder in den Vereinsheimen  – die Bilder aus Paris ließen die Menschen in Marburg und andernorts regelrecht erstarren.

Sprachlos, aber nicht tatenlos wollten einige Mitglieder des Runden Tischs der Religionen in Marburg sein, spontan entschlossen sie sich am Samstag über soziale Netzwerke und Telefone zu einer Mahnwache aufzurufen.
Rund 100 Marburger gedachten mittags auf dem Marktplatz den Opfern der Anschläge. „Uns vereint, dass wir alle einfach nur bestürzt sind“, sagte Katja Simon, evangelische Pfarrerin in der Universitätskirche. Mit Monika Bunk von der Jüdischen Gemeinde, Dr. Bilal El-Zayat von der Islamischen Gemeinde zündeten alle Teilnehmer nach einer Schweigeminute Kerzen an.

Gläubige verschiedener Religionen und Ungläubige müssten zusammenhalten, um für Frieden und Freiheit einzutetren, sagte El-Zayat. Viele Veranstaltungen begannen am Samstag ebenfalls mit Schweigeminuten, etwa der Parteitag der Linken, auch bei Fußballspielen in den Amateur-Ligen wurde der Opfer gedacht.

In Stadtallendorf bekundeten Muslime am Sonntag öffentlich ihre Trauer um die Opfer in Paris. Dazu nahmen der Imam und der Vorstand der Fatihmoschee an der Gedenkstunde zum Volkstrauertag teil.

In ganz Deutschland haben Nutzer bei Facebook ihr Profilbild  geändert – in den Eiffelturm, der das Friedenszeichen darstellt oder in die französische Nationalflagge.

Mahnwache am Montagabend

  • Am Montag, 16. November, findet um 18 Uhr wieder eine Mahnwache zum Gedenken an die Opfer statt. Das teilte Monika Bunk von der Jüdischen Gemeinde Marburg für den Runden Tisch der Religionen mit.

von Björn Wisker und Anna Ntemiris

Kranzniederlegung für alle Opfer von Gewalt und Krieg
Vertreter von Magistrat, Landkreis, Universität, Bundeswehr und Kreisverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gedachten am Samstagnachmittag auf dem Hauptfriedhof gemeinsam der Opfer von Gewalt und Krieg. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Rückgewinnung von Stabilität und innerer politischer Ordnung, „ist der Krieg wieder in Europa angekommen“, sagte Landrätin Kirsten Fründt (SPD) mit Blick auf die sich in der Nacht vom Freitag zum Samstag ereigneten tödlichen Anschläge in der französischen Hauptstadt. Umso mehr forderte Fründt „nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Gegenwart zu schauen“, wenn es um die Frage nach gemeinsamer Solidarität und Mitgefühl geht. Dass die Flüchtlingssituation nur eine Konsequenz, neben den vielen unterdrückten und zu beklagenden Opfern aus Kriegsgebieten ist, machte die Landrätin deutlich. Am Volkstrauertag, dem stillen Tag, sei deshalb denjenigen Menschen die Ehre zu erweisen, welche Opfer von Gewalt und Krieg geworden sind.
Seit 1919 erinnert dieser Tag vorgeschlagen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und seit 1952 als staatlicher Gedenktag begangen, an die Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft aller Nationen. „Der Volksbund hält nicht nur die Erinnerung wach, er erhält auch die Gedenkstätten“, sagte die Landrätin. So führt der Volksbund seit 1953 internationale Jugendbegegnungen und Workcamps unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“ in ganz Europa durch. Vor allem die kulturelle Wertschätzung aller Nationen und der Abbau von Vorurteilen verdeutliche ein gemeinsames Zusammenwachsen, so der Tenor der politischen Vertreter.  Begleitet von den Musikern des Blasorchesters des TSV Ockershausen verliehen die Schwestern Kathrin und Anna-Lena Botthof mit ihrer Interpretation von „Kyrie“ der Veranstaltung eine würdevolle Atmosphäre während der Kranzniederlegung. „Indem wir heute hier beieinander sind, verpflichten wir uns auch zum Handeln“, sagte Fründt am Ende der Veranstaltung. „Es ist aber zugleich auch eine Mahnung an alle, daran zu arbeiten, das so etwas nicht wieder passiert“, betonte Dr. Kalle Willem Holzfuss, Attaché im Auswärtigen Amt, in Hinblick auf die Folgen von Krieg und Zerstörung.
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