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Zwischen Lack und Leder

Interview Zwischen Lack und Leder

Ein Geschäft im Kaufpark Wehrda. Die Räume sind hell beleuchtet, Radiomusik dudelt aus den Lautsprechern. Doch hier gibt es keine Klamotten oder Möbel wie in den anderen Geschäften. Hier geht es um Sex.

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Michaela Klein betreibt ein Erotik-Fachgeschäft in Marburg.

Quelle: Philipp Lauer

Wehrda. Ein junges Paar steht vor einem Regal mit Vibratoren. Sie tuscheln miteinander und kichern. Ein älterer Herr betritt den Laden und steuert schnurstracks auf die DVDs zu, auf deren Covern sich nackte Frauen in eindeutigen Posen räkeln. „Vor diesem Regal stehen sie manchmal stundenlang und blättern durch die DVDs“, beobachtet Michaela Klein. Sie leitet seit mehr als einem Jahr das Erotik-Fachgeschäft „Orion“ in der Industriestraße.

OP: Helle Räume statt Rotlicht. Radiohits statt Puffmusik. Das ist nicht gerade das, was ich mir vorgestellt habe, als ich Ihren Sexshop betreten habe.
Michaela Klein: Wir sind ja auch kein Sexshop. Wir sind ein Erotik-Fachgeschäft.

OP: Was ist der Unterschied?
Klein: Bei uns gibt es beispielsweise keine Filmkabinen, sondern ausschließlich Erotik-Artikel.

OP: Wer sind denn Ihre Kunden?
Klein: Vom Professor von den Lahnbergen bis zum Bauern aus dem Hinterland sind alle mit dabei. Wir haben auch viele Stammkunden. Darunter ist einer, der seit 20 Jahren mit einer Gummipuppe zusammenlebt.

OP: Mit einer Gummipuppe?
Klein: Ja, „Wanda“ heißt sie. Er kommt regelmäßig her, um ihr Dessous oder andere Dinge zu kaufen. Manchmal bringt er sie auch im Auto mit. Ein ganz lieber Kunde, der einfach nur ein paar Komplexe hat.

OP: Sie haben ja schon einen außergewöhnlichen Job. Wie sind Sie dazu gekommen?
Klein: Das ist so eine Geschichte für sich (lacht). Ich bin gelernte Einzelhandelskauffrau und war 25 Jahre lang Bestatterin. Ich habe den Beruf geliebt. Na ja, man muss ihn auch lieben, denn im Bestattungswesen hat man ja nur mit todtraurigen Menschen zu tun.

OP: Warum haben Sie den Beruf aufgegeben, wenn Sie ihn so geliebt haben?
Klein: Ich habe die „Bestatterkrankheit“ bekommen. Meine Bandscheibe ist kaputt und wurde mit Implantaten gerichtet, wodurch ich nicht mehr schwer heben darf. Also musste ich aufhören. Ich konnte mir aber auch nicht vorstellen, mich in eine Bäckerei zu stellen und Brötchen zu verkaufen. Es sollte etwas Außergewöhnliches sein. Meine Freunde haben mich dann auf die Idee gebracht, mich als Aushilfe im Erotik-Fachhandel zu bewerben.

"Ich habe im August als Aushilfe angefangen und war bereits im Oktober Betreiberin."

OP: Wie war es für Sie, als Sie zum ersten Mal hier waren?
Klein: Ich war vorher noch nie in einem Erotik-Fachhandel und dachte nur „Ach, du lieber Gott“. Ich bin von den ganzen Erotik-Artikeln total erschlagen worden. Aber das hat sich schnell gelegt. Ich hab im August 2015 als Aushilfe angefangen und war bereits im Oktober Betreiberin. Ich liebe diesen Job. Ich hatte 25 Jahre lang mit Menschen zu tun, die traurig weggegangen sind. Hier gehen alle mit einem Lächeln raus.

OP: Sie haben bisher nur von Männern gesprochen. Kaufen hier auch Frauen ein?
Klein: Ja. Das hält sich ziemlich die Waage. Vom Alter her würde ich sagen, Mitte 30 bis weit in die 60er.

OP: Was ist mit den jüngeren Leuten?
Klein: Ich beobachte: Je jünger die Menschen sind, desto größer ist die Hemmschwelle. Wenn Jungs Anfang 20 unseren Laden betreten, gibt es erst mal viel Gekicher. Das ist bei den Älteren nicht so.

OP: Was kaufen Ihre Kunden denn am liebsten?
Klein: Die Herren kaufen viel DVDs, Hilfsmittel, die die Potenz steigern oder Penisringe. Frauen kaufen gerne Dessous, Massageöle, Gleitmittel und natürlich Vibratoren in den unterschiedlichsten Ausführungen. Im Moment gehen der Womanizer, aber auch Paarvibratoren wie der „We-Vibe“ sehr gut weg.

OP: Ich könnte mir vorstellen, dass sich der Hype um den Erotik-Film „Fifty Shades of Grey“ auch auf Ihr Geschäft ausgewirkt hat?
Klein: Das stimmt. Die Nachfrage aus der SM- und BDSM-Szene ist größer geworden. Die Kunden kaufen mehr Fesselzeug, Masken, Handschellen und Artikel in diese Richtung. In dieser Szene geht‘s ja ein bisschen hartgesottener zu.

OP: Ist es Ihnen manchmal peinlich, hier zu arbeiten?
Klein: Nein, überhaupt nicht.

"Meine Meinung ist: Wenn es Bordelle und Gummipuppen nicht gäbe, würde es mehr sexuelle Übergriffe geben."

OP: Und den Kunden, hier einzukaufen?
Klein: Das steht und fällt mit der Beratung. Viele Kunden, die zum ersten Mal in unser Geschäft kommen, sind anfangs sehr schüchtern. Wir geben ihnen dann erst mal Zeit, sich ein bisschen in unserem Geschäft umzuschauen. Diese Freiräume sind wichtig, damit der Kunde sich wohlfühlt. Interessiert sich jemand für einen Vibrator, leg ich ein Batteriechen rein und ermutige den Kunden, ihn auch mal in die Hand zu nehmen, so dass er weiß, wie er sich anfühlt und die Angst verliert. Die Beratung ist das A und O - auch aus gesundheitlichen Gründen.

OP: Inwiefern spielt die Gesundheit hier eine Rolle? Ich dachte, es geht vor allem um Sex?
Klein: Na ja, wir sind hier ja nicht in einem Schuhgeschäft. Wenn sich jemand einen Analplug für den Popo kauft, dann braucht er auch das entsprechende Gel dazu, sonst kann man sich ganz schön weh tun, und ich möchte dafür nicht verantwortlich sein.

OP: Wenn ich mich hier so umschaue, sehe ich, dass auf den Artikeln vor allem nackte Frauen mit halboffenen Mündern und großer Oberweite abgebildet sind. Ich werd das Gefühl nicht los, dass Frauen damit auf ein Sexobjekt beschränkt werden.
Klein: Das sehe ich anders. Die Sachen sind für mich lediglich Hilfsmittel für Singles und Paare, die ein bisschen Schwung in die Kiste bringen wollen. Es gibt auch Männer, die einfach keinen Kontakt mit Frauen haben, weil sie zu schüchtern sind, zum Beispiel unser Kunde, der mit „Wanda“ zusammenlebt. Meine Meinung ist: Wenn es Bordelle und Gummipuppen nicht gäbe, würde es mehr sexuelle Übergriffe geben.

von Ruth Korte

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