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Zweifel an Opfer-Aussagen

Prozess Zweifel an Opfer-Aussagen

Im Prozess gegen einen 50-Jährigen, der seine damals minderjährige Pflegetochter sexuell missbraucht haben soll, sind weitere Zeugen vernommen worden.

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Zweiter Verhandlungstag vor dem Landgericht gegen einen Vater, der des sexuellen Missbrauchs seiner Pflegetochter beschuldigt wird.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die leibliche Schwester (25) des heute 18-jährigen mutmaßlichen Opfers zweifelt an den Anschuldigungen: „Sie kicherte am Telefon, als sie mir von den Vorfällen erzählte. Früher hat sie gekichert, wenn sie gelogen hat“, sagte sie am zweiten Verhandlungstag.

Im Jahr 2011 soll der Angeklagte die damals 15-jährige, von Gutachtern als lernbehindert bezeichnete Frau in der Wohnung mehrfach im Intimbereich angefasst haben. Die Aussage wurde von einer Schulfreundin der mutmaßlich Missbrauchten am ersten Prozesstag gestützt: Immer dann, wenn der Pflegevater allein mit der Jugendlichen zu Hause war, hätte ihre Freundin sie angerufen, um der Gefahr durch den Mann zu entgehen. Der Beschuldigte bestreitet das.

Auch die Pflegemutter (46) kann sich die Vorwürfe nicht erklären. „Ich schwöre beim Grab meiner Mutter, ich habe nichts getan.“ Die Familie habe „ein lockeres Verhältnis zu Hause gehabt, ich musste nie durchgreifen, hänge immer noch an dem Mädchen“, sagte die Zeugin. Als „eher verschlossen“ beschrieb sie ihre damalige Pflegetochter.

Seit dem Umzug 2009 nach Marburg und Wechsel auf eine Förderschule, habe die Jugendliche ihre Freizeit meist im Kinderzimmer, vor dem PC, im Internet oder am Telefon verbracht.

Nachmittags, nach Feierabend der berufstätigen Eltern, habe es zwar Situationen gegeben, in denen Pflegetochter und Pflegevater zur selben Zeit in der Wohnung waren.

„Sie hatte mich jedoch sogar gefragt, wann der Papa endlich nach Hause kommt. Dass sie meinen Mann nicht mochte, hat es nie gegeben“, sagte die Zeugin.

Pädagogin skeptisch, Ärztin glaubt Mädchen

Auch die leiblichen Söhne (26, 25) des angeklagten Pflegevaters aus einer vorangegangenen Beziehung bezweifelten den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe. „Bei meinem Vater waren nie Andeutungen zu bemerken. Das Mädchen war still und immer nur in ihrer Bude“, so der ältere Sohn. „Sie wollte immer zu Hause bleiben, wenn die Mutter mit ihr einkaufen gehen wollte. Es wäre komisch, wenn sie dann absichtlich bei ihrem vermeintlichen Peiniger bleiben wollte.“

Die Schulfreundin, so der Verdacht des Brüderpaars, habe das Mädchen „instruiert“, um gemeinsam zusammen wohnen zu können, was sich später auch so ergeben habe. „Die haben nämlich keine normale Freundschaftsbeziehung geführt“, sagte der 25-Jährige.

Richter Wolf fragte eine weitere Zeugin, die zweite leibliche Schwester der mutmaßlich Geschädigten: „Glauben Sie, dass die ganze Sache nur ausgedacht ist?“ Die 24-Jährige antwortete: „Zumindest nicht allein.“

Auch eine Pädagogin (41) des Beratungsvereins „Wildwasser“, die sich zehn Stunden mit dem mutmaßlichen Opfer unterhielt, ist skeptisch: „Es war oft eine Ambivalenz zu sehen. Dass sie sexuelle Übergriffe erlebt hat, wurde erzählt, jedoch sagte sie nichts über den Inhalt was genau passiert war“, sagte sie.

Zu einem anderen Schluss kommt das Gutachten einer Kinderärztin: „Von einer korrekten Erlebnisaussage ist auszugehen.“ Aus den „körperlich beschriebenen Erlebnissen“ lasse sich „eine wahrheitsgemäße Aussage bei einer Person schlussfolgern, welche vorher keine sexuellen Erfahrungen gemacht hat“, so das Gutachten.Im Gegensatz zu den Zeugen konnte die Ärztin „nicht den Eindruck gewinnen, dass das Mädchen zu ihrer Schulfreundin gewollt hätte“. Die Aussagen seien logisch, es deute „nichts auf Suggestion hin“.

von Arnd Hartmann

  • Plädoyers und Urteil: Montag, 23. Februar (ab 9 Uhr) in Saal 104 des Landgerichts.
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