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Zweidrittel der Marburger lassen sich verbrennen

Urnen-Boom Zweidrittel der Marburger lassen sich verbrennen

Die Zahl der Marburger, die ihren Leichnam verbrennen lassen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen: Zweidrittel der Marburger lässt sich nach dem Tod verbrennen. Wissenschaftler erklären den Trend, der in Städten stärker ist als in Dörfern.

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In Marburg gibt es mittlerweile mehr Feuer- als Erdbestattungen. Ein Trend, der deutschlandweit zu beobachten ist. Das hat Gründe, sagt die Theologin Professor Ulrike Wagner-Rau von der Universität Marburg.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Hochbetrieb im Krematorium: In den vergangenen drei Jahren ließen sich 1100 der insgesamt 1700 in Marburg Verstorbenen in einem Urnengrab beisetzen. Das sind rund zwei Drittel aller Todesfälle in der Stadt - ein Wert oberhalb des Bundesdurchschnitts von 51 Prozent. Alleine 2012 registrierte die Friedhofsverwaltung 344 Urnenbeisetzungen. Das geht aus Daten der Friedhofsverwaltung und des Statistischen Bundesamts hervor.

„Wir verzeichnen einen wachsenden Trend zur Form der Feuerbestattung“, sagt Edith Pfingst, Sprecherin der Stadt. Ein wesentlicher Grund für die Entwicklung ist offenbar das Geld. Während eine Sargbeisetzung im Erdreihengrab 2515 Euro kostet, sind es beim Urnengrab 1435 Euro.

Zudem werden die Grabflächen im Stadtgebiet rar. Die meisten der 25 Friedhöfe, die eine Fläche von 368 300 Quadratmetern zählen, sind nahezu voll ausgelastet. Lediglich ein Teil des Cappeler sowie des Marbacher Friedhofs verzeichnen noch größere Kapazitäten. Die Stadtverwaltung hält den vorhandenen Platz jedoch für „ausreichend, weil alle zur Wiederbelegung genutzt werden“ - sobald die gesetzliche Ruhezeit von 25 Jahren abgelaufen sei.Auf mehr als 80 000 Grabplätze schätzen die Behörden die Kapazität auf den Friedhöfen.

Soziale Mobilität verändert Bestattungskultur

„In den vergangenen 15, 20 Jahren gab es einen tiefgreifenden Wandel in der Bestattungskultur“, sagt Ulrike Wagner-Rau, Theologie-Professorin und Predigerin an der Uni Marburg. Leichnam in der Erde, Asche zur See oder eine Urne, unter einem Baum: Trotz des geltenden Friedhofszwangs, an dem etwa der Verband Aeternitas seit Jahren rüttelt, habe sich die Form der Bestattungen vervielfältigt. Der Motor für diese Entwicklung ist die soziale Mobilität. Umzüge, die Tatsache, dass Familien über das Land, über den Erdball verteilt leben, lasse etwa die Grabpflege für Angehörige unmöglich werden. „Das Erdgrab ist eine Immobilie. Die Urne hingegen ist quasi eine Mobilie“, sagt sie. Kostengründe seien nur ein Faktor für den Urnen-Boom. „Lieblos gegenüber dem Verstorbenen ist das Verbrennen jedenfalls nicht“, sagt die Forscherin. Der Wille, den Tod wie das Leben individuell gestalten zu können, setze sich hingegen immer weiter durch.

Doch schon in den Außenstadtteilen wie Schröck oder im Hinterland ist der Trend zur Feuerbestattung weniger deutlich ausgeprägt. Die Bestattung sei in Dörfern eine soziale, klassische Tradition. In der Stadt ist der Tod privater, auch anonymer.

Indes plant die Stadtverwaltung, an der Preisschraube für Bestattungen zu drehen. Die Friedhofsgebühren, so die Prognose, werden künftig weiter steigen. Ab 2015 wird eine neue Satzung gelten, steigende Energiekosten sowie tarifliche Gehaltserhöhungen für die Angestellten fließen in die Berechnung ein. Im Zwei-Jahres-Rhythmus prüft die Stadt ob Gebühren angepasst werden.

von Björn Wisker

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