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Zwei Schnäbel im Kinderzimmer

Uhus auf der Elisabethkirche Zwei Schnäbel im Kinderzimmer

Hessens berühmteste Uhus haben Nachwuchs – von den vier jungen Greifer auf der Elisabethkirche sind aber nur noch zwei zu sehen. Ein Jungvogel ist tot, der andere verschollen.

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Ein Bild aus besseren Tagen: Die vier jungen Uhus sonnen sich in der obersten Fensternische des Südturms der Marburger Elisabethkirche.

Quelle: Foto: Thorsten Richter

Marburg. Die sensationelle 
Entdeckung kam kurz nach Ostern, als sich die gefiederte Viererbande erstmals vor Zeugen im Südturm der Elisabethkirche präsentierte. In Sabrina 
Gehrmann, Eberhard Lübecke, Ulla Eichhorn-Stullich sowie Hartmut Möller von den Marburger Uhufreunden traten gleichfalls vier offizielle 
Zeugen auf, um den Rekord-Nachwuchs für die Statistik der 
Ornithologen zu bestätigen.

Die Freude über die vier jungen Schnäbel währte aber nur wenige Wochen. Ein Jungvogel ist 
 inzwischen tot, möglicherweise 
Opfer von vergiftetem Ratten­fleisch, wie Mitglieder des 
Naturschutzbundes befürchten. Ein weiteres Uhu-Junges gilt derzeit als verschollen.

Begonnen hat alles vor fünf Jahren, als Hartmut Möller in der benachbarten Karmelitergasse in einer Winternacht wach wurde und gänzlich fremde Geräusche vernahm. Die vermochte der Lehrer zunächst gar nicht einzuordnen – sie waren aber auch in den folgenden Nächten zu hören. Anlass genug, der Sache mal auf den Grund zu gehen, auch wenn auf dem Grund keine Erklärung zu finden war.

Was Hartmut Möller gehört hatte, waren die Balzrufe eines Uhu-Männchens, der damit ab Dezember seine Liebe rumzukriegen versucht. Mit einem rattigen Leckerli beispielsweise wird später die Dame des Herzens dann zu einem geeigneten Brutplatz gelockt.

Und da bot sich offenbar die Elisabethkirche an, in der eine der obersten Fensternischen eigentlich als Nistmöglichkeit für einen regelmäßig durchziehenden Fischadler eingerichtet worden war. Der hinter dem Fenster aufgestellte Holzkasten gefiel offenbar auch den Uhus.

Im Jahr darauf gab es die erste Brut, die von Hunderten in der Folge eifrig beobachtet wurde. Der erste Nachwuchs wurde schnell Elisabeth und Philipp getauft. Der Naturfotograf Axel Wellinghoff, der schon Jahre zuvor Uhus auf der Elisabethkirche fotografiert hatte, gestaltete eine Postkarten-Serie mit dem Uhu-Nachwuchs.

Anwohner beobachten die Uhus mit dem Fernglas

Inzwischen hat sich das Interesse etwas normalisiert, aber es besteht weiter. Viele der umliegenden Anwohnern werfen immer mal wieder ein Auge auf die Uhus, auch in den ansässigen Behörden findet sich das 
eine oder andere Fernglas.

In den ersten Wochen geht es der Uhu-Brut im Südturm ganz gut, auch wenn immer wieder mal ein Schwarm Krähen mit viel Getöse um den Nistplatz flatterte und Revieransprüche geltend machte. Die schwarzen Vögel gehören auch andernorts zu den natürlichen Feinden der Uhus und greifen im Verband auch die viel größeren Altvögel an.

Wenn der Nachwuchs aber flügge wird, folgt die gefährlichste Zeit für die größten heimischen Greifvögel. Diese Zeit beginnt mit einem Jungfernflug, dessen Ziel beim Start völlig im Unklaren liegt. Wirklich fliegen können die jungen Uhus nämlich noch nicht, ihr Gefieder ist aber schon dicht genug, dass es sie für einen mehr oder weniger geordneten Sinkflug trägt.

„Und dann hocken sie dort“, beschreibt Hartmut Möller das Ende dieses ersten Ausflugs. Wenn der sie bis auf den 
Boden trägt, sind sie allen dort lauernden Gefahren ausgesetzt, also beispielsweise auch frei laufenden Hunden. Schutz von den Eltern haben die Jungvögel nicht zu erwarten, wohl aber Futter.

Mit Beginn der Dämmerung sind denn auch die 
ächzenden und krächzenden Rufe des Nachwuchses zu 
hören. Der Uhu-Vater übernimmt in dieser Phase die 
 Versorgung der Jungen.

„Hotel Elisabethkirche“ beherbergt auch andere Vögel

Einer der beiden noch sichtbaren Uhu-Jungvögel hat seinen Jungfernflug schon hinter sich. Er marschiert dieser 
Tage auf dem zweiten Balkon des Südturms und ist offenbar putzmunter, wie Eberhard 
 Lübecke berichtet.

Dass nicht alle jungen Uhus den Herbst erleben würden, war zu erwarten. Nur etwa die Hälfte kommt durch die kritische Zeit, in der die Jungvögel noch nicht fliegen können. Wie eine dramatische Rettungsaktion vor Jahren zeigte, als die Feuerwehr zunächst einen der Uhu-Jungen bergen konnte, der sich an einem der Dachspieße der Kirche verharkt hatte, ist das städtische Umfeld für den Nachwuchs nicht gerade ein ideales Gelände, um groß zu werden.

Auch in diesem Fall kam die Hilfe zu spät, der junge Uhu erlag seinen Verletzungen.

Neben den Uhus sind im 
„Hotel Elisabethkirche“ aber auch noch andere Vögel eingezogen. Ein Turmfalke gehört dazu, der sich derzeit allerdings nicht zeigt, vielleicht weil er von den Uhus bedroht wird, wie Hartmut Möller vermutet. 
Keine Differenzen gibt es 
dagegen mit einem ganzen Schwarm Dohlen, die derzeit auf der Elisabethkirche brüten.

Auf dem imposanten Gebäude, dessen Dachlandschaft zahlreiche Nischen bietet, die zum Teil vom Boden gar nicht auszumachen sind, finden sich auch Tauben. Sie stehen auf dem Speiseplan der Uhus, den auch Ratten, Mäuse, Igel, junge Füchse und andere Vögel bevölkern. Was Bubo bubo, wie der Uhu mit lateinischem Namen heißt, so verspeist, darüber gibt auch die Kastensäuberung Auskunft, die der Nabu vornimmt, wenn die Greifer ausgeflogen sind.

Selbst Nilgänse turteln 
auf der Elisabethkirche

Auch die akrobatischen Mauersegler und Fledermäuse haben auf der Elisabethkirche ein Zuhause gefunden. Selbst ein Paar Nilgänse hat Hartmut Möller dieser Tage auf der Kirche beobachtet, die sich die schweren Vögel offenbar als Balzplatz ausgeguckt hatten.

Der Auszug aus der Kirche ist für den Uhu-Nachwuchs im Übrigen ein endgültiger. Die jungen Vögel müssen sich, wenn sie von den Eltern nicht mehr versorgt werden, ein eigenes Revier suchen. Das bietet idealerweise einen aufgelassenen Steinbruch mit reichlich offener Landschaft drumherum. Davon hat der Landkreis an Lahn und Ohm einige zu bieten. Aus Schutzgründen werden die bekannten Nistplätze nicht publik gemacht.

Noch sind zumindest zwei der jungen Uhus vom Haupteingang der alten Kinderklinik aus auf dem linken Turm gut zu beobachten. Die Uhufreunde wollen jetzt noch klären lassen, woran der vierte Jungvogel gestorben ist. Die Naturschützer bitten zugleich darum, insbesondere in den nächsten Wochen auf das Auslegen von Rattengift zu verzichten.

von Frank Rademacher

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