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Zwei Jahre lang keine Miete gezahlt

Betrugsprozess Zwei Jahre lang keine Miete gezahlt

Das hochverschuldete Ehepaar hatte sein Haus an Verwandte verkauft und wohnte dort weiter als Mieter. Den Mietzins jedoch blieb es schuldig – 17 000 Euro insgesamt.

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Ein Marburger Ehepaar musste sich vor dem Amtsgericht wegen Betruges verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Vor gut drei Jahren verkauften die Eheleute ihr Haus in Marburg an Familienangehörige, um es vor der drohenden Zwangsversteigerung zu retten. Mit den Verwandten vereinbarte der 60 Jahre alte Ehemann einen gemäßigten Mietvertrag für sich und seine 49-jährige Ehefrau, um weiterhin in dem Familienhaus wohnen zu können. Die monatliche Miete von 650 Euro zahlte er jedoch nie.

Bereits im Jahr zuvor hatte der bankrotte Hausbesitzer eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, war sich bewusst, dass er die Miete nicht würde aufbringen können, so die Anklage. „Ich stand unter großem Druck“, versuchte der 60-Jährige während der Verhandlung vor dem Marburger Amtsgericht zu erklären. Aufgrund einer Krankheit ist er seit Jahren erwerbsunfähig, konnte nach seiner Privatinsolvenz die Raten für sein ehemaliges Haus nicht mehr begleichen. Nachdem seine Verwandten das Haus samt Schulden übernommen hatten, wollte das Paar weiter dort wohnen bleiben.

Angeklagter fühlt sich eher als Opfer denn als Täter

Geld für Miete hatte es jedoch keines übrig, erklärte der Ehemann und sprach von einer zu hohen Miete von über 800 Euro mit zu hohen Nebenkosten, welche die Familienangehörigen angeblich verlangt hätten. Innerhalb von zwei Jahren zahlte der Angeklagte nur einen minimalen Betrag von etwa 300 Euro.

Gespräche mit den Vermietern brachten keine Ergebnisse, das Verhältnis zwischen den Verwandten verschlechterte sich zunehmend. Seine Ehefrau wusste nichts von der prekären finanziellen Situation und der fehlenden Miete. Erst als sie von der Familie bedroht und beschimpft worden sei, erfuhr sie von den Problemen, sagte die 49-Jährige.

Er sehe sich nicht als Betrüger, die Verwandten hätten über seine finanziellen Probleme schließlich Bescheid gewusst, betonte der Ehemann. Dies konnte Amtsanwältin Tina Grün nicht nachvollziehen, fragte genauer nach, weshalb er „nicht einmal eine halbe Miete in zwei Jahren“, geschweige denn zumindest einen Anteil beglichen hätte „um die Gemüter zu beruhigen“.

Monatlich habe er 1100 Euro für sich und seine Ehefrau zur Verfügung, davon sei nichts übrig geblieben, sagte der Angeklagte. Er fühle sich eher als Opfer denn als Täter, sein Haus habe er den Verwandten „aus gutem Willen“ und unter Wert verkauft. Den Mietvertrag zu unterschreiben sei ein Fehler gewesen. Während der zwei Jahre habe er vergeblich versucht, eine günstigere Sozialwohnung zu finden, konnte aber nichts an der Situation ändern, sagte der 60-Jährige.

Dies sahen die geprellten Vermieter anders. Um den Verwandten zu helfen und das Elternhaus zu erhalten, hätten sie das Gebäude samt Schulden übernommen, teilten die Geschädigten vor Gericht mit.

Vermieter suchten neue Wohnung für das Paar

Dabei gingen sie davon aus, dass der ehemalige Hauseigentümer leicht für die mäßige Miete aufkommen könne. Als Verwandte hatten sie damals auf einen Nachweis der Zahlungsfähigkeit verzichtet, von Schulden nichts gewusst, erklärten die Vermieter.

Der Angeklagte habe wiederholt versprochen zu zahlen, immer wieder fadenscheinige Ausreden erfunden und sich schließlich beschwert, dass sie überhaupt Miete verlangten, betonten die Zeugen.
Anfangs wollten sie noch helfen, ließen sich immer wieder vertrösten, suchten später selber eine neue Wohnung für das Paar. Auch als eine neue Unterkunft gefunden worden war, zogen die Angeklagten nicht aus. Mit der Zeit häuften sich die Auseinandersetzungen zwischen den Verwandten. Das Verhältnis endete schließlich völlig zerrüttet und mit dem Auszug der Angeklagten. „Es ist schleichend eskaliert“, erklärte der Vermieter.

Auch danach habe der 60-Jährige weiter Streit gesucht, wiederholt angerufen und mehrmals ungebeten das Grundstück betreten.
„Den ganzen Tag über gab es Telefonterror, zweimal erhielt ich Morddrohungen“, sagte der Zeuge. Insgesamt sei ihnen in über zwei Jahren ein Schaden von rund 17 000 Euro entstanden.

Da der angeklagten Ehefrau eine Beteiligung an der Täuschung nicht nachgewiesen werden konnte, wurde das Verfahren gegen sie eingestellt. Strafrichterin Dr. Antonia Wetzer verurteilte den Ehemann schließlich wegen Betrugs zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 15 Euro. Der Angeklagte habe nie wirklich versucht, seine Zahlungsverpflichtungen zu leisten oder den erheblichen Schaden wiedergutzumachen, gab die Richterin der Anklage Recht.

von Ina Tannert

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